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Politik

Die Gesundheits­versorgung von Flüchtlingen ist eine Herausforderung

Donnerstag, 3. Dezember 2015

dpa

Berlin – Deutliche Kritik an der Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge in Deutschland übte der Psychologe und Migrationsexperte David Ingleby, Universität Amsterdam. „Deutschland befindet sich im europäischen Vergleich am untersten Ende der Skala was den Zugang zum Gesundheitssystem für Flüchtlinge betrifft“, sagte er gestern bei einer Veranstaltung in Berlin. Durch den eingeschränkten Zugang verschwende Deutschland jedes Jahr viel Geld. Eingeladen hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften, um über den Stand und die Heraus­forderungen der gesundheitlichen Versorgung von Asylsuchenden zu beraten.

Dies sei eine große Aufgabe, bei der grundsätzlich noch mehr Interdisziplinarität gefordert sei, betonte Leopoldina-Präsident Jörg Hacker. „Wir brauchen eine humane Aufnahmepolitik und müssen weiterhin die gesellschaftliche Bereitschaft für die Aufnahme von Flüchtlingen sichern.“ Die gesundheitliche Versorgung  von Flüchtlingen stelle das deutsche Gesundheitssystem vor neue Aufgaben. Die Akademien haben fünf vorrangige Handlungsfelder ausgemacht, die sie in einer Stellungnahme ausgearbeitet haben.

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Leopoldina bevorzugt Polikliniken in Erstaufnahmeeinrichtungen
Zusammengefasst favorisieren die Akademien eine medizinische Versorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen durch spezialisierte Polikliniken. Diese sollten gekenn­zeichnet sein durch kultur- und religionssensitive medizinische Expertise, (Fach-)Dolmetscher sowie die Einbindung in die Gestaltung und Organisation der Einrich­tungen. Gewährleistet werden sollte auch eine Vernetzung mit Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und den Sozialträgern vor Ort.

Im Gegensatz zu den favorisierten Polikliniken hält Wissenschaftler Ingleby eine Basisversorgung (primary care) in den Erstaufnahmeeinrichtungen für den besseren Weg. Spezialisierte Angebote sollten Asylsuchende dann wie einheimische Patienten in der Umgebung aufsuchen können. „Flüchtlinge haben die gleichen Bedürfnisse an eine Gesundheitsversorgung wie wir auch“, betonte er.

„Viele abgelehnte Asylbewerber tauchen in die Illegalität ab“
Ingleby machte auf ein Problem aufmerksam, das bislang in der Flüchtlingsdebatte weniger im Fokus stand: die gesundheitliche Versorgung von nicht-registrierten Flüchtlingen. „Viele abgelehnte Asylbewerber tauchen in die Illegalität ab.“ 2015 habe Deutschland bislang rund 183.000 Ablehnungen ausgesprochen. Gehen illegal in Deutschland legende Menschen aus Angst vor Abschiebung nicht zum Arzt, können sich Krankheiten chronifizieren und steigen Ansteckungsrisiken.

„In akuten Notsituationen wird Illegalen in den Krankhäusern geholfen, aber bei der Behandlung von chronischen Erkrankungen ergeben sich für die Ärzte haftungsrechtliche Fragen und finanzielle Risiken“, erklärte Heyo Kroemer, Dekan der Universitätsmedizin Göttingen. Dennoch: „Wir brauchen eine Systematik in der Versorgung von Illegalen.“

Notwendig sei auf jeden Fall die Ermittlung der Daten der nicht-registrierten Flüchtlinge, forderte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Berlin. Grundsätzlich fehlten dem RKI jedoch auch Daten zum Gesundheitszustand  der registrierten Flüchtlinge. „Wir geben bisher nur Expertenmeinungen wieder - das ist der niedrigste Evidenzgrad“, betonte Wieler. Es sei generell möglich, die Strukturen, die das Institut mit den großen Studien zur Gesundheit in Deutschland (DEGS und KIGGS) aufgebaut habe, auch auf die Erstaufnahmeeinrichtungen auszudehnen.

Keine erhöhte Gefahr für Infektionskrankheiten bei Asylsuchenden
„Wir wissen jedoch, dass von Asylsuchenden keine erhöhte Gefahr für Infektionskrankheiten ausgeht“, betonte der RKI-Präsident. „Alle anderen Behauptungen sind Meinungsmache.“ Sie seien grundsätzlich für die gleichen Infektionen anfällig wie die ansässige Bevölkerung. Auf ihrer Homepage hat das Robert Koch- Institut Empfehlungen veröffentlicht, die auf die besondere Situation von Asylsuchenden zugeschnitten sind: 

Auf das Problem der mangelnden Daten zu Asylsuchenden, beziehungsweise unzureichenden Datenverzahnung, machte Ute Teichert, Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf, aufmerksam. „Wir haben Meldedaten, können aber zum Teil nicht sagen, ob das Asylsuchende sind oder seit langem hier lebende Migranten.“

Probleme gebe es aber bereits bei der Registrierung der Flüchtlinge in den Erstauf­nahme­einrichtungen: „Es kann sein, dass ein Flüchtling in Bayern aufgenommen wird, aber in dem Bundesland, in das er gebracht wird, hat man diese Daten nicht zur Verfügung“, sagte Teichert. In Krisensituationen müsse es bessere Abstimmungs­möglichkeiten zwischen den Ländern geben. Der öffentliche Gesundheitsdienst sei mit allen verfügbaren Ressourcen an der Versorgung der Flüchtlinge vor Ort beteiligt, doch es fehle ihm grundsätzlich an Personal. © pb/aerzteblatt.de

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