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Ausland

Pakistan: Fundamentalisten behindern Kampf gegen Polio

Donnerstag, 14. Januar 2016

Köln – Bis 2018 soll Poliomyelitis weltweit ausgerottet sein. Das ist das Ziel der Global Eradication Initiative, an der sich die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef), die US-amerikanischen Centers for Disease Control und die Hilfsorganisation Rotary beteiligen. 

Poliomyelitis-Impfungen in Indien und Pakistan: Die Angst vor dem „Gift der Amerikaner“

Indien hat es geschafft, seine muslimische Bevölkerung von der Harmlosigkeit einer Polio-Impfung zu überzeugen. Das Land gilt seit einem Jahr als polio-frei. Im Nachbarland Pakistan stecken sich dagegen immer noch Kinder an. Maulana Khalid Rashid Firangi Mahli ist ein Held.

Einen Rückschlag in diesem Kampf hat erneut Pakistan erlitten, neben Nigeria und Afghanistan eines der drei Länder weltweit, in denen Polio noch endemisch ist. Am 13. Januar kamen bei einem Anschlag auf ein Zentrum für Impfungen gegen Poliomyelitis in der pakistanischen Stadt Quetta 15 Menschen ums Leben, wie die Nachrichtenagentur dpa meldete.

Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium stoppte daraufhin eine Impfkampagne, in deren Rahmen 2,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren gegen das Polio-Virus geimpft werden sollten. Unter den Toten waren 13 Polizisten, die das Impfzentrum in Quetta bewachten. In den vergangenen Jahren wurden Dutzende Krankenschwestern, Impfhelfer und Polizisten bei Angriffen durch Islamisten getötet. Diese halten die Impfungen für eine Verschwö­rung zur Sterilisierung von Muslimen.

5 Fragen an Aziz Memon, von 2009 bis 2014 Vorsitzender des National PolioPlus Committee in Pakistan. 

Memon, der Mitglied der Hilfsorganisation Rotary ist, verbrachte im November 2015 einige Tage in Berlin, um die deutschen Parlamentarier um finanzielle Hilfe im Kampf gegen Polio zu bitten.

DÄ: Welche Probleme hat Pakistan bei der Ausrottung der Kinderlähmung?
Memon: Jedes Land hat eigene Probleme. In Indien stellen die Taliban oder die Fundamentalisten kein Problem dar. Die Probleme in Indien waren hausgemacht, und die Kinderlähmung hätte dort schon 10 Jahre früher ausgerottet werden können.

DÄ: Wie kam es zu diesem Zeitverzug?
Memon: Der Süden und die Mitte Indiens waren bereits vor neun bis zehn Jahren frei von Polio. Die Alphabetisierungsrate war hoch. Es gab ein funktionierendes Gesundheitssystem und keine Widerstände.

Probleme gab es in zwei indischen Bundesstaaten: in Uttar Pradesh und in Bihar. Dort war die öffentliche Verwaltung mangelhaft, es gab viele Slums und das Gesundheitswesen funktionierte nicht. Es gab Widerstand von den muslimischen Fundamentalisten. In Nigeria prägte die Terrorgruppe Boko Haram die Lage im Norden des Landes.

Pakistan hätte die Kinderlähmung theoretisch noch vor Indien ausrotten können. Aber dann wurde der Einfluss der Fundamentalisten immer stärker, Osama bin Laden trat auf den Plan, und die US-Streitkräfte marschierten in Afghanistan ein. Die Taliban trugen dazu bei, dass Pakistan sich in Stammesgebiete zersplitterte.

Dann wurde mit Hilfe der US-Regierung und des CIA Osama bin Laden in Pakistan getötet. Dabei spielte auch ein pakistanischer Arzt eine Rolle. Shakil Afridi war Mitarbeiter einer Nicht-Regierungsorganisation und gab vor, Impfungen gegen Meningitis durchzuführen. Auf diese Weise drang er an den Aufenthaltsort von Osama bin Laden vor und konnte DNA-Proben zu dessen Identifizierung sammeln. Afridi hatte weder mit Polio noch mit Rotary jemals etwas zu tun. Dennoch verdächtigten die Taliban fortan alle Nicht-Regierungsorganisationen, für den CIA zu arbeiten.

Aus diesem Grund erließen sie in den von ihnen kontrollierten Gebieten in Pakistan ein generelles Impfverbot, das sich aber hauptsächlich auf die Polioimpfung auswirkte. Als wir beschlossen, dennoch mit der Kampagne und den landesweiten Impftagen fortzufahren, fühlten sie sich provoziert und begannen mit Angriffen auf die Impfteams. 2013 und 2014 wurden dabei 82 Mitglieder von Impfteams, alles Frauen, getötet.

Diese gezielten Tötungen verursachten Panik, und wir mussten verschiedene Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Das Verbot der Taliban führte dazu, dass 475.000 Kindern beinahe viereinhalb Jahre lang die Schluckimpfung gegen Polio vorenthalten wurde.

DÄ: Wie sehen die aktuellen Infektionszahlen in Pakistan aus?
Memon:
Die Fallzahlen sanken von 306 Polio-Patienten im Jahr 2014 auf nur noch 39 im Jahr 2015. Das ist auch ein Erfolg unserer Sicherheitsmaßnahmen. Wenn wir die Kampagne ungestört fortsetzen können, wäre es möglich, die Infektionen im Laufe des Jahres 2016 ganz zu stoppen.

DÄ: In Indien bestand eine Hauptschwierigkeit bei der Ausrottung der Krankheit darin, das Misstrauen der Muslime zu überwinden. Wie ist die Situation in Pakistan?
Memon: In Pakistan war das Misstrauen sogar noch größer, da nahezu 100 Prozent aller Pakistani Muslime sind. Der Rotary Club hat einen eigenen Impf-Ausschuss gebildet, der regelmäßig zusammentritt. Wir veranstalten Workshops und Seminare, zu denen auch internationale Wissenschaftler eingeladen werden. Wir erläutern die Bedeutung von Impfungen und klären darüber auf, dass niemand befürchten muss, dadurch unfruchtbar zu werden.

DÄ: War das die größte Sorge unter den Muslimen?
Memon: Es gab eine Vielzahl von Bedenken. Es gab Gerüchte, dass Jungen infolge der Impfung impotent und zeugungsunfähig werden würden.

Wir erklärten den Menschen, dass der Impfstoff in Indonesien hergestellt wird, und dass mit demselben Impfstoff der Poliovirus in 52 Ländern ausgerottet werden konnte. Das belegt, dass die Impfung keinen Schaden anrichtet.

Unser größtes Problem war und ist aber die Sicherheit. Zwar wurden die Taliban zurückgedrängt, sie beherrschen aber immer noch einige kleinere Gebiete. Wir wollen bei unseren Impfaktionen keine weiteren Menschenleben gefährden. Deshalb setzen wir auf den Schutz durch die pakistanische Armee. © mm/aerzteblatt.de

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