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„Wenn wir Flüchtlinge nur als Kostenfaktor begreifen, werden sie das am Ende auch sein“

Dienstag, 5. April 2016

Neumünster – Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster liegt nahe der größten Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein. Deshalb kamen im Spätsommer 2015 neben den deutschen Notfallpatienten auch zahlreiche Flüchtlinge in die Notaufnahme des Krankenhauses. Eine adäquate Versorgung der Patienten war nicht mehr möglich. Wie die Verantwortlichen das Problem gelöst und gleichzeitig einen Weg aufgezeigt haben, wie Integration gelingen kann, erzählt der Ärztliche Direktor des Krankenhauses, Ivo Heer.

Fünf Fragen an Ivo Heer, Friedrich-Ebert-Krankenhauses Neumünster

DÄ: Bitte beschreiben Sie die Situation in der Notaufnahme des Friedrich Ebert Krankenhauses in Neumünster im Sommer des vergangenen Jahres.
Heer: Sie wissen, dass die zentrale Notaufnahme schon außerhalb von Krisenzeiten mit einer sehr großen Zahl an Patienten konfrontiert ist, ohne auskömmlich finanziert zu sein. Insofern ist es schon normalerweise nicht leicht, die Patienten, die als Notfall zu uns kommen, zu versorgen. Zusätzlich zu den normalen Patienten kam im vergangenen Sommer dann noch eine sehr große Zahl an Flüchtlingen zu uns. Die größte Erstaufnahmeeinrichtung von Schleswig-Holstein liegt unweit unseres Krankenhauses, deshalb waren es bei uns besonders viele. Es war selbstverständlich, dass wir die Flüchtlinge genauso behandeln wie alle anderen Notfallpatienten. Wenn wir bei deutschen Patienten 20 Minuten für eine Behandlung brauchen, brauchten wir bei den Flüchtlingen aber nicht selten eine Stunde, weil wir ihnen mehr erklären mussten, und auch die Sprachbarriere zu Problemen geführt hat. Das hat im vergangenen August zum Zusammenbruch des Systems geführt.  

DÄ: Wie haben Sie darauf reagiert?
Heer: Wir haben das Konzept "Einheit Integrierende Versorgung" entwickelt. Die Idee dabei war, aus der Not eine Tugend zu machen und Experten aus den Reihen der Flüchtlinge zu bitten, für uns zu arbeiten. Denn die syrischen Ärzte und Pflegekräfte, die zu uns kommen, kennen die Traumata der anderen Flüchtlinge sehr gut. Weil sie sie ebenfalls erlebt haben. Deshalb können sie einen ganz anderen Zugang zu den Patienten finden. Zudem sprechen sie ihre Sprache.

DÄ: Und wie haben Sie Ihr Konzept umgesetzt?
Heer: Wir haben mit dem Staatssekretär im Innenministerium des Landes gesprochen und ihm unser Konzept vorgestellt. Und das Ministerium hat uns auf exzellente Weise unterstützt. Es hat uns zwei Millionen Euro Fördermittel zugesagt und uns freie Hand gegeben, unser Konzept sofort umzusetzen.

Wir haben dann ein Gebäude auf unserem Krankenhausgelände umgebaut und als neuen Teil der zentralen Notaufnahme genutzt, in dem Flüchtlinge behandelt werden. Den syrischen Ärzten und Pflegekräften haben wir deutsche Arbeitsverträge gegeben. Sie haben uns dann bei der Behandlung der Flüchtlinge unterstützt.

Medizinische Flüchtlingshilfe: Ein enormer Kraftakt

Im vergangenen Sommer mussten binnen Stunden Hunderttausende Flüchtlinge medizinisch versorgt werden. In der Rückschau zeigt sich: Weil sich zahlreiche Ärzte in ihrer Freizeit engagierten, konnte schnell geholfen werden.

Zudem hatte unser Pflegedirektor schon im Mai 2015 ein Videodolmetschersystem eingeführt, das auf einem iPad funktioniert und mit dem innerhalb von 90 Sekunden zertifizierte Übersetzer in einer Behandlungssituation zugeschaltet werden können. So konnten auch deutsche Ärzte Flüchtlinge behandeln, wenn die syrischen Kollegen einmal nicht da waren.

Der Eingang für die Flüchtlinge zur Notaufnahme ist übrigens derselbe wie für die deutschen Patienten. Das haben wir ganz bewusst so gewählt, um klar zu zeigen, dass es keine Medizin zweiter Klasse gibt. Die beiden Einheiten sind auch kommunizierende Röhren. Wenn zum Beispiel in der Einheit zur Betreuung der Flüchtlinge weniger los ist, arbeiten die syrischen Kollegen in der anderen Notaufnahme mit.

DÄ: Wie haben Sie die syrischen Ärzte gefunden?
Heer: Wir haben gute Kontakte zu den Ärzten in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Ich habe einen von ihnen angerufen und gesagt, dass wir syrische Ärzte suchen. Er hat sie uns vermittelt. 

DÄ: Wie haben die Mitarbeiter Ihres Krankenhauses auf das Konzept reagiert?
Heer: Es gab von Anfang an prinzipiell eine große Zustimmung. Die syrischen Kollegen sind jetzt Teil des Teams. Sie konnten unsere zentrale Notaufnahme deutlich entlasten. Wichtig war dabei, sie behutsam in unser Team zu integrieren und ihnen Zeit zu geben, unser System kennenzulernen. Das Ziel ist dabei ganz klar die Integration der syrischen Ärzte und Pflegekräfte. Seit sie in Deutschland sind, haben sie sehr gut Deutsch gelernt. Zurzeit arbeiten sie bei uns noch mit dem Status von Assistenzärzten unter ärztlicher Supervision. Das ist aber ohnehin sinnvoll als Teil der Integration. In Kürze werden sie ihre Gleichwertigkeitsprüfung absolvieren, und dann können sie als Fachärzte in Deutschland arbeiten.

Ich halte es für sehr wichtig, die Chancen zu nutzen, die die Situation bietet. In Deutschland haben wir einen Ärztemangel und einen noch größeren Pflegemangel. Wir brauchen diese Menschen also, und wir sollten ihnen schnell die Möglichkeit geben, bei uns zu arbeiten, statt unsere Sozialsysteme zu strapazieren und sie zu demotivieren, indem wir sie nicht in Deutschland arbeiten lassen. Es ist für mich sehr verwunderlich, wie fahrlässig wir mit der Ressource Mensch umgehen. Wenn wir politische Flüchtlinge nur als Risiko und Kostenfaktor begreifen, werden sie das am Ende auch sein. © fos/aerzteblatt.de

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