Medizin

England: Mehr Geburts­komplikationen am Wochenende

Freitag, 27. November 2015

London – Die Geburtskliniken des staatlichen Gesundheitsdienstes (NHS) in England haben ein Wochenend-Problem. Laut den Ergebnissen einer bevölkerungsweiten Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 351: h5774) kommt es am Samstag und Sonntag zu einem Anstieg der perinatalen Todesfälle und der mütterlichen Infektionen.

Anzeige

Ein „weekend effect“ konnte in den letzten Jahren für verschiedene Krankheiten aufgezeigt werden. Die erhöhte Mortalität bei schweren Erkrankungen wird in der Regel auf die schlechtere personelle Besetzung an den Wochenenden zurückgeführt. Ob auch die Geburtshilfe betroffen ist, bei der Todesfälle heute sehr selten geworden sind, wurde bisher nicht genau untersucht.

William Palmer und Mitarbeiter vom Imperial College London haben deshalb die administrativen Daten des National Health Service ausgewertet. Er erfasst nicht nur alle Geburten des Landes – Hausgeburten oder von Hebammen geführte Geburtshäuser sind in England selten. Palmer konnte auch herausfinden, ob Mütter und Kinder in der Woche nach der Geburt erneut behandelt werden mussten und ob Säuglinge in dieser Zeit gestorben sind. Die perinatale Mortalität gilt allgemein als anerkanntes Kriterium für die Versorgungsqualität in der Geburtshilfe. Von den Kliniken wird erwartet, dass sie an sieben Tagen in der Woche eine gleich gute Arbeit abliefern.

Dies ist nach den Ergebnissen der Forscher möglicherweise nicht der Fall. Die peri­natale Mortalität, die unter der Woche bei 6,5 pro 1.000 Neugeborenen lag, stieg am Samstag und Sonntag auf 7,1 pro 1.000 Neugeborene an. Der Unterschied mag gering erscheinen. Er bedeutet aber, dass pro Jahr in England schätzungsweise 770 Kinder (95-Prozent-Konfidenzintervall: 720-830) sterben, weil sie am Wochenende geboren wurden. Insgesamt sterben in England jedes Jahr 4.500 von etwa 675.000 Kinder in den ersten sieben Tagen nach der Geburt.

Auch Infektionen der Mutter („Wochenbettfieber“) traten nach einer Geburt am Wochenende häufiger auf. Palmer ermittelte einen Anstieg der Häufigkeit von 0,82 auf 0,87 Prozent, was landesweit 470 (430-510) zusätzlichen Infektionen entspricht, vor einem Hintergrund von 5.569 Infektionen bei 666.400 Müttern pro Jahr.

Palmer hat versucht, die Gründe für den Anstieg von perinataler Mortalität und maternaler Morbidität zu ermitteln. Die naheliegende Vermutung, dass die geringere personelle Besetzung am Wochenende dafür verantwortlich ist, konnte der Forscher jedoch nicht belegen. Die einzige Komplikation, die an Kliniken mit einer ausreichenden Besetzung und solchen mit personeller Unterversorgung auftrat, war ein leichter Anstieg der Dammrisse von 3,0 auf 3,3 Prozent. Die eigentliche Ursache für den „weekend effect“ bleibt deshalb weiter unbekannt. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

27.02.17
Graz – In Österreich hat ein Mann nach einer Geschlechtsumwandlung laut einem Zeitungsbericht ein Kind zur Welt gebracht. Die frühere Frau hatte beim Wechsel des Geschlechts ihre Gebärmutter behalten,......
24.02.17
Erfurt – Eine Thüringer Suchthilfe-Einrichtung entwickelt derzeit ein Präventionsangebot, mit dem verhindert werden soll, dass Schwangere Drogen nehmen. Das Projekt ziele nicht nur auf Frauen, die......
23.02.17
Filderstadt – Eine Frau hat in Filderstadt ohne Kaiserschnitt Drillinge zur Welt gebracht. „Sie kamen in der 35. Woche, das ist außergewöhnlich“, sagte Hauke Schütt, Chefarzt der Gynäkologie der......
23.02.17
Babyboom in Großstädten: Kreißsäle an der Kapazitätsgrenze
Dresden – Volle Kreißsäle, zu wenig Betten für Mutter und Kind: Der Babyboom stellt die Geburtskliniken mancherorts vor große Herausforderungen. Vor allem in den Großstädten kommen einige Stationen......
20.02.17
Zahl der Geburtsstationen in Krankenhäusern zurückgegangen
Berlin – In Deutschland gibt es immer weniger Krankenhäuser mit einer Geburtsstation. Seit 1991 wurden bundesweit 477 Geburtshilfeeinrichtungen geschlossen, das entspricht einem Rückgang um 40......
17.02.17
Berlin – Jeder Schluck Alkohol während der Schwangerschaft kann die Gesundheit eines ungeborenen Kindes stark beeinträchtigen. Obwohl insbesondere Gynäkologen und Hebammen über die Risiken......
14.02.17
Warum Nikotin in der Schwangerschaft zu Hörstörungen bei den Kindern führt
Berlin – Die Einwirkung von Nikotin auf den Hirnstamm könnte für Hörstörungen verantwortlich sein, die bei Kindern von starken Raucherinnen beobachtet wurden. Dies zeigen Experimente an Tieren im......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige