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Ärzteschaft

Fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an den pathologischen Folgen übermäßiger Internetnutzung

Montag, 30. November 2015

dpa

Berlin - Jedes fünfte Kind oder Jugendlicher reagiert ruhelos und gereizt auf Online-Einschränkungen. Elf Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben mehrfach erfolglos versucht, ihre Internetnutzung in den Griff zu bekommen. Oft geben Eltern ihren Kindern keine Regeln zum Umgang mit Laptop oder Smartphone. Das zeigt eine neue Studie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen zur Internetsucht von 12- bis 17-Jährigen, die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Für die repräsentative Untersuchung hat das Forsa-Institut 1.000 Mütter und Väter zum Internet- und Computergebrauch ihrer 12- bis 17-jährigen Kinder befragt. „Es ist die erste Eltern-Studie, die neben der Dauer und der Art der Internetnutzung auch mögliche pathologische Folgen für die Jungen und Mädchen untersucht“ erklärte Manfred Güllner, Geschäftsführer des Forsa-Instituts.

Hauptergebnisse der DAK-Studie: 22 Prozent der 12- bis 17-Jährigen fühlen sich ruhelos, launisch oder gereizt, wenn sie ihre Internetnutzung reduzieren sollen. Etwa jedes zehnte Kind nutzt das Internet, um vor Problemen zu fliehen. Bei elf Prozent der Befragten hat das Kind mehrfach erfolglose Versuche unternommen, seine Internet­nutzung in den Griff zu bekommen. Jungen sind etwas mehr betroffen als Mädchen.

Nach der Studie haben Kinder im Durchschnitt im Alter ab 11,6 Jahren begonnen, das Internet selbstständig zu nutzen. Bei etwa einem Zehntel der befragten Eltern waren die Jungen und Mädchen jünger als zehn Jahre. Häufig vereinbaren Eltern mit ihren Kindern keine Regeln für den Umgang mit dem Computer.

Jungen spielen, Mädchen chatten
Nach der Befragung schätzen die Eltern die private Internetnutzung der Kinder an einem normalen Werktag auf rund zweieinhalb Stunden. Am Wochenende steigt die verbrachte Zeit im Durchschnitt auf vier Stunden an. 20 Prozent der Jungen und Mädchen sind am Samstag oder Sonntag sechs Stunden und mehr am Computer. Während Jungen die meiste Zeit mit Online-Spielen verbringen, nutzen die Mädchen das Internet zum Chatten. In jeder dritten Familie sorgt die Internetnutzung manchmal bis sehr häufig für Streit.

„Das Internet bietet Kindern und Jugendlichen große Möglichkeiten und Chancen. Gleichwohl dürfen die Risiken nicht unterschätzt werden“, sagte der Pressesprecher der Bundesdrogenbeauftragten, Andreas Deffner. „Die Zahlen gehen nach oben, auch wenn die Datenlage insgesamt noch nicht gut ist.“

Die aktuellen Zahlen aus der Forsa-Studie bezeichnete Deffner als „brauchbare Anregungen und wichtige Hinweise für die Präventionsarbeit“. Die Vermittlung einer frühen Medienkompetenz sei der entscheidende Schlüssel zur Prävention gesundheits­schädlicher Auswirkungen des Internetgebrauchs. Das Thema Onlinesucht will die Drogenbeauftragte zum Schwerpunktthema in 2016 machen.

Diagnostische Kriterien der „Internetspielstörung“
„Die aktuelle Befragung macht deutlich, dass Suchtgefährdung bei Kindern und Jugendlichen  besteht“, erklärt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Die Daten deuten darauf hin, dass etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter pathologischen Folgen ihrer Internetnutzung leiden.“ Thomasius wies auf die diagnostischen Kriterien (nach DSM-5) einer „Internetspielstörung“ hin:

  • Gedankliche Vereinnahmung,
  • Entzugserscheinungen wie Gereiztheit, Unruhe, Traurigkeit und Konzentrationsprobleme
  • Toleranzentwicklung
  • Kontrollverlust
  • Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen
  • Verhaltensbezogene Vereinnahmung
  • Dysfunktionale Stressbewältigung, das heißt Einsatz des Computerspielens um negative Gefühle zu regulieren
  • Dissimulation, das heißt Eltern oder Therapeuten werden über das tatsächliche Ausmaß des Spielverhaltens belogen

Neue Aufklärungsbroschüren
„Unsere Studie zeigt, dass bei vielen Eltern offenbar eine große Verunsicherung bei der Internetnutzung ihrer Kinder herrscht“, sagte Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK Gesundheit. Die Krankenkasse will die Ergebnisse zum Anlass nehmen, um die Prävention zu verstärken und neue Hilfsangebote aufzuzeigen. Sie finanziert neue Aufklärungsbroschüren, die Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte über das Thema informieren und auf die auch Ärzte und Psychotherapeuten hinweisen können.

Herausgegeben werden die Hefte mit ausführlichen Hintergrundinformationen, Beispielen und einem Selbsttest vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. © pb/aerzteblatt.de

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