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Medizin

Fetales Alkoholsyndrom: Studie findet 428 Krankheitszeichen

Mittwoch, 6. Januar 2016

dpa

Toronto – Das Symptomspektrum des fetalen Alkoholsyndroms ist offenbar breiter als weithin angenommen. Eine Meta-Analyse im Lancet (2015; doi: /10.1016/S0140-6736(15)01345-8) listet 428 Krankheitszeichen für fetale Alkoholspektrumstörungen auf.

Es gilt als erwiesen, dass ein Alkoholkonsum insbesondere in der Frühschwangerschaft zu lebenslangen Schäden beim Kind führen kann. Im Extremfall eines fetalen Alkohol­syndroms (FAS) ist der Schaden vielen Kindern auf den ersten Blick anzusehen. Zu den fazialen Auffälligkeiten gehört eine kurze Lidspalte, ein verstrichenes Philtrum und eine schmale Oberlippe.

Die Kinder sind zu klein und zu leicht für ihr Alter und der Intelligenzquotient ist vermin­dert. In Deutschland sollen jedes Jahr etwa 2.000 Kinder mit FAS geboren werden. Leichtere Schäden, die unter dem Oberbegriff fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) zusammengefasst werden, sind schwerer zu erkennen. Experten schätzen, dass in Deutschland rund 10.000 Kinder betroffen sind.

Die diagnostischen Kriterien erkennen laut Svetlana Popava vom Centre for Addiction and Mental Health in Toronto nur die Spitze eines Eisbergs, denn das FASD umfasse weitaus mehr Störungen als allgemein angenommen. Die kanadische Forscherin hat mit ihren Kollegen die Daten von 127 Studien ausgewertet, in denen Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom und gesunde Kinder verglichen wurden.

Ergebnis: Das Kernsyndrom FAS war mit insgesamt 183 verschiedenen Erkrankungs­zeichen assoziiert. Mehr als 90 Prozent der Kinder zeigen demnach Auffälligkeiten im Verhalten, etwa acht von zehn weisen Kommunikationsstörungen auf, die entweder das Sprachverständnis oder die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten betreffen. Bei sieben von zehn Kindern liegen laut Popava Entwicklungsstörungen oder kognitive Störungen vor, mehr als die Hälfte der Kinder mit FAS hat ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine Hyperaktivität. 

Zu den neurologischen Störungen gehören ein Hörverlust, der in den Studien 129 mal häufiger gefunden wurde als bei den Kontrollen. Blindheit und Sehbehinderung waren 31 und 71 mal häufiger. Da viele Eltern wegen der Hör- und Sehstörungen fachärztliche Hilfe aufsuchen, wird das FAS häufig beim HNO- oder Augenarzt erstmals diagnostiziert.

Noch breiter ist das Symptomspektrum beim FASD gefächert. Popava berichtet über 428 komorbide Störungen, die über 18 der 22 Kapitel des ICD-10-Katalogs verstreut sind. Die Kenntnis der zahlreichen Hinweise und ein Gespür für das FASD könnte die Früherkennung verbessern. Die Diagnose hätte zahlreiche Vorteile. Die Kinder könnten frühzeitig gefördert und Spätfolgen der Erkrankung verhindert werden. Dazu gehören laut der Untersuchung Probleme im Beziehungsleben, in Ausbildung und Beschäftigung sowie eine vermehrte psychische Morbidität und Drogenprobleme, die Menschen mit FASD leicht in Konflikte mit dem Gesetz geraten lassen. © rme/aerzteblatt.de

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