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Medizin

Forscher fordern Teil-Moratorium für Genom-Editing

Freitag, 4. Dezember 2015

Washington – Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern hat sich nach einem dreitägigen Treffen in Washington für ein Moratorium des Genom-Editing von menschlichen Keimzellen ausgesprochen. Ein Einsatz an somatischen Zellen zur Behandlung von Krankheiten wird dagegen für vertretbar gehalten und die Grundlagenforschung sollte in jedem Fall weitergeführt werden, heißt es in einer abschließenden Stellungnahme.

Auf Einladung der US-National Academy of Sciences, der britischen Royal Society und der chinesischen Akademie der Wissenschaften hatten sich führende Forscher in Washington getroffen, um die Vorteile und Risiken des Genom-Editing gegeneinander abzuwägen. Die erst vor wenigen Jahren entwickelten Methoden ermöglichen es, einzelne Gene auf dem Genom herauszuschneiden und bei Bedarf durch eine andere Version zu ersetzen. Dadurch wird es im Prinzip möglich, Gendefekte wie die Sichelzell-Anämie zu heilen, HIV-Infizierte mit resistenten CD4-Zellen auszustatten oder das Immunsystem im Kampf gegen Krebserkrankungen zu stärken. Es könnten jedoch auch „Designer-Babys“ mit gewünschter Augenfarbe und anderen Eigenschaften versehen werden.

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Die Gruppe um Jennifer Doudna von der Universität von Kalifornien in San Francisco, die vor drei Jahren mit CRISPR/Cas9 die derzeit effektivste Methode zum Genom-Editing entwickelt hat, und David Baltimore, einem Pionier der Genforschung, versucht jetzt eine Gratwanderung. Die Grundlagenforschung und die präklinische Erprobung werden als „unbedingt erforderlich“ erachtet. Sie sollte im Rahmen von „rechtlichen und ethischen Regeln und unter Aufsicht“ fortgesetzt werden. Auch der klinische Einsatz an somatischen Zellen (die im Unterschied zu Keimzellen nicht auf die nächste Generation vererbt werden) sei zu rechtfertigen. Allerdings hätten die ersten Versuche (bei denen das Genom-Editing weniger präzise Ergebnisse erzielt hatte als erwartet) gezeigt, dass Vorteile und Risiken zunächst in klinischen Studien untersucht werden sollten.

Den Einsatz an Keimzellen lehnen die Forscher – jedenfalls vorerst – ab. Die Risiken bestünden in einem ungenauen Genom-Editing, bei dem die Gene am falschen Ort oder nur teilweise im Erbgut platziert würden. Solche Fehler könnten derzeit nicht korrigiert werden und würden, da sie durch Fortpflanzung weitergegeben werden, leicht den Gen-Pool der Menschheit verändern. Dieser Schritt müsse aus Sicht der Forscher zunächst auf moralischer und ethischer Ebene genau diskutiert werden.

Genomchirurgie beim Menschen: Noch viele Fragezeichen

Mit neuen gentechnischen Verfahren lassen sich die Genome in lebenden Zellen verändern – auch an der menschlichen Keimbahn. Wissenschaftler sprechen sich derzeit gegen die Experimente aus, fordern ein Moratorium und eine Debatte. Erinnerungen an den Beginn der 90er Jahre kommen auf: Damals wurden die ersten Menschen mit Genen behandelt. 

Einen ersten Tabu-Bruch hatte es in diesem Bereich im Frühjahr gegeben. Chinesische Forscher berichteten in „Protein & Cell“ von ihrem Versuch, mittels CRISPR/Cas9 das Gen der Beta-Thalassämie aus menschlichen Zygoten zu beseitigen (was gründlich misslang). Die Forscher versicherten zwar, dass eine Implantation der Embryonen niemals geplant gewesen sei.

Dennoch befürchteten viele westliche Experten, dass chinesische Forscher ihre Bedenken nicht teilten (und sich auf diesem Gebiet einen uneinholbaren Vorsprung verschaffen). Die Teilnehme chinesischer Vertreter an der dreitägigen Tagung wurde deshalb als ein Hoffnungszeichen begrüßt, dass in dieser Frage ein weltweiter Konsens möglich sein könnte.­ © rme/aerzteblatt.de

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