NewsMedizinStudie sieht Antidepressiva in der Schwangerschaft als Autismus-Risiko
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie sieht Antidepressiva in der Schwangerschaft als Autismus-Risiko

Dienstag, 15. Dezember 2015

Montreal – Die Einnahme von Antidepressiva im zweiten und dritten Trimenon war in einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie mit einer erhöhten Rate von späteren Autismus-Spektrum-Störungen ihrer Kinder verbunden. Die in JAMA Pediatrics (2015; doi: 10.1001/jamapediatrics.2015.3356) veröffentliche Studie kann einen Einfluss von Depressionen der Mütter weitgehend ausschließen.

In den USA werden Antidepressiva relativ freizügig an Schwangere verschrieben. Die Verordnungsprävalenz ist allein zwischen 1999 und 2003 von 5,7 auf 13,3 Prozent gestiegen. Gleichzeitig nimmt in den USA die Zahl der Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) bei Kindern zu. Eines von hundert Kindern erhält mittlerweile eine ASD-Diagnose.

Sollte zwischen beiden Entwicklungen eine Verbindung bestehen? Anick Bérard von der Universität Montreal hält dies durchaus für möglich. Die bevorzugt eingesetzten Antidepressiva gehören nämlich zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), die im Gehirn die Konzentration von Serotonin erhöhen. Serotonin sei ein wichtiger Botenstoff in der Hirnentwicklung, und die SSRI seien plazenta-gängig, schreibt Bérard.

Anzeige

Um eine Verbindung zu überprüfen, hat Bérard die Daten der „Cohorte des grossesses du Québec“ ausgewertet. Sie umfasst alle Frauen, die zwischen 1998 und 2009 in dem Bundesstaat Québec als Schwangere registriert waren. Von 145.456 Kindern aus Einzelschwangerschaften erkrankten später 1.054 (0,72 Prozent) an einer ASD. Die Diagnose wurde im Mittel im Alter von 4,6 Jahren gestellt. Jungen erkrankten viermal so häufig wie Mädchen.

Von den 1.054 Kindern waren 31 (1,2 Prozent) vor der Geburt im zweiten und/oder dritten Trimenon durch Antidepressiva exponiert, die ihren Müttern verschrieben worden waren. Darunter waren 22 Kinder, deren Mütter SSRI eingenommen hatten. Die Medi­kamente können deshalb allenfalls für einen kleinen Anteil der Erkrankung verant­wortlich sein und sie liefern nicht die alleinige Erklärung für den dramatischen Anstieg der ASD-Diagnosen in den letzten Jahrzehnten (von dem, wenn auch deutlich schwächer, auch Kanada betroffen ist).

Doch die Verordnung der Antidepressiva im zweiten und/oder dritten Trimenon war eindeutig mit einer erhöhten Rate von ASD-Diagnosen assoziiert. Bérard errechnet eine adjustierte Hazard Ratio von 1,87, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,15 bis 3,04 signifikant war. Für die Untergruppe der SSRI betrug die adjustierte Hazard Ratio sogar 2,17 (1,20-3,93).

Natürlich wurden die Antidepressiva den Schwangeren nicht ohne Grund verordnet. Bérard stieß deshalb auch auf eine Assoziation der mütterlichen Depression mit der späteren ASD-Diagnose ihrer Kinder. Da die Depressionen der Mütter nach der Geburt des Kindes nicht verschwinden, könnte sich die Erkrankung negativ auf die Entwicklung des Kindes ausgewirkt haben.

Autismus-Erkrankungen werden zwar schon lange nicht mehr als Folge einer geschei­terten Erziehung gesehen. Die psychische Konstitution der Mutter könnte jedoch einen Einfluss darauf haben, ob die Kinder wegen einer Auffälligkeit einem Psychiater vorgestellt werden. Nach den Berechnungen von Bérard bleibt das Risiko auch nach Berücksichtigung der mütterlichen Depression erhöht. Die Hazard Ratio beträgt dann 1,75 und ist mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,03 bis 2,97 weiterhin signifikant.

Der Editorialist Bryan King vom Seattle Children's Hospital lehnt es aufgrund des geringen absoluten Risikos ab, auf eine Behandlung von Depressionen zu verzichten. Dadurch könnte die Zahl der Erkrankungen nur minimal gesenkt werden, findet der Autismus-Experte. Er verweist zudem auf eine jüngste Studie aus Finnland, nach der eine unbehandelte Depression der Mutter mit einem Anstieg von Frühgeburten und Kaiserschnittentbindungen verbunden ist. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. Oktober 2019
Mainz – Rheinland-Pfalz hat den Bund zu mehr Engagement für die Stärkung der Geburtshilfe aufgerufen. Bundesweit schlössen in ländlichen Regionen Geburtshilfeabteilungen, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­terin
Rheinland-Pfalz sieht Bund bei Förderung der Geburtshilfe in der Pflicht
16. Oktober 2019
Stockholm – Ein Roux-en-Y-Magenbypass bewirkt nicht nur eine rasche Gewichtsabnahme. Bei Frauen sinkt im Fall einer späteren Schwangerschaft auch das Fehlbildungsrisiko für das Kind. Zu diesem
Adipositas-Chirurgie senkt Fehlbildungsrisiko
16. Oktober 2019
Peking – Die Luftverschmutzung in Großstädten kann offenbar Fehlgeburten auslösen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung in Nature Sustainability (2019; doi: 10.1038/s41893-019-0387-y), in der
Luftverschmutzung könnte Fehlgeburtrisiko erhöhen
15. Oktober 2019
Berlin – Handfehlbildungen kommen bei einem von 2.000 bis einem von 1.000 Neugeborenen vor. Sie sind mithin selten, aber keine völligen Exoten. „Bei knapp 780.000 Neugeborenen pro Jahr in Deutschland
Handfehlbildungen: Selten, aber keine völligen Exoten
10. Oktober 2019
Hannover – Bei Neugeborenen in Niedersachsen gibt es nach Angaben des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums keine Häufung von Fehlbildungen der Hand. Das Ministerium hatte Krankenhäuser und die Ärztekammer im Land
Keine Häufung von Handfehlbildungen in Niedersachsen
10. Oktober 2019
Brisbane – Australische Forscher haben erstmals Chlamydien im Hoden von Menschen gefunden. Der Nachweis gelang laut dem Bericht in Human Reproduction (2019; doi: 10.1093/humrep/dez169) bei Männern,
Chlamydien in Hoden nachgewiesen – Mögliche Ursache einer Infertilität
7. Oktober 2019
Emden – Wegen der Schließung der einzigen Geburtsstation in Emden hat das Klinikum der Stadt am Wochenende zwei Frauen an andere Krankenhäuser verweisen müssen. Eine Gebärende sei in Begleitung einer
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER