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Medizin

Studie: Kongenitale Toxoplasmose in Deutschland häufig unentdeckt

Freitag, 4. März 2016

Berlin – In Deutschland infizieren sich vermutlich jedes Jahr mehr als 6.000 Frauen während der Schwangerschaft mit Toxoplasma gondii. Dies geht aus einer Quer­schnittstudie in Scientific Reports (2016; 6: 22551) hervor. Sie lässt vermuten, dass die Zahl der kongenitalen Toxoplasmose deutlich höher ist als die aktuellen jährlichen Meldungen vermutet lassen.

Der Parasit Toxoplasma gondii, ein entfernter Verwandter des Malaria-Erregers, kann (mit der Ausnahme von roten Blutzellen) alle menschlichen Zellen infizieren. Ein intaktes Immunsystem verhindert in der Regel eine schwere Erkrankung, sodass die meisten Infektionen unbemerkt bleiben. Neben Menschen mit schwerer Immunschwäche sind vor allem Kinder vor der Geburt gefährdet.

Deshalb wird Schwangeren ausdrücklich geraten, auf den Verzehr von rohem Fleisch, etwa Rohwurst oder Hackepeter, zu verzichten und den Kontakt zu Katzen zu meiden sowie den Tieren den Zugang zum Gemüsegarten zu versperren. Eine Infektion der Schwangeren bleibt häufig unerkannt und auch eine kongenitale Toxoplasmose ist häufig schwer zu diagnostizieren. Unbehandelt kann sie jedoch zu Spätschäden führen. Neben Entwicklungsstörungen kann es insbesondere am Auge zu einer Retino­choroiditis mit bleibenden Sehschäden kommen.

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Die kongenitale Toxoplasmose ist in Deutschland meldepflichtig. Beim Robert Koch-Institut (RKI) treffen jährlich zwischen 8 und 23 Meldungen ein. Die jetzt von Hendrik Wilking und weiteren RKI-Mitarbeitern vorstellten Ergebnisse einer Querschnittstudie lassen vermuten, dass die tatsächliche Zahl der kongenitalen Infektionen und Erkrankungen wesentlich höher liegen.

Die Untersuchung basiert auf den Serumproben, die im Rahmen der Studie zur Gesund­heit Erwach­sener in Deutschland (DEGS) zwischen 2008 und 2011 bei 6.663 Bürgern im Alter von 18 bis 79 Jahren entnommen wurden. Bei mehr als der Hälfte, genau bei 3.602 Personen, wurden IgG-Antikörper gegen T. gondii nachgewiesen. 

Die Seroprävalenz stieg von 20,0 Prozent in der Altersgruppe der jungen Erwachsenen (18 bis 29 Jahre) auf 76,8 Prozent bei den Senioren (70 bis 79 Jahre). Drei Viertel aller Deutschen machen mithin im Laufe ihres Lebens Bekanntschaft mit dem Parasiten. In Ostdeutschland war die Rate höher als im Westen, was Wilking auf die dort größere Beliebtheit von Mett oder Hackepeter zurückführt. Männer infizieren sich zu 76 Prozent häufiger als Frauen, was möglicherweise ebenfalls ernährungsbedingt ist, da Männer in Deutschland mehr Fleisch essen als Frauen.

Weitere Risikofaktoren waren Katzenhaltung (plus 27 Prozent) und Adipositas (plus 30 Prozent). Auch Übergewichtige greifen offenbar häufiger zu Mett oder Hackepeter. Vegetarier infizieren sich zu 40 Prozent seltener und in höheren sozioökonomischen Schichten (minus 30 Prozent) is(s)t man offenbar auch vorsichtiger.

Die jährliche Inzidenz der Serokonversionen, sprich der Neuinfektionen, beträgt laut den Berechnungen des RKI 1.099 auf 100.000 Personen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter sind es 1.325 Infektionen auf 100.000 Personen und Jahr. Dies ergibt rechnerisch 6.393 Frauen, die sich während der Schwangerschaft mit T. gondii infizieren.In Österreich konnte durch die Behandlung von infizierten Schwangeren die Übertragungsrate auf den Feten um den Faktor 6 gesenkt werden. In Deutschland werde das Screening derzeit aus Kosten-Nutzen-Überlegungen heraus abgelehnt, schreibt Wilking. Schwangeren würde ein Test zu Beginn der Schwangerschaft noch nicht einmal als individuelle Gesundheitsleistung empfohlen. © rme/aerzteblatt.de

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