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Medizin

Typ 1-Diabetes: „Künstliche Betazellen“ überzeugen in ambulanten Praxistests

Donnerstag, 26. November 2015

dpa

Cambridge – Die Kombination aus einer kontinuierlichen Blutzuckermessung, einer Insulinpumpentherapie sowie einem Tablet/Smartphone mit einer Software, die regelmäßig die notwendige Dosis berechnet, hat in zwei Studien an Erwachsenen und Heranwachsenden mit Typ 1-Diabetes die Blutzuckerkontrolle deutlich verbessert, ohne das Hypoglykämie-Risiko zu erhöhen, wie die jetzt im New England Journal of Medicine (2015; 373: 2129-2140) publizierten Ergebnisse zeigen.

Die Entwicklung eines „künstlichen Pankreas“ oder präziser von „künstlichen Beta-Zellen“ schreitet langsam aber sicher voran. Rein technisch ist die Behandlung bereits seit längerem möglich. Geräte zur kontinuierlichen Blutzuckermessung wurden erstmals 2000 eingeführt. Insulinpumpen, die eine vorgegebene Dosis applizieren, stehen bereits seit den 1980er Jahren zur Verfügung. Auch die Algorithmen, die in Echtzeit aus dem Blutzuckerwert die benötigte Insulindosis berechnen, sind keine Hürde.

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Dass die Entwicklung nur langsam voranschreitet, liegt vor allem an der Sorge, dass eine versehentliche Überdosierung eine lebensgefährliche Hypoglykämie auslöst, die der Patient, weil sie nachts auftritt, nicht bemerkt, oder auf die er infolge einer geistigen Verwirrtheit nicht angemessen reagieren kann.

Zu den weiter fortgeschrittenen Initiativen gehört das „Artificial Pancreas Project at Cambridge“ (APCam), deren Ergebnisse ein Team um Roman Hovorka vom dortigen Institute of Metabolic Science jetzt vorstellt. An der ersten Studie nahmen 33 erwachsene Typ-1-Diabetiker teil, die das „Closed-loop“-System über einen Zeitraum von zwölf Wochen Tag und Nacht testeten. Die zweite Gruppe bestand aus 25 Kindern, die über zwölf Wochen nur nachts an den „künstlichen Beta-Zellen“ angeschlossen waren.

Um Komplikationen durch einen Ausfall der Technik zu verhindern, mussten die Teilnehmer darauf achten, dass alle drei Geräte eine gute Ladekapazität hatten und sich in einer bestimmten Reichweite befanden. Wenn Smartphone oder Tablet per WLAN keine Werte vom kontinuierlichen Messsystem empfangen konnten, gab das Gerät einen Alarmton ab und das System schaltete automatisch auf eine vorprogrammierte Insulinpumpenbehandlung um.

In einer offenen „Cross Over“-Studie testeten alle Teilnehmer zunächst das „Closed-loop“-System und dann eine vorprogrammierte Insulinpumpenbehandlung oder vice versa. In beiden Gruppen steigerten die künstlichen Beta-Zellen die Zeit, in denen der Blutzucker sich im vorgegebenen Zielbereich befand.

Bei den Erwachsenen war dies zu 67,7 Prozent der Zeit der Fall gegenüber 56,8 Prozent unter der normalen Insulinpumpentherapie. Der Unterschied von 11,0 Prozentpunkten war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 8,1 bis 13,8 Prozentpunkten statistisch signifikant. Der mittlere Blutzuckerspiegel war im „Closed-loop“-System um 11 mg/dl (6 bis 17) und der HbA1c-Wert um 0,3 Prozentpunkte niedriger. Gleichzeit fielen die Hypoglykämien zu 39 Prozent (24-51 Prozent) schwächer aus. Maßstab war hier das Integral (Area under the curve (Auc)) aus Zeit und den Blutzuckerwerten unter 63 mg/dl.

Bei den Kindern und Adoleszenten war der Vorteil noch größer. Die nächtliche Zeit, in der der Blutzucker im Zielbereich (70 bis 145 mg/dl)war, konnte von 34,4 Prozent unter der konventionellen Insulinpumpentherapie auf 59,7 Prozent während der „Closed-Loop“-Blutzuckerkontrolle gesteigert werden. Die Differenz von 24,7 Prozentpunkten war mit eine 95-Prozent-Konfidenzintervall von 20,6 bis 28,7 Prozentpunkten signifikant. Der mittlere Blutzuckerspiegel war um 29 mg/dl (20 bis 39) niedriger und die Hypoglykämien fielen zu 42 Prozent schwächer aus als unter der konventionellen Insulin­pumpentherapie.

Hovorka und Mitarbeiter registrierten drei schwere Hypoglykämien bei zwei Patienten. Alle Episoden traten auf, als sich das Closed-Loop-System abgestellt hatte. Die betroffenen Patienten, ein Erwachsener und ein Adoleszent, erholten sich vollständig und ohne bleibende Schäden von den Hypoglykämien. Die Autoren betrachten die Studie als erfolgreichen ersten Alltagstest für die künstlichen Beta-Zellen.

© rme/aerzteblatt.de

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