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Medizin

Mehrstündige Flüge bei Kopftrauma möglicherweise problematisch

Montag, 7. Dezember 2015

Baltimore – Soldaten mit einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) über mehrere Stunden aus dem Kriegsgebiet zu einem Krankenhaus mit umfassenden Versorgungsmöglichkeiten zu fliegen, könnte auf Grund von ungünstigen Druckverhältnisse während des Fluges eine zusätzliche Belastung für das Gehirn bedeuten. Dies geht zumindest aus tierexperimentellen Daten hervor, welche für die langfristigen Unterdruckverhältnisse eine zusätzliche Hirnschädigung zeigten. Alan Faden und seine Arbeitsgruppe an der University of Maryland berichten im Journal of Neurotrauma über eine von der US-Air Force finanzierten Studie (doi:10.1089/neu.2015.4189).

Im Rahmen der Erstversorgung empfehlen viele Leitlinien laut den Autoren außerdem die Gabe von Sauerstoff. Dies soll neuroprotektive Effektive bieten, jedoch ist der Nutzen laut den Autoren nicht eindeutig belegt. Im Zusammenhang mit den niedrigeren Druckverhältnissen während der langen Transporte seien die Konsequenzen einer solchen prolongierten Sauerstofftherapie letztlich unbekannt.

Die Forscher testeten den Effekt der veränderten Druckverhältnisse und den Nutzen einer Sauerstoffgabe bei Ratten mit einer traumatischen Hirnschädigung. Als Kontrollgruppe dienten Tiere, denen nur ein Trauma zugefügt wurde ohne weitere Therapie und scheinoperierte Ratten.

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Die Tiere wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Schädigung (sechs Stunden, 24 Stunden, 72 Stunden und sieben Tage) über sechs Stunden einem niedrigen Luftdruck von 568 mmHg ausgesetzt (normal= 765 mmHg) und mit 28 Prozent oder mit 100 Prozent Sauerstoff beatmet. Die Forscher kontrollierten die neurologischen Auswirkungen dieser Exposition und das Maß der Hirnschädigung nach 30 Tagen.

Sie stellten fest, dass der niedrige Luftdruck nach der Schädigung die kognitiven Fähigkeiten der Ratten negativ beeinflusste. Auch der Neuronenverlust im Hippocampus fiel durch die hypobare Intervention stärker aus und die Entzündungsreaktion im Gehirn nahm zu. Je früher die Ratten nach dem SHT dem geringen Luftdruck ausgesetzt wurden, desto stärker war der Schaden.

In Bezug auf die zusätzliche Gabe von 100 Prozent Sauerstoff konnten die Wissenschaftler eher negative Effekte feststellen. Die beschriebenen Schäden durch den niedrigen Luftdruck verstärkten sich durch die Sauerstoffgabe zusätzlich.

Die Wissenschaftler gehen auf Grund der Ergebnisse davon aus, dass Ärzte lange Lufttransporte nach einem SHT und die zusätzliche Gabe von Sauerstoff kritisch abwägen müssten. Möglicherweise könnte ein stundenlanger Flugtransport den Vorteil einer besseren Versorgung in weiter entfernten Krankenhäusern aufheben. Allerdings fehle es an klinischen Studien, die diese Hypothese stützten.   

Für die Versorgung von Unfallopfern mit SHT in Deutschland hat die US-Militär-Studie aber zunächst keine Implikationen, erläutert die Arbeitsgemeinschaft Medizinische Leiter der Luftrettungsorganisationen in Deutschland (AG MedLO) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das experimentelle Luftdruckniveau in der Studie entspreche einer Flughöhe von rund 2.500 Metern über Normalnull, während Rettungshubschrauber in Deutschland üblicherweise in einer Höhe von rund 200 Metern über Grund operierten, so dass ungünstige Druckverhältnisse hier keine Rolle spielten.

Zudem entsprächen die im Tierexperiment simulierten Flugzeiten von mehreren Stunden und die Latenzzeit zwischen Verletzung und simuliertem Flug nicht den Gegebenheiten bei der Unfallrettung in Deutschland. „Die Frage nach einem flugindu­zierten Schaden stellt sich bei uns nicht, im Gegenteil sprechen viele klinische Studien für eine schnellstmögliche Behandlung dieser Patienten in Traumazentren, was häufig nur durch einen Hubschraubertransport realisiert werden kann“, so das Fazit der AG. © hil/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #20117
drmarx
am Montag, 14. Dezember 2015, 22:25

Vergleich mit europäischer Luftrettung problematisch

Als Arzt, der seit vielen Jahren in der Luftrettung tätig ist, möchte ich auf die Gefahr hinweisen, die Ergebnisse der Studie ohne Weiteres auf europäische oder bundesdeutsche Verhältnisse zu übertragen. Es wäre nicht hilfreich, wenn bei Notärztinnen und Notärzte der Eindruck erweckt werden würde, der Transport schwerverletzter Patienten mit Hubschraubern in Europa wäre problematisch.

Genau das Gegenteil ist wahr:
Laufende Datenerhebungen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und der in der Luftrettung in Deutschland tätigen Organisationen belegen, dass die Zahl der tödlich Verletzten mit Schädel-Hirn-Trauma durch den Einsatz der Luftrettung signifikant vermindert werden konnte im Vergleich zum Landtransport.

Dabei wird im Artikel von großen Entfernungen ausgegangen, ohne dass dies näher spezifiziert wird. Im Bereich der Bundesrepublik Deutschland werden Hubschraubertransporte im Mittel innerhalb einer Entfernung von etwa 40 Km vom Notfallort entfernt durchgeführt. Die Flugzeit zu einem Traumazentrum beträgt im Mittel 10 Minuten und durch den Einsatz der Luftrettung konnte die Übergabe in die auf die Versorgung von Schwerverletzten deutlich verkürzt werden. Leider konnte auch durch die Luftrettung das Ziel der 0 - Minuten - Grenze vom Trauma bis zum Erreichen des Krankenhauses nicht erreicht werden, hier liegt die Zeitschiene immer noch bei etwa 70 Minuten.

Luftdruckschwankungen spielen bei der Luftrettung in Deutschland mit Hubschraubern des Rettungsdienstes in der Praxis keine Rolle, denn in der Regel Patienten in einer Höhe von 1000-2000 Fuß (etwa 300 - 600 m über Grund) transportiert. Selbst bei Einsätzen im Gebirge stellen die Kürze der Einsatzzeit und die auch hier sehr limitierten Höhenunterschiede keine wirkliche Einschränkung zum Transport mit Hubschraubern dar.

Möglicherweise hebt die Studie eher auf den Transport von Schädel-Hirn-Verletzten im Kriegsfall mit einem stundenlangen Transport in großer Höhe ab. Diese Situationen sind jedoch eher in Flächenflugzeugen zu beobachten. Mir erscheinen die sicher in den USA unter den speziellen Untersuchungsbedinungen erhobenen Daten glaubwürdig, aber aus meiner Sicht besteht die Gefahr, dass die Schlußfolgerungen auf den Einsatz der Luftrettung mit Rettungshubschraubern in Europa übertragen wird und Notärztinnen und Notärzte unnötigerweise verunsichert werden.

Durch den Einsatz der Luftrettung mit Rettungshubschraubern kann vielen Patienten das Leben gerettet werden. Je frühzeiter Rettungshubschrauber gemeinsam mit der Bodenrettung eingesetzt werden, desto effektiver kann die medizinische Versorgung von schwerverletzten Patienten eingesetzt werden. Dies belegen die qualitätssichernden Datenerhebungen der Luftrettung.


Dr. med. Frank Marx
Arzt für Anästhesiologie, Notfallmedizin
Jorissenstege 27
46485 Wesel
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