Politik

Pflegeheim Rating Report: Bis 2030 fehlen 345.000 Vollzeitpflegekräfte

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Hamburg/Essen – Um den steigenden Bedarf an Pflegekräften abzudecken, werden bis zum Jahr 2030 in Deutschland 345.000 Vollzeitpflegekräfte mehr gebraucht als heute. Die dafür notwendigen Investitionen belaufen sich auf 58 bis 80 Milliarden Euro. Diese Meinung vertreten die Autoren des „Pflegeheim Rating Reports 2015“, der gestern vorgestellt wurde. Diese Investitionen würden fast ausschließlich für neue Pflegeheime benötigt, erklärte Sebastian Krolop von Philips Healthcare, einer der Autoren des Reports. Grund für den steigenden Bedarf sei eine erwartete Zunahme von heute 2,6 auf 3,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen im Jahr 2030.

Im stationären und ambulanten Bereich arbeiten dem Report zufolge mehr als 700.000 Vollzeitkräfte. „Schon heute können viele Heime ihre Stellen jedoch nicht besetzen. Die gemeldeten offenen Stellen befinden sich auf einem historischen Hoch“, so Krolop. Hier könnten Betreiber durch die Verbesserung der Work-Life-Balance und ein gutes Betriebs­klima ansetzen, auch könne die aktuelle Zuwanderung hilfreich sein. Höhere Löhne würden das System hingegen zusätzlich belasten.

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Pflegeheimen geht es wirtschaftlich gut
Wirtschaftlich ständen die Pflegeheime heute durchaus gut da, heißt es in der Studie. 72 Prozent der untersuchten 2.252 Pflegeheimen hätten eine sehr gute Bonität und nur sieben Prozent eine erhöhte Insolvenzgefahr. Große Heime schnitten dabei etwas besser ab als kleine. Einige Trends der Vergangenheit hätten sich auch in diesem Jahr fortgesetzt, schreibt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), das neben dem Institute for Health Care Business (hcb) und der Philips GmbH den Report verfasst hat. Demnach ist die Zahl der Pflegebedürftigen, die ambulant versorgt werden, im Jahr 2013 auf 24,3 Prozent gestiegen. Zudem werden immer mehr Pflege­bedürftige in privaten Einrichtungen versorgt. In Pflegeheimen betrug ihr Anteil 36,4 Prozent im Jahr 2013 – 1999 waren es noch 25,4 Prozent. 

Der Pflegemarkt ist ein Wachstumsmarkt
Der gesamte deutsche Pflegemarkt sei ein Wachstumsmarkt, schreibt das RWI weiter. Zwischen 1997 und 2013 habe sich sein Anteil am gesamten Gesundheitsmarkt von 8,6 Prozent auf 12,7 Prozent erhöht.

Aus dem Report geht zudem hervor, dass der Anteil der Patienten mit Pflegestufe 1 in den Pflegeheimen in den letzten 15 Jahren kontinuierlich um fast 25 Prozent gewachsen ist. Jedes Jahr werden demnach mehr als 125.000 Patienten der Pflegestufe 1 aus dem Krankenhaus ins Pflegeheim überwiesen. Der Anteil der schwereren Pflegefälle sei im gleichen Zeitraum hingegen um etwa zehn Prozent zurückgegangen, erklärte Krolop von Philips Healthcare. „Es scheint, als würden heute leichte Fälle schneller im Heim landen als noch vor zehn Jahren.“

Deutlich angestiegen ist die Zahl der Patienten, die direkt aus dem Krankenhaus in ein Pflegeheim eingewiesen wurden. Sie stieg von 88.000 Patienten im Jahr 2003 auf 345.000 Patienten im Jahr 2013. Rund 70 Prozent der Neuzugänge eines Pflegeheims kommen dem Report zufolge heute direkt aus dem Krankenhaus.

„Outsourcing von Pflege“ aus dem Krankenhaus
Krolop vermutet, dass durch die Umstellung auf das DRG-System ein „Outsourcing von Pflege“ aus dem Krankenhaus in Richtung Pflegeheim stattfinde. Dass Patienten schneller verlegt würden, sei zu begrüßen, meinte er. „Es stellt sich aber die Frage, ob die starke Zunahme der Verlegungen ins Pflegeheim im Sinne der Patienten ist und ob sie unter bestimmten Rahmenbedingungen nicht besser in ihrer häuslichen Umgebung betreut werden können.“

Krolop sprach sich dagegen aus, Patienten mit Pflegestufe 1, bei denen die medizi­nische Überwachung im Vordergrund steht, in einem Pflegeheim zu betreuen. Er schlug vor, diese Patienten lieber in ihrem eigenen Zuhause mit Hilfe moderner Technik zu überwachen. Durch eine Mischung aus ambulanter Pflege und Sensorik könne der Patient in seiner gewohnten Umgebung leben und gewinne dadurch an Lebensqualität.

Zudem sei es mit Hilfe von Sensorik im eigenen Heim möglich, Komplikationen zu erkennen und zu vermeiden, da sich gesundheitliche Beschwerden meistens anbahnten und nicht so plötzlich einträten wie ein Unfall. „Wir müssen nicht darauf warten, dass sich der Zustand des Patienten so massiv verschlechtert, dass er beispielsweise stürzt – wir können die Verschlechterung im Vorfeld erkennen und rechtzeitig reagieren, zum Beispiel durch Anpassung der Medikation, den sofortigen Besuch des Pflegedienstes oder die Alarmierung des Rettungsdienstes“, so Krolop.

© fos/aerzteblatt.de

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