Medizin

AML: Mutiertes Gen weist nach Chemotherapie auf ungünstige Prognose hin

Freitag, 22. Januar 2016

London – Ein Bluttest auf Genmutationen, die bei der akuten myeloischen Leukämie (AML) häufig der erste Hinweis auf ein bevorstehendes Rezidiv ist, kann bei einer häufigen Untergruppe der Erkrankung als Prognosemarker benutzt werden, um die Entscheidung für oder gegen eine Stammzelltherapie zu erleichtern. Dies zeigen die jetzt im New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1507471) publizierten Studienergebnisse.

Eine allogene Stammzelltransplantation kann bei Leukämien eine Heilung erzielen. Die Behandlung ist jedoch riskant und wird deshalb bei AML zurückhaltend eingesetzt, weil viele Patienten ein höheres Alter haben und unter Begleiterkrankungen leiden. Ein weiteres Entscheidungskriterium ergibt sich aus der Untersuchung von Blut und Knochenmark, in denen nach zytogenetischen Hinweisen auf ein Rezidiv gesucht wird.

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Bislang konnte mit dieser Untersuchung nur eine relativ kleine Hoch-Risiko-Gruppe bestimmt werden, in der der Einsatz einer Stammzelltherapie gerechtfertigt ist. Eine weitere kleine Gruppe mit einem niedrigen Risiko benötigt die Therapie nicht, da es nach der Chemotherapie nur selten (oder sehr spät) zu einem Rezidiv kommt.

Bei der Mehrzahl der Patienten mit Standardrisiko fällt die Entscheidung zur Stammzell­therapie derzeit schwer. Dies könnte sich durch die Ergebnisse einer Untersuchung an 346 Patienten ändern, die von der AML Working Group des UK National Cancer Research Institute durchgeführt wurde. Bei allen Patienten wiesen die Leukämiezellen vor der Behandlung Mutationen im Gen NPM1 auf.

Die genaue Untersuchung ergab, dass insgesamt 27 verschiedene Mutationen in dem Gen auftraten, von denen aber 90 Prozent auf drei Typen entfielen (was die Entwicklung eines Tests erleichtert). Bei 15 Prozent der Patienten waren die Mutationen auch nach zwei Zyklen einer Chemotherapie, die bei der AML am Anfang der Behandlung steht, noch nachweisbar. Bei einigen Patienten wurden die Tests wiederholt durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass es vor einem zytologischen Rezidiv regelmäßig zu einem qualitativen Anstieg der Mutationen kam.

Die NPM1-Mutationen sind deshalb ein klarer Hinweis auf eine minimale Rester­krankung (MRD, minimal residual disease), die, wie das Team um David Grimwade vom Guy’s Hospital in London herausfand, einen deutlichen Einfluss auf die Prognose hat. Patienten mit MRD erkrankten innerhalb von drei Jahren zu 82 Prozent an einem Rezidiv und nur 25 Prozent waren zu diesem Zeitpunkt noch am Leben.

Der Nachweis einer MRD spricht deshalb für die Durchführung einer Stammzelltherapie. Von den Patienten ohne MRD haben dagegen nach drei Jahren erst 30 Prozent ein Rezidiv erlitten und 75 Prozent waren noch am Leben. In dieser Situation dürften viele Hämatologen – nach sorgfältiger Abwägung anderer Risiken – von einer Stammzelltherapie abraten.

Der Editorialist Michael Burke vom Medical College of Wisconsin in Milwaukee erwartet, dass die Ergebnisse einen substantiellen Einfluss auf die Behandlung der AML haben werden. Die Zahl der Stammzelltherapien könnte sich durch den neuen Prognose­marker erhöhen. In Deutschland werden derzeit – alle myeloischen Neoplasten zusammengenommen – bei etwa 1.600 Patienten allogene Stammzelltransplantationen durchgeführt. Aufgrund einer gut ausgebauten Spendendatei wird derzeit für 90 Prozent aller Patienten in Deutschland ein geeigneter Spender gefunden. © rme/aerzteblatt.de

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