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Politik

„Drei Pflegekräfte mehr pro Krankenhaus: Das ist doch lächerlich“

Montag, 7. Dezember 2015

Berlin – Der Kampf um Pflegefachkräfte ist in deutschen Krankenhäusern längst entbrannt. Hugo Van Aken, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster, erklärt, welche Auswirkungen dies sowohl auf die Arbeit der Ärzte als auch auf die Erlöse eines Krankenhauses hat.

Fünf Fragen an Hugo Van Aken, Universitätsklinikum Münster

DÄ: Herr Professor van Aken, wie groß ist der Pflegemangel in Deutschland?
Van Aken: Bei uns in der Intensivmedizin ist der Pflegemangel erheblich. Normalerweise stehen uns für die operative Intensivmedizin 70 Betten zur Verfügung. Weil wir nicht genug Pflegekräfte haben, mussten wir elf Betten schließen. Deshalb betreuen wir bei uns nur noch die ganz schweren Fälle. Im Umfeld der Univer­sitätsklinik gibt es fünf kirchliche Krankenhäuser. Geht es den Patienten etwas besser, verlegen wir sie nach zwei, drei Tagen in eines dieser Häuser.

DÄ: Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Mitarbeiter?
Van Aken: Für jeden aus unserer Abteilung wird dadurch die Arbeit anstrengender. Denn es ist natürlich normal, dass wir nur solche Patienten verlegen, die Intensivpflege brauchen, aber keine richtige Intensivtherapie mehr.  

DÄ: Welche Ursachen hat der Pflegemangel?
Van Aken: Weil es bei uns nur noch schwere Fälle gibt, müssen die Pflegekräfte härter arbeiten als in anderen Häusern. Für unsere Stadt heißt das: Sie gehen natürlich lieber in eines der kirchlichen Häuser – zudem sie dort auch noch mehr verdienen. Wir sind an einen Tarifvertrag gebunden und können deshalb nur etwa 200 Euro weniger brutto bezahlen als die anderen Häuser. Durch die Arbeitsverdichtung steigt zudem auch die Zahl der Pflegekräfte, die krankheitsbedingt ausfallen.

DÄ: Hat der Pflegemangel Auswirkungen auf den Umsatz des Universitätsklinikums?
Van Aken: Ja. Denn wir haben zurzeit zwar keinen Ärztemangel – und die Ärzte sind ja diejenigen, die im DRG-System die Umsätze generieren. Weil wir aber zu wenige Pflegekräfte haben, können wir manche Operationen dennoch nicht durchführen und verlieren dadurch Einnahmen. Und außerdem: Wenn Patienten nach einigen Tagen in ein anderes Krankenhaus verlegt werden, erhält dieses Haus ja auch einen Teil des Erlöses für den Fall.

DÄ: Reichen die Gegenmaßnahmen der Bundesregierung, zum Beispiel das Pflegestellenförderprogramm, aus, um den Pflegemangel zu beheben?
Van Aken: Nein, absolut nicht. Das Pflegestellenförderprogramm ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die dafür vorgesehenen 660 Millionen Euro bedeuten drei Pflege­kräfte mehr pro Krankenhaus. Das ist doch lächerlich. Allein in unserer Abteilung fehlen 20 bis 25 Pflegekräfte. Besser wäre es, wenn wir die Möglichkeit erhielten, das Gleiche zu bezahlen wie die anderen Häuser. Dann würde sich die Situation in den Unikliniken deutlich verbessern. © fos/aerzteblatt.de

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