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Medizin

Frühe Exposition vermeidet (nicht nur) Erdnuss-Allergien

Montag, 7. März 2016

dpa

London – Eine frühe Fütterung von Säuglingen mit allergenen Nahrungsmitteln kann eine Sensibilisierung bewirken und spätere Nahrungsmittelallergien verhindern. Dies gilt möglicherweise nicht nur für die Erdnussallergie, wie die LEAP-Studie im letzten Jahr gezeigt hatte, sondern auch für fünf weitere häufige Allergene, die britische Forscher in der EAT-Studie untersucht haben.

Die Anschlussstudie LEAP-On zeigt, dass die Toleranz auf Erdnüsse auch nach einer Karenzzeit, in der keine Erdnüsse gegeben wurden, weiter besteht. Die Ergebnisse der beiden Studien wurden auf der Jahrestagung der American Academy of Allergy, Asthma & Immunology in Los Angeles vorgestellt und im New England Journal of Medicine (NEJM) publiziert.

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Von Anfang an vermeiden, lautete bis vor kurzem das Mantra der Allergologen. Um einer Nahrungsmittelallergie vorzubeugen, sollten die Säuglinge in den ersten Lebens­jahren keine allergenen Nahrungsmittel erhalten. Die Botschaft wurde erhört und in England gaben 2010 fast die Hälfte aller Mütter in einer Umfrage an, dass sie ihren Säuglingen Erdnüsse, Eier, Milchprodukte oder Fisch vorenthalten würden.

Seit dem letzten Jahr steht fest, dass dies falsch war. Die Vermeidung von Allergenen in den ersten Lebensmontan verhindert keine Allergien, sie kann sie sogar fördern. Diese Erkenntnisse sind der LEAP-Studie („Learning Early About Peanut“) zu verdanken, die zur Überraschung der meisten Allergologen zu dem Ergebnis kam, dass eine frühe Einführung von Erdnüssen in die Babynahrung die Zahl der späteren Erdnussallergien um 86 Prozent senkt (NEJM 2015; 372: 803-13).

Jetzt stellte dasselbe Team um Gideon Lack vom King’s College in London die Ergebnisse einer weiteren Studie vor (NEJM 2016; doi: 10.1056/NEJMoa1514210). In der EAT-Studie (für: „Enquiring about Tolerance") wurden mehr als 1.300 Säuglinge, die drei Monate voll gestillt worden waren, auf die frühe Einführung von sechs allergenen Nahrungsmitteln oder ein ausschließliches Weiterstillen bis zum Ende des sechsten Monats randomisiert.

Die frühe Einführung der sechs allergenen Nahrungsmittel war anspruchsvoll. Die Mütter mussten ihren Kindern jede Woche drei volle Teelöffel glatte Erdnussbutter, ein kleines Ei, zwei Portionen Kuhmilch-Jogurt (40 bis 60 Gramm), drei Teelöffel Sesampaste, 25 Gramm Weißfisch und zwei Zerealien-Kekse (auf Weizenbasis) verabreichen. Das war für die meisten Mütter zu anspruchsvoll.

Weniger als die Hälfte hielten sich an die abgesprochenen Regeln, was möglicherweise die nicht optimalen Ergebnisse erklärt. Der primäre Endpunkt, eine Lebensmittelallergie auf eines der sechs Nahrungsmittel im Alter bis zu drei Jahren, trat in der „Intention to treat“-Analyse, die keine Rücksicht auf die mangelnde Adhärenz nimmt, in der Gruppe mit früher Fütterung bei 5,6 Prozent der Kinder auf. In der Gruppe mit fortgesetztem ausschließlichem Stillen betrug der Anteil 7,1 Prozent. Der Unterschied war nicht signifikant und der Ansatz einer frühen Zufuhr allergener Nahrungsmittel streng genommen gescheitert. 

Die „per-protocol“-Analyse, die nur Kinder berücksichtigt, deren Mütter die Regeln eingehalten haben, kommt zu einem anderen Ergebnis: Nur 2,4 Prozent der Kinder mit gezielter Zufütterung entwickelten eine Nahrungsmittel-Allergie gegenüber 7,3 Prozent in der Kontrollgruppe mit fortgesetztem Stillen. Dies war ein signifikanter Unterschied. Effektiv war die frühe Zufütterung vor allem bei Erdnüssen (Allergierate 0 Prozent versus 2,5 Prozent) und Eiern (Allergierate 1,4 Prozent versus 5,5 Prozent). Für die Zufütterung von Milch, Sesam, Fisch und Weizen konnte keine protektive Wirkung gezeigt werden. Ein Grund könnte das insgesamt sehr geringe Auftreten dieser Nahrungsmittel-Allergien sein, vermutet Lack.

Die Ergebnisse einer „per-protocol“-Analyse sind jedoch kein Beweis, dass die Strategie effektiv ist. Es ist nämlich möglich, dass die Mütter wegen (empfundener oder echter) Symptome bei ihren Kindern den Fütterungsversuch abgebrochen haben. In diesem Fall würden die Ergebnisse der „per-protocol“-Analyse ein falsches Bild von der Effektivität der Allergenvermeidung durch frühe Zufütterung ergeben. Lack hält diese Erklärung für unwahrscheinlich, da es unter den nicht-adhärenten Kindern keine erhöhte Rate von Allergien gegeben hat. 

Die geringe Adhärenz bleibt jedoch ein Problem, denn außerhalb einer kontrollierten Studie mit einer optimalen Beratung der Mütter dürfte die Adhärenz noch geringer sein, wie Gary Wong von der chinesischen Universität in Hongkong im Editorial vermutet. Besonders niedrig war die Adhärenz bei festen Nahrungsmitteln, etwa dem Ei, während der Jogurt sich gut verfüttern ließ. Hier könnten Ansatzpunkte für eine Verbesserung sein, vermutet Jong.

In einer zweiten Publikation stellt das Team um Lack die Ergebnisse der LEAP-On-Studie vor, die im Anschluss an die LEAP-Studie begonnen wurde (NEJM 2016; doi: 10.1056/NEJMoa1514209). Zu diesem Zeitpunkt hatten 274 Kinder der LEAP-Studie bis zum Alter von 5 Jahren den Verzehr von Erdnüssen vermieden. Weitere 282 Kinder waren seit dem Säuglingsalter exponiert worden.

Die Forscher baten die Teilnehmer der LEAP-Studie, für die nächsten 12 Monate auf Erdnüsse zu verzichten. Danach wurde in beiden Gruppen ein oraler Provokationstest durchgeführt. In beiden Gruppen kam es zu drei zusätzlichen Allergien. Dies belegt laut Lack, dass die in den ersten Lebensjahren erhaltene Toleranz erhalten bleibt und die Kinder künftig nach Belieben Erdnüsse verzehren können, ohne dass sie befürchten müssen, nach einer Pause allergisch zu werden.

© rme/aerzteblatt.de

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