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Medizin

Testosterongel zeigt (schwache) Wirkung bei älteren Männern

Donnerstag, 18. Februar 2016

dpa

Philadelphia – Die regelmäßige Anwendung eines Testosterongels, das die Serum­konzentration des Sexualhormons auf das Niveau von jungen Männern anhob, hat in einer Serie von randomisierten klinischen Studien im New England Journal of Medicine (2016; 374: 611-624) die Sexualfunktion von Senioren verbessert und die Gehstrecke verlängert. Die Vitalität wurde jedoch nicht verbessert und angesichts der unklaren Langzeitrisiken der Behandlung lassen die ersten Ergebnisse „T-Trials“ offen, ob die vergleichsweise geringe Wirkung die Verordnung rechtfertigt.

Bei Männern sinkt im Alter die Testosteronproduktion, bei einigen mehr, bei anderen weniger. Der Hypogonadismus ist physiologisch, er kann jedoch mit einem Verlust an Libido und Erektionsfähigkeit einher gehen, der von vielen Männern als unerwünscht empfunden wird. Weitere Folgen des Testosteronmangels sind ein Rückgang der Muskulatur und ein empfundener Verlust an Vitalität. Viele Männer mögen dies nicht hinnehmen, und der Absatz von Gelen und Pflastern zur Hormonsubstitution ist (nicht nur) in den USA in den letzten Jahren stark gestiegen, angetrieben auch von einer Werbung, die einem „Low T“ einen Krankheitswert zuschreibt, den viele Endokrinologen für simplifiziert halten.

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Hinzu kommt, dass das Versprechen, eine Substitution des Hormons würde die Probleme beheben, nicht belegt ist. Fest steht zwar, dass die Testosteronpräparate die Muskelmasse erhöhen und die Fettmasse senken, weswegen es in der Bodybuilding-Szene (und nicht nur dort) illegal eingesetzt wird. Die Studienergebnisse zu den Auswirkungen auf die körperliche Leistungsfähigkeit, die sexuelle Funktion und die Lebensenergie im Allgemeinen waren jedoch inkonsistent.

Diese Einschätzung einer Expertengruppe des US-Institute of Medicine hat maßgeblich die Durchführung der Testosterone Trials (T-Trials) angestoßen, einer Gruppe von insgesamt sieben Studien. Sie wurden vom US-National Institutes on Aging und AbbVie Pharmaceuticals, dem Anbieter eines häufig verwendeten Testosteron-Gels, gesponsert.

Die ersten Ergebnisse aus drei Studien zur Sexualfunktion, zur körperlichen Funktion und zur Vitalität wurden jetzt von Peter Snyder von der Perelman School of Medicine in Philadelphia vorgestellt. An der Studie hatten an 12 Zentren insgesamt 790 Männer im Alter ab 65 Jahre teilgenommen. Zentrales Einschlusskriterium war ein Abfall des Testosteron-Serumspiegels auf unter 275mg/dl.

Die Männer wendeten zunächst täglich ein Gel an, das bei der Hälfte der Teilnehmer Testosteron enthielt. In dieser Gruppe wurde die Dosis so gewählt, dass die Testosteronkonzentration im Blut auf Werte ansteigt, wie sie typischerweise bei Männern im Alter zwischen 19 und 40 Jahren gefunden werden.

Die Studie hatte eine lange Liste von Ausschlusskriterien, um die Risiken der Therapie möglichst gering zu halten. Dazu gehörte ein Prostatakarzinom oder eine Vorstufe (oder auch nur ein erhöhtes Risiko im Prostate Cancer Risk Calculator), Harnwegsinfektionen, abnorme Hämoglobinwerte (<10 g/dl oder >16 g/dl), Alkohol- oder Substanz­abhängig­keit, Angina pectoris oder ein Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Vorge­schichte, ein erhöhtes Serumkreatinin, Krebserkrankungen in der Vorgeschichte, ein Body-Mass-Index über 37 kg/m2, psychiatrische Erkrankungen und nicht zuletzt eine Überempfind­lichkeit der Haut gegenüber Testosteron. Insgesamt 98,5 Prozent der eingeladenen Männer wurden von der Teilnahme ausgeschlossen.

Die wenigen ausgewählten Teilnehmer hatten zumeist neben den niedrigen Testos­teronwerten noch andere Probleme: Die meisten waren übergewichtig und hatten eine Hypertonie. Mehr als ein Drittel litt an Diabetes und jeder fünfte an einer Schlafapnoe (sie musste für die Teilnahme an der Studie behandelt werden).

Die Ergebnisse der Studien waren durchwachsen. Die sexuelle Funktion der Patienten wurde verbessert. Die Männer gaben im Psychosexual Daily Questionnaire häufiger an, dass sie sexuell erregbar sind und sie waren auch häufiger sexuell aktiv. Die Effekt­stärke war nach Auskunft von Snyder jedoch gering. Die Auswirkungen auf die erektile Dysfunktion seien schwächer als nach der Einnahme von Phosphodiesterase-Typ-5-Hemmern, berichtet Snyder.

Die Auswirkungen auf die körperliche Funktion waren ebenfalls schwach. Ein signifikanter Effekt wurde hier nur beobachtet, wenn die Ergebnisse aller drei Studien zusammengenommen wurden. Im Testosteron-Arm verbesserten 20,5 Prozent der Teilnehmer ihre 6-Minuten-Gehstrecke um 50 Meter, im Placebo-Arm schaffen dies 12,6 Prozent. Der Unterschied der Gehstrecke zwischen beiden betrug im Durchschnitt nur 6,69 Meter. Die objektive Verbesserung blieb hier möglicherweise hinter dem subjektiven Eindruck zurück.

Dies traf sicherlich auch auf die Vitalität zu. Hier kam es in beiden Gruppen in den ersten drei Monaten zu einer Verbesserung im FACIT-Fatigue-Score, die danach auch anhielt. Zwischen beiden Gruppen bestand jedoch überhaupt kein Unterschied, so dass die Zunahme der Vitalität ausschließlich ein Placebo-Phänomen war, was angesichts der positiven Bewertung der Testosterontherapie in der amerikanischen Öffentlichkeit nicht überraschen dürfte. Ein gewisser positiver Einfluss auf Stimmungslage und Depressivität war laut Snyder jedoch erkennbar. 

Ob die Therapie sicher ist, lässt sich nach einem Jahr Behandlungszeit noch nicht abschätzen. Die Rate der Nebenwirkungen war im Allgemeinen gleich. Bei den Testosteronanwendern kam es allerdings häufiger zu einem Anstieg des PSA-Wertes. Drei Patienten gegenüber einem Patienten im Placebo-Arm erkrankten an einem Prostatakarzinom. Dabei ist zu bedenken, dass Personen mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko von der Teilnahme ausgeschlossen waren.

Ein Anstieg von Herz-Kreislauf-Ereignissen, der in früheren Studien aufgefallen war, ist laut Snyder nicht aufgetreten. Die Nachbeobachtungszeit von einem Jahr war hier möglicherweise zu kurz, um eine Auswirkung zu beobachten. Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen dürften Schwerpunkte in den künftigen Auswertungen zu den möglichen Langzeitrisiken einer Testosteronsubstitution sein. © rme/aerzteblatt.de

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