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Medizin

Guillain-Barré Syndrom: Studie bestätigt Zikaviren als Auslöser

Dienstag, 1. März 2016

Menschliche Nervenzellen /dpa

Paris - Das Guillain-Barré Syndrom, eine Autoimmunreaktion auf Infektionen, die mit vorübergehenden Lähmungen einhergeht, wurde bereits in einer früheren Epidemie in Französisch-Polynesien mit dem Zikavirus in Verbindung gebracht. Eine Fall-Kontroll-Studie im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)00562-6) bestätigt dies und ermöglicht eine Abschätzung der Folgen auf die aktuelle Epidemie in Lateinamerika.

Die Pathogenese des Guillain-Barré Syndroms ist nicht genau bekannt. Eine Vermutung geht dahin, dass die Ähnlichkeit von Krankheitserregern mit Strukturen auf den Myelinscheiden das Immunsystem zur Bildung von kreuzreagierenden Antikörpern veranlasst. Die Folge ist eine zumeist vorübergehende Zerstörung der Myelinscheiden, die für die Impulsleitung auf den Axonen benötigt werden. Die Patienten erkrankten im Abstand von zwei bis acht Wochen nach einer Infektion an einer Lähmung, die an Händen und Füßen beginnt, im Verlauf von bis zu vier Wochen jedoch die gesamte Muskulatur erfassen kann. Aus einer allmählichen Schwäche entwickelt sich eine Lähmung, die zum Tod führen kann, wenn sie die Atemmuskulatur befällt.

Das Guillain-Barré Syndrom kann nach einer Vielzahl von Virusinfektionen auftreten. Dazu zählen auch Arbovirosen wie West-Nil-Fieber, Japanische Enzephalitis, Chikungunya und Dengue-Fieber, deren Erreger zur gleichen Familie der Flaviviridae gehören wie das Zika-Virus. Als es während einer Epidemie mit dem Zika-Virus 2013/14 zu einer Häufung von Fällen mit Guillain-Barré Syndrom kam, war dies nicht über­raschend, und die meisten Experten bezweifeln nicht, dass ein Zusammenhang besteht. Ein Beweis stand jedoch noch aus.

Die erneute Assoziation in Lateinamerika veranlasste ein Team um Anraut Fortanet vom Institut Pasteur in Paris, die Blutproben von 42 Patienten zu untersuchen, die während der Epidemie in Französisch-Polynesien in einer Klinik in Papeete auf der Insel Tahiti wegen eines Guillain-Barré Syndroms behandelt worden waren. Die meisten hatten im Vorfeld über eine Erkrankung berichtet, die mit dem Zika-Fieber vereinbar ist.

Zwar wurde bei keinem der Patienten das Virus im Blut nachgewiesen. Es ist bekannt, dass die Virämie nur wenige Tage anhält. Und Urinproben, die länger infektiös bleiben, waren nicht verfügbar. Alle 42 Patienten hatten jedoch Antikörper gegen Zika-Viren im Blut. Der Anteil war größer als in einer Kontrollgruppe von Patienten gleichen Alters und Geschlechts, die wegen nicht febriler Erkrankungen in der Klinik behandelt wurden. Dort waren 54 von 98 Patienten (56 Prozent) im Antikörper-Test positiv.

Eine zweite Beweislinie war der häufigere Nachweis von IgM-Antikörpern gegen Zika-Viren, die in der Aktphase einer Erkrankung gebildet werden und dann wieder verschwinden, während IgG-Antikörper eine lebenslange immunologische Reaktion anzeigen. IgM-Antikörper gegen Zika-Viren wurden bei 31 Patienten mit Guillain-Barré Syndrom (74 Prozent) nachgewiesen gegenüber 11 Patienten (11 Prozent) in der Kontrollgruppe. Sie waren niemals in einer zweiten Kontrollgruppe vorhanden, die auch Antikörper gegen das Dengue-Fieber hatte. Dies schließt weitgehend aus, dass eine Infektion mit Dengue-Viren für das Guillain-Barré Syndrom verantwortlich war. Diese Möglichkeit bestand, da das Dengue-Fieber in Französisch-Polynesien endemisch ist und es Kreuzreaktionen zwischen den Antikörpern zu beiden Erregern gibt.

Die Patienten mit Guillain-Barré Syndrom waren im Mittel 42 Jahre alt und zu 74 Prozent männlich. Zwischen dem Ende des Zika-Fiebers und dem Beginn der neurologischen Symptome lagen im Mittel sechs Tage. Alle Patienten erhielten intravenöse Immunglobuline, 38 Prozent benötigten eine Intensivpflege, 29 Prozent mussten beatmet werden. Alle überlebten.

Die Ärzte diagnostizierten bei allen Patienten eine akute motorische axonale Neuropathie (AMAN). Bei dieser Variante des Guillain-Barré Syndroms werden häufig Anti-Glykolipid-Antikörper gefunden. Von den Patienten der aktuellen Studie hatten jedoch nur 13 (31 Prozent) diese Antikörper. Für den Editorialisten David Smith von der University of Western Australia in Perth ist die Beweiskette deshalb nicht abgeschlossen, was aber eher prinzipielle Bedenken sein dürften.

Wichtig für die aktuelle Epidemie ist eine Abschätzung der Erkrankungshäufigkeit. In Französisch-Polynesien kamen auf 100.000 Infektionen 24 Erkrankungen am Guillain-Barré Syndrom. Sofern diese Zahlen auf Lateinamerika übertragbar sind, muss dort mit einer großen Anzahl von Patienten gerechnet werden. Nach einem aktuellen Situationsbericht der Weltgesundheitsorganisation wurde bisher in fünf Staaten ein Anstieg der Erkrankungen am Guillain-Barré Syndrom festgestellt. In Brasilien waren es landesweit 1.708 Fälle, was einen Anstieg von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr (1.439 Fälle im Jahr 2014) darstellt. Nur dieser Zuwachs wäre durch das Zika-Virus zu erklären. © rme/aerzteblatt.de

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