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Politik

Innovationsfonds soll Projekte zur Arzneimitteltherapie­sicherheit fördern

Dienstag, 2. Februar 2016

dpa

Berlin – Mit Geldern aus dem Innovationsfonds sollen zu allererst Projekte zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit  gefördert werden. Diesen Wunsch äußerte heute Josef Hecken auf einer Veranstaltung der Techniker Krankenkasse (TK) in Berlin. „Seit 20 Jahren sprechen wir über dieses Thema und außer ein paar gelegent­lichen Modellversuchen hat sich nichts geändert. Der Innovationsfonds bietet jetzt die große Chance voranzukommen“, sagte der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA).

Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz hat die Bundesregierung die Einrichtung eines Innovationsfonds beim G-BA bestimmt, mit dem neue Versorgungsformen finanziell gefördert werden sollen, die über die bisherige Regelversorgung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hinausgehen. Aus dem Fonds sollen in den Jahren 2016 bis 2019 insgesamt 225 Millionen Euro pro Jahr für Versorgungsprojekte und 75 Millionen Euro pro Jahr für die Versorgungsforschung aufgewendet werden. 

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Arznei­mittel­therapie­sicherheit vom Zufall unabhängig machen
„Wir haben heute einen stetig wachsenden Anteil älterer multimorbider Menschen, die täglich viele verschiedene Arzneimittel einnehmen“, sagte Hecken. „In der Folge kommt es wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu einer Vielzahl von vermeidbaren Kranken­haus­auf­enthalten. Wir müssen es schaffen, auf diese gesellschaftliche Entwicklung zu reagieren und den Umgang mit Arznei­mittel­therapie­sicherheit vom Zufall unabhängig zu machen.“

Ziel müsse sein, so der G-BA-Vorsitzende, dass derjenige einen Überblick über die Medikation eines Patienten erhält, der ein neues Arzneimittel verordne. Dabei gebe es Vorschläge, denen zufolge der Hausarzt oder die Stammapotheke diesen Überblick haben sollten. Wenn der Patient aber von einem Facharzt ein neues Arzneimittel verordnet bekommt, sei nicht gewährleistet, dass der Patient seinen Hausarzt oder seinen Apotheker darüber informiere.

Gefährliche Interaktionen zwischen Arzneimitteln vermeiden
Hecken sprach sich dafür aus, dass die entsprechenden Informationen direkt elek­tronisch an einem Ort zusammengeführt werden. Technisch sei das problemlos möglich. „Die Daten könnten zum Beispiel bei der Krankenkasse zusammenlaufen, die dann sofort kontrolliert, ob es mit dem neuen Medikament zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen kommt“, schlug er vor. Dabei gehe es nicht darum, dass die Kasse den Arzt kontrolliere. Um dies zu verhindern, könnten die Daten des Arztes auch anonymisiert werden. „Es geht nur darum,  gefährliche Interaktionen zwischen Arzneimitteln zu vermeiden“, so Hecken. 

In diesem Zusammenhang forderte der G-BA-Vorsitzende, dass die Patienten eine Zusammenführung ihrer Daten nicht verweigern dürften. „Wenn sich jemand auf die Solidargemeinschaft verlässt, dann muss die Solidargemeinschaft von diesem Menschen auch verlangen können, dass er alles in seiner Macht Stehende tut, um unnötige Erkrankungen und damit eine Belastung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung abzuwenden“, sagte er. Gerade unter denjenigen, die heute ihre Daten für einen Abgleich der Medikamente nicht hergeben wollten, seien Härtefälle, bei denen es am notwendigsten sei, einen Überblick über die eingenommenen Medikamente zu bekommen.

Hecken: „Das beste Modellprojekt soll in die Regelversorgung überführt werden“
Diese Meinung vertrat auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast. „Mit den Patientendaten kann man gute oder böse Absichten verfolgen“, sagte er. „Dass es da Sorgen gibt, muss man ernst nehmen. Es ist aber eine Frage der Abwägung: Wie viel Nutzen kann die Solidargemeinschaft aus den Patientendaten ziehen?“ Und schließlich hinterließen viele auch heute schon einen deutlichen digitalen Fingerabdruck bei anderen Online-Anwendungen.

Hecken kritisierte, dass die elektronische Gesundheitskarte noch nicht für den digitalen Abgleich der Daten zur Verfügung steht: „Es ist eine Schande, dass wir uns an dieser Stelle über die Arznei­mittel­therapie­sicherheit unterhalten müssen, nachdem eine Milliarde Euro für die elektronische Gesundheitskarte versenkt wurde, die doch das klassische Medium ist, um die Daten zusammenzubringen.“

Es ist Heckens erklärtes Ziel, mit dem Geld aus dem Innovationsfonds zunächst verschiedene Modellprojekte zu fördern, von denen das Beste dann in die Regel­versorgung überführt werden solle. Das spare auch Geld. „Heute sind wir glücklich, wenn wir 300 Millionen Euro noch irgendwo aus dem System herausquetschen, ohne die Versorgung zu verschlechtern“, so Hecken. „Aber hier geht es um Milliardenbeträge, die wir sparen können, indem wir Krankenhauseinweisungen oder Einweisungen in Pflegeheime vermeiden.“

Gerlach: Bei Polypharmazie müssen Hausärzte priorisieren
Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitssystem, Ferdinand Gerlach, nannte Zahlen: „6,5 Prozent aller Kranken­hauseinweisungen sind auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen, zwei Prozent davon enden tödlich.“ Die Kosten dafür beliefen sich in Deutschland auf 400 Millionen Euro pro Jahr. Dabei gälten 50 Prozent der unerwünschten Arzneimittel­wirkungen als vermeidbar.

„Auch bei multimorbiden Patienten hat jedes einzelne Arzneimittel seine Berechtigung“, so Gerlach weiter. Es gebe aber Beispiele, bei denen Patienten mit einer Medikationsliste von 16 Arzneimitteln aus dem Krankenhaus entlassen würden. „Wenn ein solcher Patient diese Liste seinem Hausarzt vorlegt, dann kommt der ins Grübeln“, meinte Gerlach. „Denn er muss die Liste reduzieren. Aber welche Arzneimittel soll er streichen? Das ist keine Banalität.“

Eine Möglichkeit dafür sei die sogenannte „PRIMUM“-Strategie, so Gerlach. PRIMUM steht für „Priorisierung von Multimedikation bei Multimorbidität“. Dabei erfasse zunächst die Medizinische Fachangestellte die Medikation des Patienten und berücksichtige auch seine individuellen Wünsche. Danach fälle der Arzt zusammen mit dem Patienten eine strategische Entscheidung, welche Medikamente wegfallen sollen. „Wir haben das in einer Pilotstudie ausprobiert“, sagte Gerlach. „Arzt und Patient waren mit den Ergebnissen zufrieden. Aber eine solche Intervention dauert sehr lange. Das kann man nicht bei jedem Patienten machen.“

TK: Beratung von Patienten mit Polypharmazie rechnet sich
Dies sei aber auch nicht notwendig. Denn eine Studie habe gezeigt, dass bei vielen multimorbiden Patienten die Medikation durchaus angemessen sei. „Wir müssen also nicht alle, sondern nur eine bestimmte Gruppe von Patienten mit einem erhöhten Risiko in den Fokus nehmen“, meinte Gerlach.

Die richtigen Patienten für eine individuelle Beratung auszuwählen, versucht auch die TK, wie Thomas Ballast erklärte. „Wir suchen zum Beispiel bei unseren Diabetes­patienten gezielt diejenigen heraus, die arzneimittelpflichtig sind, aber die nicht regelmäßig Arzneimittel erhalten“, sagte er. „Wir sprechen sie direkt an und wollen mithilfe einer Beratung versuchen, ihre Adhärenz zu steigen.“ Dabei gehe es jedoch nicht darum, die Therapie des Arztes in Frage zu stellen, sondern darum, den Kontakt zwischen Arzt und Patient zu intensivieren. „Unsere Ergebnisse zeigen: Das rechnet sich“, so Ballast. „Und die Betroffenen sind auch zufrieden.“

© fos/aerzteblatt.de

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Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 4. Februar 2016, 14:06

Es wird immer "Zufall" bleiben

Die Menschen entwickeln sich im Laufe der Jahre immer mehr auseinander. Auch eine vorher (fast gleiche) Gruppe. Je älter die Gruppe wird, desto mehr ändert sich ihr körperliches (und auch geistiges) Programm.

Die Schwierigkeit oder wahrscheinlich Unmöglichkeit, zu bestimmen, was der einzelne verträgt, ist sehr groß.

Es geht also um das Individuum der Gruppe und nicht nur um die Gruppen selbst, um Erfolge zu erzielen.
Avatar #115425
Herz1952
am Donnerstag, 4. Februar 2016, 13:59

Arzneimittelunsicherheit durch Rabattverträge

Die Kassen sollten erst einmal Ihre Rabattverträge überprüfen. Wenn man auf 10 Arzneimittel angewiesen ist, hat man wohl mindesten zwei "Pärchen" dabei. Tabletten die gleich aussehen aber für verschiedene Zwecke sind.

Außerdem sind viele Generika schlecht zu handhaben. Viele brechen schon beim Herausnehmen zu leicht. Andere sind so klein und schwer zu teilen, dass man schon gesund sein muss.

Aber wichtig ist, Hauptsache der Geldbeutel der gesunden Beitragszahler wird geschont. Solidarität im Gesundheitswesen ist kaum noch die Rede.
LNS

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