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Politik

Studie: Gesundheitssystem geht kaum auf Bedürfnisse Älterer ein

Dienstag, 1. Dezember 2015

dpa

Berlin – Das derzeitige Gesundheits- und Pflegesystem geht nach einer Studie nicht ausreichend auf die Bedürfnisse älterer Menschen ein. Eine integrierte Pflege, die mehr Hilfe im Alltag biete, könnte häufig teure stationäre Aufenthalte verhindern oder zumindest verkürzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag verbreitete Studie im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewater­houseCoopers (PwC). Die Akteure im Gesundheitswesen seien sehr spezialisiert und arbeiteten getrennt von einander. Dies führe zu Doppel- und Dreifachbehandlungen und damit zu unnötigen Mehrkosten.

Michael Burkhart, Leiter des PwC-Bereichs Healthcare und Pharma, erläuterte, alte Menschen betrachteten Gesundheit ganz unterschiedlich. „Was die einen als Krankheit empfinden, die behandelt werden sollte, betrachten andere als altersbedingte Beschwerden, die sie für sich akzeptieren.” Letztere benötigten lediglich Hilfe für Dinge, die sie nicht mehr selbst schaffen.

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Ansonsten könnten sie ihr Potenzial voll ausschöpfen. „Unser Gesundheitswesen bietet da kaum Unterstützung und fragt alte Menschen nicht nach ihren Bedürfnissen”, kritisierte Burkhart.

Um das Gesundheitssystem angesichts der alternden Gesellschaft dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem.

Netzwerke ambulanter Dienstleister könnten dann über mehrere Jahre hinweg die gesundheitliche Versorgung einer Gruppe von Menschen übernehmen, für die sie feste Sätze pro Person erhalten. Wie das Budget eingesetzt werden solle, entschieden die Pflegeteams vor Ort. „Je besser die Qualität der Betreuung, je besser die Prävention, desto weniger Kosten fallen langfristig an.”

Burkhart verwies auf erste Modelle, die in diese Richtung zielen. Das "Gesunde Kinzigtal" sei eine solche Einrichtung, die 31 000 Versicherte der AOK und LKK Baden-Württemberg betreut. Die Krankenkassen zahlen demnach für sie vorab einen Abschlag. Falls Qualität und Prävention zu geringeren Kosten für die Versicherten führten als im bundesweiten Schnitt, erhalte dieses Netzwerk aus Ärzten, Therapeuten und Kliniken einen Anteil der erreichten „Gesundheitsdividende”.

Zum 1. Januar startet das zweite Pflegestärkungsgesetz von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU). Danach soll Pflege so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden möglich werden, nach dem Grundsatz: „Reha vor Pflege”. Unter anderem sollen also Rehabilitationsangebote stärker in die Pflege integriert werden.

© dpa/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 3. Dezember 2015, 23:37

PwC geht es gar nicht um alte Menschen

PwC-Wirtschaftsberater sorgen sich ernsthaft um die "Alten"?
Bei dieser analytisch eher mageren Mitteilung der Deutschen-Presse-Agentur (dpa) und des Deutschen Ärzteblatts, © dpa/aerzteblatt.de, geht es um eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) mit dem Titel: "Das Gesundheitssystem geht an den Bedürfnissen alter Menschen vorbei".

Vgl. die PwC-Pressemitteilung vom 1. 12.2015 unter
http://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2015/das-gesundheitssystem-geht-an-den-beduerfnissen-alter-menschen-vorbei.html

Verfasser ist Michael Burkhart, PwC-Partner in Frankfurt/M. Der Studienautor leitet deutschlandweit den Geschäftsbereich Gesundheitswesen & Pharma bzw. ist Ansprechpartner für Bilanzierungsfragen im Gesundheitswesen und damit eher Wirtschaftsprüfer und -experte.

Inhaltlich wird ein Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen bei der Versorgung älterer Menschen reklamiert. Dieser beginnt allerdings mit einer primär durch den Kliniken- und Krankenkassen-Blickwinkel getrübten Analyse: Der vorgeblich klinische Fokus auf das Kurieren von Krankheiten ginge in der Tat an den Bedürfnissen vieler Senioren vorbei.

Die versorgungs-medizinische, pflegerische und teilhabe-fördernde Realität sieht aber völlig anders aus, weil hier überwiegend Haus-Ärztinnen und -Ärzte, ambulante und stationäre Pflegedienste bzw. Familienverbünde diese Herkules-Aufgabe stemmen. Fachärzte, Fach- und REHA-Kliniken sind daran biografisch gesehen nur zu einem Bruchteil beteiligt.

Ökonomisch und juristisch vorbelastete, fachliche Expertisen verkennen i. d. R. die exponierte Bedeutung einer lebenslangen hausärztlichen Allgemein- und Familienmedizin ("von der Wiege bis zur Bahre"): Da dies im universitären, wissenschaftlich geprägten Medizinbetrieb der Krankenhäuser von der Uniklinik bis zum Kreiskrankenhaus gar nicht adäquat abgebildet, bzw. wirtschaftlich und soziokulturell nicht reflektiert wird. Ein krasser Gegensatz zur etablierten "Family Medicine" der englischsprachigen und von dort beeinflussten Länder GB, F, USA, RSA, AUS bzw. BENELUX und Skandinavien.

Dort ist die ärztliche Inanspruchnahme gerade bei Älteren quantitativ und qualitativ erheblich geringer. Viel seltener sind Facharzt- und Klinikbesuche bzw. stationäre Aufenthalte: Weil es ein abgestuftes, bedarfs-adaptiertes Netzwerk bio-psycho-sozialer Hilfen, Gemeinde-naher Psychiatrie-, Geriatrie und Pflegeeinrichtungen gibt und damit ärztliche Interventions-Notwendigkeiten begrenzt.

Die Analyse von Michael Burkhart (PwC) ist übrigens so neu nicht: Bereits im Oktober 2015 hat PwC-International eine fast gleichlautende Publikation mit dem Titel "We are entering a new era of health – New Health" kreiert.
http://www.pwc.com/gx/en/healthcare/pdf/pwc-elderly-care-report.pdf

Da sind die Schlagzeilen bei PwC-Deutschland wohl nur übersetzt worden:
- Integrierte Pflege statt stationärer Aufenthalte
- Feste Sätze pro Person lassen Gestaltungsspielräume
- New Entrants und Digitalisierung eröffnen neue Möglichkeiten
- Zufriedenheit der Bewohner als Maßstab für Vergütung als "benchmarking" mit "you get, what you pay for" als “new health”?

Als Verkennung der Realität kann allerdings folgende zentrale PwC-Forderung gelten: "Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)". Das bedeutet im Klartext auf unsere deutschen Kranken- und Pflegeversicherungs-Systeme, egal ob gesetzlich einkommensabhängig oder privat pauschal, GKV- oder PKV-kranken- bzw. pflege-versichert: Was die Versicherten als Vertrauensvorschuss bisher lebenslang vorfinanziert und eingezahlt haben und wo Rücklagen gebildet wurden, soll völlig auf den Kopf gestellt werden?

O-Ton PwC: "Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)". Das wäre nichts anderes als die völlig unsinnige und unlogische "Kopfpauschale", die in der Sozialversicherung schon mehrfach krachend gescheitert ist. Unter anderem, weil ein AZUBI, eine Rentnerin, die auch noch putzen gehen muss, oder ein Frührentner in die Sozialversicherungssysteme nicht so viel einzahlen können, wie ein Bankdirektor oder Firmen-Vorstand!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. St.Moritz/CH)
Avatar #101447
SOCO10
am Mittwoch, 2. Dezember 2015, 19:00

Senioren stark machen

Ich finde es wichtig, älteren Menschen ihre Rechte als Patienten zu verdeutlichen. Jüngere Leute wissen, dass und wie sie Entscheidungen widersprechen können. Ältere leute lassen sich vom Arzt und der Krankenkasse zu viel gefallen aus falsch verstandener Demut.
LNS

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