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Politik

Große regionale Unterschiede bei Mandel-Operationen bei Kindern

Mittwoch, 2. Dezember 2015

dpa

Berlin – Die Zahl der Mandel- und Blinddarm-Operationen bei Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren zwar zurückgegangen. Doch nach wie vor bestehen erhebliche regionale Unterschiede bei der Zahl der Eingriffe. So gibt es etwa in der Region Magdeburg viermal mehr Mandel-Operationen bei Kindern und Jugendlichen als in der Region Ingolstadt. Zu diesem Ergebnis kommt der Versorgungsreport 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die regionalen Unterschiede nähren Zweifel, ob tatsächlich alle Operationen nötig sind, zumal sie ja Kinder und Jugendliche in einem erheblichen Maße körperlich belasten. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) warnte vor unnötigen Eingriffen. „Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass nur Operationen durchgeführt werden, die medizinisch notwendig sind - und das gilt unabhängig vom Wohnort“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Gröhe erinnerte daran, dass Patienten das Recht auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung haben.

WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber erläuterte, möglicherweise hätte die eine oder andere Mandelentzündung auch mit einer konservativen Methode  geheilt werden können. Die Unterschiede könnten nach seinen Worten unter anderem Hinweise auf regionale Über- oder Unterversorgung sein sowie auf einen fehlenden gemeinsamen Maßstab für Eingriffe. Sie zeigten jedenfalls die Notwendigkeit bundesweit einheitlicher Richtlinien. Diese gebe es seit Herbst für Mandel-Operationen. Für Blinddarm-Behandlungen fehlten sie noch.

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“
Der designierte AOK-Vorstandsvorsitzende Martin Litsch sagte, die Gesundheits­versorgung von Kindern und Jugendlichen dürfe nicht von der Postleitzahl abhängen. Er mahnte zugleich zur Zurückhaltung bei der Vergabe von Arzneimitteln an Kinder. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, sagte er. Sie bräuchten ihre eigenen Medikamente. Litsch warnte auch vor ungesunder Ernährung bereits im Kindesalter. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Zahl übergewichtiger Kinder verdoppelt. Sechs Prozent der Kinder seien sogar krankhaft übergewichtig. Eine typische Folge davon könne ein Diabetes sein.

Andrerseits wüssten zwei Drittel der Deutschen nicht, wie viel Zucker sie am Tag zu sich nehmen. Litsch appellierte vor allem an die Nahrungsmittelindustrie, bei der Verwen­dung von Zucker in Lebensmitteln mit besserer Kennzeichnung mehr Transparenz an den Tag zu legen. Denn gerade der versteckte Zucker in Ketchup, Bio-Limonade oder Joghurt sei zum Problem geworden.

Krankenhausgesellschaft fordert grundlegende Versorgungsforschung
Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, kritisierte den Report. Regionale Unterschiede bei der Anzahl von Mandel- oder Blinddarmoperationen hätten vielfältige Gründe und seien kein Beweis für Über- oder Unterversorgung in Deutschland. Die regionale Unterschiede könnten sowohl historisch gewachsen sein, als auch medizinische Gründe haben. Zudem gibt es unterschiedliche medizinische Schulen, die insbesondere bei Eingriffen, die auch bei der Indikationsstellung Variationen zu lassen, berücksichtigt werden müssen. Er forderte eine bessere Versorgungsforschung, die auch die Ursachen der unterschiedlichen Operationshäufigkeit analysiert.

Nach dem Versorgungsreport ging die Zahl der Mandeloperationen bei Kindern und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren von 2005 bis 2014 um ein Fünftel (19,3 Prozent) auf rund 108.000 Eingriffe zurück. 2012 habe sich eine Rate von 37 operierten Patienten je 10.000 Einwohnern bis 24 Jahre ergeben. In der Region Ingolstadt belaufe sie sich auf rund 17 je 10 000 Einwohner, in der Region Magdeburg auf rund 66, erläuterte das WIdO.

Die Zahl der Blinddarmentfernungen bei Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren sank zwischen 2005 und 2014 um gut ein Viertel (25,6 Prozent). Für 2012 ergebe sich eine Operationsrate von 27,1 je 10 000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Dabei belaufe sich die Rate im Osten Schleswig-Holsteins auf 13 und in Ingolstadt auf 52, teilte das Institut weiter mit. © dpa/aerzteblatt.de

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Dr.Bayerl
am Mittwoch, 9. März 2016, 20:31

Sehr geehrter Herr Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO, also ZU WENIG ANTIBIOTIKA!!!

Egal wie es Ärzte machen, es ist immer falsch!
Klauber
am Mittwoch, 9. März 2016, 15:58

Kommentar zu den Ausführungen von Dr. Schätzler vom 9. März 2016

Herr Dr. Schätzler unterstellt in seinem Kommentar, dass das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) die Zahl der Mandel- und Blinddarmoperationen in Bezug auf die Klinikstandorte ausgewertet hätte. Dies ist nicht zutreffend: Das WIdO hat die OP-Häufigkeiten in Bezug auf den Patientenwohnort ausgewertet. Die im Kommentar angeführten "Wanderungsströme" der Patienten werden also gerade in dieser Auswertung berücksichtigt. Die Ungleichheiten in der OP-Häufigkeit bezüglich der in der Region lebenden Kinder bestehen unabhängig davon, ob sich in der Region eine Klinik mit HNO-Abteilung befindet oder nicht.

Herr Dr. Schätzler kritisiert außerdem, dass ich auf der Pressekonferenz "behauptet haben soll, möglicherweise hätte die eine oder andere Mandelentzündung auch mit einer konservativen Methode geheilt werden können". Richtig ist, dass Herr Prof. Dr. Windfuhr, Leitlinienkoordinator der AWMF-Leitlinie zur „Therapie entzündlicher Erkrankungen der Gaumenmandeln – Tonsillitis“, für den Versorgungs-Report 2015/2016 Versorgungsdaten von Kindern und Jugendlichen ausgewertet hat. Ich habe die Ergebnisse in der Pressekonferenz wie folgt zusammengefasst: „Faktisch hatten im letzten Jahr vor dem Operations-Quartal 35 Prozent der Operierten mit Tonsillektomie nicht eine einzige Mandelentzündung mit Antibiotika-Behandlung. In den letzten drei Jahren vor dem OP-Quartal trifft dies auf 22,5 Prozent der AOK-Patienten zu. Bei 45 Prozent der Operierten wurden nur in einem Quartal der letzten drei Jahre vor dem Eingriff Antibiotika bei Vorliegen einer relevanten Diagnose verordnet. 64 Prozent der Operierten wurden maximal in zwei Quartalen des Dreijahreszeitraums entsprechend antibiotisch therapiert. Offensichtlich wurden in einem beachtlichen Teil der Fälle die Möglichkeiten konservativer Therapie wenig oder überhaupt nicht genutzt." In Deutschland gibt es aktuell seit August diesen Jahres eine Leitlinie der Fachgesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die vorsieht, dass Tonsillektomien oder Tonsillotomien bei einer Mandelentzündung dann eine therapeutische Option sind, wenn in 12 bis 18 Monaten mindestens sechs Mal eine eitrige Tonsillitis (Mandelentzündung) mit Antibiotika therapiert wurde.“

Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 9. März 2016, 11:10

WIdO - Fehlgeleitete Versorgungsforschung?

OT des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO): "Im Rahmen des Schwerpunktthemas widmet sich der Versorgungs-Report 2015/2016 der „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, der eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zukommt. Ärzte, Epidemiologen, Versorgungsforscher und Präventionsexperten beleuchten den Gesundheitsstatus der Heranwachsenden und analysieren deren gesundheitliche Versorgung sowie den Stand von Prävention und Gesundheitsförderung. Im Fokus stehen hierbei:
- gesundheitliche Trends bei Kindern und Jugendlichen
- Entwicklungen bei der Verordnung von Arznei- und Heilmitteln
- hyperkinetische Störungen
- Mandel- und Blinddarmoperationen
- Einsatz bildgebender Verfahren
- evidenzbasierte Präventionsstrategien und regionale Entwicklungsförderung" (Zitat Ende)

Doch die vom WIdO Medizin-bildungsfern geäußerten Zweifel, ob tatsächlich alle Operationen nötig sind, negieren die Fakten bzw. statistischen Verzerrungen. Denn man hat hier nur alle Kliniken, operative Zentren und regional äußerst ungleich verteilte kinder-chirurgische Einrichtungen nach deren Postleitzahlen berücksichtigt, nicht aber die Wanderungsströme der AOK-Versicherten und ihrer kranken Kinder!

Denn es gibt viel zu wenig qualifizierte kinderchirurgische Abteilungen in der Fläche Gesamtdeutschlands, ebenso wie es nach der Pflegereform keine spezialisierten Pflegefachkräfte in der gesamten Kinder- und Jugendmedizin mehr geben wird. In der knapp 600.000 Einwohner zählenden Großstadt Dortmund mit einem kinder-chirurgischen und einem HNO Zentrum als Klinikum Dortmund (KLIDO) werden wegen dieser Spezialisierung wesentlich mehr Kinder und Jugendliche operiert, weil das dichtbesiedelte Einzugsgebiet im 30-Km-Radius alle Städte und Gemeinden mit versorgt. Selbst die Uniklinik Witten-Herdecke ohne eigenständige Kinderchirurgie schickt Kinder und Jugendliche in ihre Dortmunder Ausbildungsklinik.

Das WIdO-Beispiel der "Region Ingolstadt" unterstreicht eine gewisse Krankheits- und Versorgungs-epidemiologische bzw. geografische Ignoranz. Ingolstadt liegt genau im Schnittpunkt zwischen der nahen Uniklinik Regensburg, den Universitäts-Kliniken Erlangen/Nürnberg, München I und II bzw. Klinikum Augsburg. Dorthin wandern viele Patienten ab und entlarven damit WIdO-Zweifel, ob tatsächlich alle Operationen nötig sind, als "Fata Morgana". Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU), der vor unnötigen Eingriffen warnt: „Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass nur Operationen durchgeführt werden, die medizinisch notwendig sind - und das gilt unabhängig vom Wohnort“ enttarnt sich damit , mit Verlaub, als Quacksalber. Ebenso
WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber, der behauptet haben soll, möglicherweise hätte die eine oder andere Mandelentzündung auch mit einer konservativen Methode geheilt werden können, fehlt allen Beteiligten die Berechtigung zur Ausübung der Heilkunde.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Mauterndof/A)


Dr.Bayerl
am Mittwoch, 9. März 2016, 09:20

Bitte nicht Mandeln und Blinddarm in einen Topf werfen!

Immerhin sind 2014 151 Todesfälle durch Appendicitis registriert (K352 bist K381) und unter 748 Todesfällen wegen Peritonitis (K650-K669) sind noch weitere Folgen von Appendizitis versteckt.
Ich rechne daher bei dem allgemeinen antioperativen "Trend" mit einer Zunahme der Todesfälle.

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