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Medizin

Wie das Zikavirus den Fötus schädigt – Parallelen zu Röteln

Montag, 7. März 2016

Die einen Monat alte Alice Vitoria, die in  in Recife lebt, ist an Mikrozephalie erkrankt dpa

Baltimore/Rio de Janeiro – Das Zikavirus, das derzeit in Lateinamerika eine Epidemie auslöst, infiziert im Gehirn die Vorläuferzellen des Cortex, was die Mikrozephalie erklären könnte, mit der einige Kinder geboren wurden. Der klinische Verlauf zeigt Parallelen zur Röteln-Embryopathie, bei der ebenfalls die schwere Schädigung des Kindes mit einem eher unauffälligen Verlauf der Erkrankung bei der Schwangeren kontrastiert.

Kaum noch ein Experte zweifelt daran, dass die Zikaviren für die schweren Hirnschäden verantwortlich sind, die zur Mikrozephalie führen, doch die genaue Pathogenese der Embryo- beziehungsweise Fetopathie ist derzeit nicht bekannt. Ein Team um Hongjun Song und Guo-li Ming von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore hat deshalb die Pathogenität der Viren an unterschiedlichen Zellkulturen untersucht, darunter auch an Vorläuferzellen des Cortex, die die Forscher zuvor aus induzierten pluripotenten Stammzellen hergestellt hatten.

Wie die Forscher in Cell Stem Cell (2016; doi: 10.1016/j.stem.2016.02.016) berichten, dringen die Viren innerhalb von drei Tagen in die Stammzellen ein, die Ausgangspunkt für die Bildung der Großhirnrinde sind. Die Nervenzellen werden dann zu Virusfabriken umfunktioniert. Die Freisetzung der Viren geht teilweise mit einer Zerstörung der Hirn­zellen einher, teilweise kommt es offenbar zu einer Verlangsamung im Zellzyklus.

Beides macht deutlich, warum es bereits vor der Geburt zu einer Entwicklungsstörung der Großhirnrinde kommt, die die Mikrozephalie plausibel erklärt. Die Forschungs­ergebnisse sind ein weiterer Beleg dafür, dass die Viren für die schweren Hirnstörungen verantwortlich sind, mit denen derzeit viele Kinder in den Epizentren der Zika-Epidemie in Lateinamerika geboren werden. Die Forscher haben darüber hinaus eine Plattform zur Entwicklung neuer Wirkstoffe geschaffen.

Die schweren Hirnschäden stehen in einem Kontrast zu dem häufig sehr milden Verlauf der Infektion bei der Schwangeren, den Patrícia Brasil von der Fundação Oswaldo Cruz, einer Klinik in Rio de Janeiro, auch an einer Gruppe von 88 Frauen beobachtete, die innerhalb von fünf Tagen nach Auftreten eines Hautausschlags in der Klinik untersucht werden konnte. Wie sie im New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1602412) berichten, konnte bei 72 Frauen das Zikavirus im Blut, im Urin oder in beiden Flüssigkeiten nachgewiesen werden. Die Fallzahl ist zwar gering. Die Forscher glauben jedoch, dass sich einige Beobachtungen verallgemeinern lassen.

Typisch ist ein absteigendes makulopapulöses Exanthem, das eine feine netzartige Struktur aufwies. Da der Hautausschlag der Anlass für die Untersuchung ist, bleibt offen, ob auch Kinder von infizierten Schwangeren ohne Hautausschlag gefährdet sind. Häufig waren auch Rötungen von Konjunktiva und Augenlidern. Der Hautausschlag war fast immer von einem Juckreiz begleitet. Es kam häufiger zu einer Schwellung der Lymphknoten auch an ungewöhnlichen Orten, etwa hinter der Ohrmuschel. Zwei Drittel der Schwangeren berichteten von Gelenkschmerzen. Fieber trat nur bei 20 der 72 Schwangeren auf.

Bei 12 von 42 Frauen sind bei den vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen Veränderungen des Fötus aufgefallen. Zwei dieser Kinder wurden in der 36. und 38. Woche tot geboren, fünf weitere Föten zeigten intra-uterine Wachstumsstörungen, bei sieben Föten wurden ventrikuläre Verkalkungen oder andere Veränderungen des Nervensystems beobachtet.

Bei sieben Föten stimmte die Fruchtwassermenge nicht oder die Durchblutung der Nabelschnurarterien war gestört. Bislang gebaren 8 der 42 Frauen ihre Kinder. Bei allen bestätigten sich die im Ultraschall gesehenen Veränderungen. Die beiden Kinder mit einem normalen Ultraschallbefund waren auch bei der Geburt unauffällig.

Brasil erinnert das klinische Bild bei der Schwangeren und der starke Kontrast zur Situation des Embryos stark an die Rötelnembryopathie, bei der es ebenfalls zu einem juckenden Hautausschlag und einer Lymphopathie kommt und bei der das Fieber ebenfalls fehlen kann. Bei der letzten großen Epidemie vor Einführung des ersten Impfstoffes wurden zwischen 1959 und 1969 in den USA mehr als 2.100 Kinder tot und weitere 20.000 mit Fehlbildungen geboren, zu denen schwere geistige Behinderungen, Blindheit und Taubheit gehörten.

Ein wesentlicher Unterschied zur Zika-Epidemie ist, dass viele Schwangere während der Röteln-Epidemie durch Antikörper geschützt waren, die sie während früherer Epidemien erworben hatten. Dies ist bei der aktuellen Zika-Epidemie anders. Da das Virus in Südamerika neu ist, gibt es keine Frauen mit vorbestehender Immunität (es sei denn, eine Kreuzimmunität durch Dengue vermittelt einen gewissen Schutz, was aber nicht erwiesen ist). © rme/aerzteblatt.de

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