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Ausland

„Rund 40.000 Ärzte haben Syrien verlassen“

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Damaskus/Berlin – Der Krieg in Syrien hat nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR weltweit die meisten Menschen zur Flucht gezwungen, sowohl innerhalb (7,6 Millionen Binnenvertriebene) als auch außerhalb des eigenen Landes (3,88 Millionen Flüchtlinge). Im Land ist auch die medizinische Infrastruktur Ziel von Angriffen. Das Deutsche Ärzteblatt hat Dr. Mouna hanem, die mehr als zehn Jahre lang als stellvertretende Geschäftsführerin beim Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen in Syrien arbeitete und der syrischen Kommission für Familienangelegenheiten vorstand. Außerdem war sie Regionaldirektorin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (UNIFEM) in Amman, Jordanien.

5 Fragen an Dr. Mouna Ghanem, Expertin für Public Health (WHO/John Hopkins University) und Vize-Präsidentin der syrischen oppositionellen Bewegung "Building the Syrian state". 

DÄ: Frau Ghanem, wie ist es unter den gegebenen Bedingungen möglich, die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung in Syrien aufrechtzuerhalten?
Ghanem: Das Hauptproblem ist die Zerstörung der Infrastruktur. Dadurch ist es schwer, zu den Orten zu gelangen, an denen Menschen behandelt werden können. Und natürlich gibt es Probleme bei der Versorgung mit Pharmazeutika und weiteren medizinischen Produkten. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Gebieten unter Kontrolle des Regimes und den übrigen Landesteilen, die stärker zerstört sind. Dort mussten Behandlungszentren teilweise in den Bergen in Höhlen eingerichtet werden. Trotzdem waren diese Einrichtungen immer weiter Ziel von Angriffen. In den Gebieten unter Kontrolle des Regimes sorgt das westliche Embargo für Probleme, durch das die Krankenhäuser und Mediziner erschwerten Zugang zu Medikamenten haben.

DÄ: In den letzten Wochen und Monaten haben uns aus Syrien immer wieder auch Nachrichten über die Bombardierung von Krankenhäusern erreicht. Weshalb werden medizinische Einrichtungen zu militärischen Zielen?
Ghanem: Krankenhäuser in Syrien wurden von Beginn des Krieges an attackiert, weil es in den Augen des Regimes ein Verbrechen ist, verwundete gegnerische Kämpfer zu behandeln. Wenn feindliche Kämpfer behandelt wurden, machte das ein Krankenhaus zum Ziel. Auf der anderen Seite hat der Daesh (gemeint ist die Terrororganisation „Islamischer Staat“) eine Strategie der Entvölkerung verfolgt.

Ich muss gestehen, dass ich die Konzepte dahinter nicht in allen Facetten erfasse, aber im Resultat haben wir quasi die Vertreibung der Syrer aus ihrem eigenen Land erleben müssen. Eines der Hauptprobleme ist, dass nicht nur die Gesundheitsversorgung und Nothilfe, sondern auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln und humanitäre Dienst­leistungen politisch instrumentalisiert werden. das betrifft die Regierungstruppen, die Freie Syrische Armee, Daesh („Islamischer Staat“), die Al-Nusra-Front und andere Gruppierungen gleichermaßen.

DÄ: Sie haben die Sanktionen gegen die Assad-Regierung erwähnt. Welche Auswirkungen hatten diese Maßnahmen?
Ghanem: Nun, zunächst haben diese Sanktionen Syrien zu einem sehr armen Land gemacht. Dabei gibt es zahlreiche Untersuchungen aus verschiedenen Ländern, die belegen, dass man durch solche Sanktionen keine Demokratisierung politischer Strukturen erreichen kann. Im Gegenteil sorgen solche Maßnahmen für eine Reihe wirtschaftlicher und sozialer Probleme, weil die ohnehin Bedürftigen am stärksten betroffen sind.

Auf Syrien bezogen heißt das: Menschen, die das Regime unterstützen, die ihm dienen oder Funktionen bekleiden, haben auch jetzt noch über verschiedene Kanäle Zugang zu medizinischer Versorgung und Nahrungsmitteln. Die Sanktionen betreffen also nur die ohnehin armen Menschen in Syrien, vor allem in den oppositionell kontrollierten Gebieten. Zumal das Regime die Gehälter seiner eigenen Staatsbediensteten und Funktionäre erhöht hat.

DÄ: Was bedeutet das also für die Gesundheitsversorgung im syrischen Kriegsgebiet?Ghanem: Hier haben wir, wie gesagt, vor allem das Problem der Zerstörung der Infrastruktur. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass ein Großteil des Personals aus dem Gesundheitswesen das Land verlassen hat. Nach verschiedenen Schätzungen haben im Laufe der vergangenen vier Jahre rund 40.000 Ärzte Syrien verlassen. Wir haben also keine Ärzte mehr, wir haben keine Infrastruktur mehr, wir haben keine Medika­mente mehr.

DÄ: Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben inzwischen in der Türkei. Dessen Regierung tritt für sogenannte Schutzzonen in Syrien ein. Sie haben bei einer Anhörung im Bundestag indes „Entwicklungszonen“ in der Türkei vorgeschlagen. Erläutern Sie diese Idee bitte.
Ghanem: Was ich damit meine, ist, dass wir nicht nur über die militärische Lage sprechen dürfen, dass wir nicht nur den militärischen Konflikt sehen dürfen. Statt dessen ist es höchste Zeit, über die humanitäre Lage der Flüchtlinge in den Grenzregionen zu sprechen.

Sie haben im Moment exakt drei Möglichkeiten: Sie können nach Syrien zurückkehren, sich können nach Europa fliehen, oder sie können sich dem Daesh („Islamischen Staat“) anschließen. Meiner Meinung nach sollten sie in den Genuss von entwicklungs­politischen Programmen, Gesundheitsversorgung, Bildungsprogrammen, vor allem für Mädchen und Frauen, kommen, damit sie einigermaßen würdevoll in den Grenzre­gionen Libanons, Jordaniens oder der Türkei leben können. Nur so können sie in die Lage versetzt werden, nach Syrien zurückzukehren, um ein neues Land aufbauen zu helfen. © neu/aerzteblatt.de

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