NewsMedizinPsychosen unter Migranten und Flüchtlingen häufiger
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Psychosen unter Migranten und Flüchtlingen häufiger

Mittwoch, 16. März 2016

Transitflüchtlinge auf dem Weg nach Schweden dpa

Stockholm – Flüchtlinge erkranken in Schweden dreimal häufiger als die einheimische Bevölkerung an einer Schizophrenie oder anderen nicht-affektiven Psychosen. Die Diagnosen werden einer Studie im British Medical Journal (BMJ 2016; 352: i1030) zufolge auch häufiger gestellt als bei Migranten, die schon längere Zeit im Land leben. Neben den Erlebnissen in den Herkunftsländern könnten nach Ansicht der Forscher auch post-migratorische Faktoren eine Rolle spielen.

Pro Kopf hat Schweden mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere reiche Land in Europa. Von den 9,7 Millionen Einwohnern sind 1,6 Millionen im Ausland geboren. Darunter waren bereits 2011 etwa 12 Prozent Flüchtlinge, die erst seit kurzem in Schweden leben. Es war bereits bekannt, dass Flüchtlinge ein erhöhtes Risiko auf posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen haben. Die Untersuchung von Anna-Clara Hollander vom Karolinska Institut in Stockholm und Mitarbeitern zeigt jetzt erstmals, dass auch nicht-affektive Psychosen wie die Schizophrenie unter Migranten und Flüchtlingen häufiger auftreten als in der einheimischen Bevölkerung.

Anzeige

Die Untersuchung basiert auf der Auswertung von 1,3 Millionen Einwohnern. Darunter waren 24.123 Migranten, die schon länger in Schweden leben, und 132.663 Flüchtlinge, die noch kein permanentes Bleiberecht erworben hatten. Psychosen waren in allen drei Gruppen insgesamt selten. In 8,9 Millionen Personenjahren wurde bei 3.704 Personen eine nicht-affektive Psychose diagnostiziert. Migranten, insbesondere aber Flüchtlinge waren deutlich überrepräsentiert.

Unter den einheimischen Schweden kamen auf 10.000 Menschen vier Diagnosen pro Jahr gegenüber acht Diagnosen bei Migranten, die schon länger in Schweden leben, und 12 Diagnosen bei Flüchtlingen. Hollander ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 2,9 (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,3-3,6) für Flüchtlinge und von 1,7 (1,3-2,1) für andere Migranten. Die Flüchtlinge waren demnach fast 3-fach häufiger betroffen als die einheimische schwedische Bevölkerung, bei den anderen Migranten war das Risiko noch um 70 Prozent erhöht.

Der Hauptautor James Kirkbride vom University College London führt das erhöhte Risiko auf die vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen, körperlichen und psychischen Belastungen zurück, die Flüchtlinge in ihrer Heimat und auf der Flucht ausgesetzt sind. Es könnte aber auch post-migratorische Faktoren geben, zu denen Diskriminierung, Rassismus und soziale Ausgrenzung im Aufnahmeland gehören.

Hiervon sind offenbar besonders Menschen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara betroffen. Diese Bevölkerungsgruppe ist die einzige, in der Migranten, die schon länger in Schweden leben, ein gleich hohes Risiko auf nicht-affektive Psychosen hatten, wie die neu hinzugekommenen Flüchtlinge. Der „sichtbare Minderheitenstatus“, sprich die dunkle Hautfarbe könnte hier eine Rolle spielen, vermutet Hollander. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

14. Dezember 2018
Hamburg – Sprachbarrieren erschweren vielerorts die Behandlung psychisch kranker und behinderter Geflüchteter. In Hamburg beugen zwei entsprechende Sprachmittlerpools Verständigungsproblemen vor. Die
Hamburger Bürgerschaft finanziert medizinische Sprachmittler
13. Dezember 2018
Berlin – Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) wendet sich gegen Bestrebungen, die Diagnose „Anhaltende Trauerstörung“ in die internationale Klassifizierung der Krankheiten (ICD)
Hospizverband warnt vor Einstufung von Trauer als Krankheit
12. Dezember 2018
Straßburg – Schutzsuchende sollen nach dem Willen des EU-Parlaments mithilfe von humanitären Visa legal und sicher in die EU kommen können. In einem gestern mit großer Mehrheit angenommenen Bericht
EU-Parlament fordert humanitäre Visa
11. Dezember 2018
Stockholm – Viele Migranten kommen aus Ländern, in denen bestimmte Infektionskrankheiten häufiger sind als in Europa. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten
Infektionen: ECDC rät zu Screening und Impfung von Migranten
10. Dezember 2018
London – Mythen über Migration und Gesundheit ermöglichen Regierungen in vielen Ländern der Welt eine fremdenfeindliche und restriktive Politik – einschließlich der Inhaftierung von Migranten an den
Vorurteile über Migration und Gesundheit werden zur Basis von fremdenfeindlicher Politik
10. Dezember 2018
Sydney – Rund 1.200 Asylsuchende in von Australien betriebenen Flüchtlingslagern verklagen die australische Regierung wegen Folter und Verletzung der Menschenrechte. Die in Lagern auf der Insel Manus
Flüchtlinge verklagen Australien wegen Verletzung der Menschenrechte
7. Dezember 2018
Aarhus – Kinder und Jugendliche, die wegen schwerer Infektionen im Krankenhaus behandelt wurden, erkrankten in einer bevölkerungsweiten Kohortenstudie aus Dänemark in JAMA Psychiatry (2018; doi:
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER