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Medizin

Therapie­verzögerungen erhöhen Sterberisiko bei Mamma­karzinom

Freitag, 11. Dezember 2015

dpa

Philadelphia/Houston – Eine längere Verzögerung der Operation kann nach einer Brustkrebsdiagnose die Überlebenschancen der Patientinnen schmälern. Dies zeigt eine Analyse von US-Patientenregistern in JAMA Oncology (2015; doi: 10.1001/jamaoncol.2015.4508). Auch die Dauer bis zum Beginn der postoperativen Chemotherapie kann die Prognose der Patientinnen beeinflussen, wie in einer weiteren Studie in JAMA Oncology (2015; doi: 10.1001/jamaoncol.2015.3856) herauskam.

Der multidisziplinäre Ansatz, bei dem Radiologen, Chirurgen, Onkologen und zunehmend auch Genetiker die Brustkrebspatientin betreuen, kann leicht zu Verzögerungen in der Therapie führen. In den USA ist die Dauer von der Diagnose bis zur Operation (TTS) seit 1992 von 21 Tagen auf 32 Tage in 2005 gestiegen. Das Intervall von der Operation bis zur adjuvanten Chemotherapie (TTC) hat sich von 10,8 Wochen in 2003 auf 13,3 Wochen in 2009 verlängert, wie Eric Winer vom Dana-Farber Cancer Institute, Boston, im Editorial berichtet.

Der namhafte Brustkrebs-Experte kommentiert dort die Ergebnisse aus zwei Studien, die den Einfluss von TTS und TTC auf die langfristigen Therapieergebnisse untersucht haben. Richard Bleicher vom Fox Chase Cancer Center in Philadelphia hat das Krebsregister SEER-Medicare und National Cancer Database zweier medizinischer Fachgesellschaften ausgewertet. Beide enthalten Daten zum Zeitpunkt der Diagnose und der Operation.

Die Analyse der SEER-Medicare-Gruppe ergab für jede Verzögerung der Therapie um 30 Tage einen Anstieg der Mortalität um 9 Prozent: Hazard Ratio 1,09; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,06-1,13). ER war für die Stadien I und II, aber nicht für das Spätstadium III signifikant. Dies dürfte daran gelegen haben, dass Brustkrebs im Spätstadium III in der Regel nicht heilbar ist und die Therapie nur kurzfristig die Überlebenszeit verlängert, nicht aber die langfristige Chance, den Tumor zu überleben.

Die Daten der National Cancer Database entwerfen ein ähnliches Bild. Die Gesamt­mortalität stieg dort pro 30 Tage-Intervall insgesamt um 10 Prozent (Hazard Ratio 1,10; 1,07-1,13). Im Stadium I betrug die Hazard Ratio 1,16 (1,12-1,21) im Stadium II betrug sie 1,09 (1,05-1,13).

Damit kommt es vor allem im Frühstadium der Brustkrebserkrankung darauf an, größere Verzögerungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Eine Operation in den ersten 90 Tagen nach der Diagnose gelang nach dem SEER-Register nur bei 1,2 Prozent der Patientinnen, in der National Cancer Database lag der Anteil mit 1,5 Prozent nicht wesentlich höher.

Auch das Intervall zwischen der Operation und dem Beginn der adjuvanten Chemo­therapie wirkt sich auf die Sterblichkeit aus. Verzögerungen ergeben sich hier nicht nur aus medizinischen Gründen, etwa der Notwendigkeit einer Brustrekonstruktion. Auch der sozioökonomische Status, der Versichertenstatus und die ethnische Herkunft beein­flussen die TTC, wie Mariana Chavez Mac Gregor vom MD-Anderson Cancer Center in Houston bei einer Analyse des California Cancer Registry herausgefunden hat: Ärmere, nicht-privatversicherte Bürger sowie Afroamerikaner oder Amerikaner lateinameri­kanischer Herkunft müssen häufig länger auf den Beginn der Chemotherapie warten.

Anders als beim TTS wirkt sich die Verzögerung beim TTC nicht sofort auf die Prognose aus. Erst wenn mehr als 90 Tage seit der Operation verstrichen sind, steigt das 5-Jahressterberisiko um 34 Prozent an (Hazard Ratio 1,34; 1,15-1,57). Besonders gravierend ist der Einfluss beim sogenannten triple-negativen Brustkrebs (bei dem weder HER, noch Östrogen noch Progesteron-Rezeptoren auf den Tumorzellen gefunden werden). Chavez Mac Gregor ermittelt eine Verschlechterung der 5-Jahres­überlebensrate um 53 Prozent (Hazard Ratio 1,53; 1,17-2,00).

Die Ergebnisse der beiden Studien sind, wie alle Datenbank-Analysen, zwar mit den für retrospektive Auswertungen bekannten methodologischen Fragezeichen zu versehen, schreibt Winer im Editorial. Die übereinstimmenden Ergebnisse aus drei unterschied­lichen Datenbanken lassen seiner Ansicht nach jedoch wenig Zweifel daran zu, dass TTS und TTC einen Einfluss auf die Prognose haben.

Eine zügige Therapie würde sich laut Winer auch günstig auf einen weiteren Faktor auswirken, der sich nur schwer in Studien messen lässt: Jede Verzögerung erhöhe bei den Frauen die Angst, dass die Behandlung nicht rechtzeitig erfolgt und sie deshalb am Brustkrebs sterben müssen. © hil/aerzteblatt.de

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