NewsPolitikRisiken von Yasminelle schon lange bekannt
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Risiken von Yasminelle schon lange bekannt

Donnerstag, 17. Dezember 2015

dpa

Köln – Die Risiken der Anti-Baby-Pille Yasminelle sind seit Langem bekannt. Das Bundes­institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat bereits im Januar 2014 in einem Rote-Hand-Brief auf die Risiken des Wirkstoffs Drospirenon hingewiesen. Die Substanz ist als Gestagenanteil in der Kombinationspille Yasminelle enthalten.

Aus dem Rote-Hand-Brief des BfArM geht hervor: Das Risiko einer venösen Throm­boembolie (VTE) bei den niedrig dosierten Kombinationspillen (Ethinylestradiol-Gehalt < 50 μg) ist abhängig vom verwendeten Gestagen. Nehmen 10.000 Frauen ein Jahr lang ein Präparat ein, das Drospirenon, Gestoden oder Desogestrel enthält, erleiden 9 bis 12 von ihnen eine VTE. Wird aber zum Beispiel Levonorgestrel als Gestagenanteil verwendet,  sind es nur 5 bis 7 auf 10.000 Frauen.

Anzeige

Aktuell ist die Diskussion über die Risiken von oralen Kontrazeptiva entbrannt, weil eine 31-jährige Frau den Bayerkonzern verklagt hat. Sie hatte nach der Einnahme von Yasminelle eine Lungenembolie erlitten. Heute begann der Prozess im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen. Die Klägerin fühlte sich durch die Packungs­beilage des Herstellers über die Risiken nicht ausreichend informiert. Sie ist nach eigenen Angaben Nichtraucherin und erlitt die Embolie 2009 – im Alter von 25 Jahren.  

Der Pharmakonzern Bayer teilte mit, dass er die Ansprüche der Klägerin für unbegründet hält. Es ist der erste Prozess in dem Fall in Deutschland. In den USA haben bereits mehrere tausend Frauen gegen Bayer geklagt. Der Konzern schloss rund 9.000 Vergleiche und zahlte insgesamt 1,9 Milliarden US-Dollar, ohne jedoch eine juristisch wirksame Verantwortung anzuerkennen.

Das BfArM stuft in dem Rote-Hand-Brief aus dem Jahr 2014 das Risiko für das Auftreten von VTE unter allen niedrig dosierten Kombinationspillen insgesamt als gering ein. Allerdings sind orale Kontrazeptiva weit verbreitete Medikamente. Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) veröffentlichte 2014 eine Mitteilung im Deutschen Ärzteblatt, die eine Hochrechnung für die Zahl der erwarteten VTE in Deutschland bei rund 6,8 Millionen Anwenderinnen enthielt. Bei einer Kombinationspille mit Levonorgestrel würde es zu 3.400 bis 4.760 VTE kommen, bei einem Präparat zum Beispiel mit Drospirenon zu 6.120 bis 8.160.  

Die AkdÄ verweist in ihrer Mitteilung außerdem darauf, dass in Deutschland der Anteil der verordneten Pillen der dritten und vierten Generation sehr hoch ist. Während in Frankreich und Großbritannien zwischen 30 und 40 Prozent der Verordnungen auf diese Präparate entfielen, lag der Anteil in Deutschland bei 50 bis 70 Prozent. Es handelt sich um Kombinationspillen, die zum Beispiel Desogestrel, Drospirenon, Chlormadinon oder Dienogest als Gestagen enthalten.

Kürzlich hatte die Techniker Krankenkasse (TK) das Verordnungsverhalten bei den Anti-Baby-Pillen kritisiert. Die Pillen der dritten und vierten Generation würden immer häufiger verordnet, obwohl sie höhere Risiken hätten. Die TK sieht die Ursachen vor allem im Marketing. Viele junge Frauen versprechen sich laut TK zum Beispiel von den neuen Pillen eine reinere Haut oder größere Brüste.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) erklärte auf Anfrage, bei der Auswahl einer Anti-Baby-Pille sollten Ärzte für jede Patientin individuell Nutzen und Risiko prüfen. Die DGGG verweist auf den Rote-Hand-Brief von 2014 sowie eine Checkliste, die das BfArM für Ärzte erstellt hat. Die Fachgesellschaft arbeitet derzeit an einer S3-Leitlinie zum Thema Empfängnisverhütung. Diese soll Ende 2016 vorliegen.

Der Prozess um die Anti-Baby-Pille Yasminelle wurde am Abend kurz nach Beginn auf das kommende Jahr vertagt  Das Landgericht in Waldshut-Tiengen betrete mit dem Verfahren Neuland, sagte der Vorsitzende Richter Johannes Daun zum Auftakt am Donnerstag. Nach knapp fünf Stunden Verhandlung verlegte er den Prozess auf 2016. Genaue Termine stehen noch nicht fest. © BH/dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

23. Mai 2019
Berlin – Durch die Verordnung von Fluorchinolon-Antibiotika waren nach Hochrechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) 2018 im Vergleich zu anderen Antibiotika mehr als 40.000 Patienten
Hochrechnung: Fluorchinolone verursachen mehr Nebenwirkungen und mehr Todesfälle
23. Mai 2019
Paderborn – Ein Mann hat nach Einnahme eines Haarwuchsmedikaments von einem Pharmahersteller 100.000 Euro Schmerzensgeld verlangt. Sein Prozess begann gestern vor dem Landgericht Paderborn. In der
Prozess um Haarwuchsmittel
20. Mai 2019
London – Der Januskinase-Inhibitor Tofacitinib, der zur Behandlung der rheumatoiden und der psoriatischen Arthritis und bei schweren Verläufen auch bei der Colitis ulcerosa zugelassen ist, hat in
EMA: Einschränkung für Tofacitinib wegen Lungenembolie-Risiko
10. Mai 2019
Bonn – Das Psychostimulans Modafinil, das seit 1998 zur Behandlung von Erwachsenen mit exzessiver Schläfrigkeit bei Narkolepsie mit oder ohne Kataplexie zugelassen ist, steht im Verdacht,
Rote-Hand-Brief: Modafinil möglicherweise teratogen
12. April 2019
Berlin – Dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) bei Orphan Drugs und beschleunigt zugelassenen Arzneimitteln künftig „anwendungsbegleitende Datenerhebungen“ veranlassen können soll, ist bei einer
Arzneimittel: Experten streiten über neue Pflicht zur Datenerhebung
12. April 2019
London – Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat eine Sicherheitsprüfung des Anti-CD52-Antikörpers Alemtuzumab eingeleitet. Anlass sind Berichte über immunvermittelte Zwischenfälle sowie
EMA prüft Sicherheit von MS-Wirkstoff Alemtuzumab
10. April 2019
Berlin – Patienten sollten Nebenwirkungen von Arzneimitteln – oder den Verdacht darauf – den dafür zuständigen Behörden und nicht einem privaten Start-Up melden. Das betonte die Arznei­mittel­kommission
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER