Politik

Ethikrat: Krankenhaus­versorgung muss stärker am Patientenwohl orientiert werden

Dienstag, 5. April 2016

Berlin - Mit seiner letzten in dieser Amtszeit veröffentlichten Stellungnahme richtet der Deutsche Ethikrat den Fokus explizit auf die Patienten und deren Wohlergehen im Krankenhaus. Dabei spricht das interdisziplinär besetzte Gremium konkrete Empfeh­lungen zur Verankerung und Gewährleistung der Patientenwohlorientierung in der Krankenhausversorgung aus. Angesichts zahlreicher kontroverser gesundheits­politischer Debatten in den vergangenen Jahrzehnten falle auf, dass eine Ausrichtung auf das Patientenwohl als maßgebliches Leitprinzip für die Krankenhausversorgung nicht im Vordergrund stehe, erläuterte die Vorsitzende des Ethikrates Christiane Woopen. Stattdessen werfe der zunehmende ökonomische Druck, insbesondere auf den Krankenhaussektor, zunehmend Fragen nach dem leitenden normativen Maßstab der Krankenhausversorgung auf. „Wir besitzen in Deutschland eine Krankenhausver­sorgung auf hohem Niveau. Diese ist jedoch teilweise nicht ausbalanciert, weshalb durchaus Reformbedarf besteht“, sagte Woopen.

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Nach Ansicht des Deutschen Ethikrates bestimmten hauptsächlich drei Kriterien das Patientenwohl: die selbstbestimmungsermöglichende Sorge für den Patienten, die gute Behandlungsqualität sowie Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit. Im Kontrast dazu stünden schwindende Möglichkeiten einer angemessenen Kommunikation zwischen Arzt und Patient sowie oftmals aus Zeitgründen zunehmende Schwierigkeiten für das Personal, ihre berufsethischen Pflichten umzusetzen, erläuterte Ethikratmitglied Thomas Heinemann. Der Rat fordert deshalb unter anderem, Pflegepersonalschlüssel in Abhängigkeit von Stations- und Bereichsgrößen für Krankenhäuser zu entwickeln und die Voraussetzungen für eine personale Kontinuität in der Pflege der Patienten zu schaffen.

Gute und gelingende Kommunikation ist Voraussetzung für das Wohlergehen der Patienten
Ferner möchte der Ethikrat eine bessere Kommunikation im Krankenhaus sicherstellen und die kommunikative und interkulturelle Kompetenz aller im Krankenhaus Tätigen fördern. Diesbezüglich sollten Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote entwickelt werden, meinen die 26 Mitglieder. Zudem sollte der zeitliche und organisatorische Aufwand bei den Vorgaben für die Vergütung innerhalb des DRG-Systems berücksichtigt werden. Dies betrifft sowohl die Kommunikation mit Patienten als auch die interpro­fessionelle Kommunikation. „Wir sind Realisten und wollen das DRG-System nicht abschaffen“, sagte der Psychologe Michael Wunder. „Wir bauen stattdessen auf die Lernfähigkeit des Systems.“

Zur Weiterentwicklung des DRG-Systems empfiehlt der Ethikrat ferner, Fehlanreizen entgegenzuwirken, die dem Patientenwohl entgegenstehen, wie vorzeitige oder verzögerte Entlassungen oder Verlegungen von Patienten. Sogenannte „Drehtür-Effekte“ kämen besonders bei multimorbiden Patienten vor. Um diese zu vermeiden, sollte die Abrechnung von zwei und mehr DRGs für einen Krankenhausaufenthalt ermöglicht werden, schlägt der Rat vor.

Für hochbetagte Patienten, Patienten mit seltenen Erkrankungen oder Patienten mit besonderen Verhaltensauffälligkeiten sollten neue Vereinbarungsmöglichkeiten für Zusatzentgelte geschaffen werden. Um unnötige Eingriffe aus Abrechnungsgründen zu vermeiden, sollten zudem Vergütungsmodelle etabliert werden, die auch die begründete Unterlassung etwaiger Maßnahmen und das Abwarten honorieren, meinen die Ratsmitglieder.

Viele der genannten Vorschläge erforderten eine zusätzliche Dokumentation, räumte Wunder ein. Die Dokumentationspflichten sollten jedoch bundesweit vereinfacht und vereinheitlicht werden, um mehr Zeit für die Patientenversorgung zu gewinnen. Hierzu sollten unter anderem Modelle mit digitaler Unterstützung entwickelt und erprobt werden. Ratsmitglied Peter Radke betonte, dass ferner allen Menschen mit Behinderung der Zugang zur Leistung zusätzlicher Assistenzpflege im Krankenhaus ermöglicht werden sollte. Für Patienten mit Demenz sollten demenzsensible Versorgungsstrukturen gefördert werden.

Krankenhausgesellschaft bewertet Patientenwohl bereits jetzt als Leitschnur des Handelns
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) begrüßte zwar die Hervorhebung der zentralen Bedeutung der persönlichen Zuwendung in der stationären Versorgung durch den Deutschen Ethikrat. Gleichzeitig betont sie jedoch, dass sich die Kranken­häuser dessen bereits bewusst seien und das Patientenwohl auch jetzt schon die Leitschnur ihres Handelns sei. „Zentrale Voraussetzung für eine versorgungsgerechte Personal­ausstattung in den Krankenhäusern ist allerdings die gesicherte Finanzierung des Personalbestandes in der Größenordnung von 1,1 Millionen Beschäftigten. Hier muss gewährleistet sein, dass Tarifsteigerungen über die Vergütungsanpassungen refinanziert werden können“, erklärte DKG-Präsident Thomas Reumann. Nur wenn das gewährleistet sei, werde der Rationalisierungsdruck vom Personal genommen.

Marburger Bund: Politik sollte Mahnung des Ethikrates beherzigen
Der Marburger Bund begrüßte die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats  zum Patientenwohl als ethischen Maßstab für das Krankenhaus. „In den Debatten um die Finanzierung des Gesundheitswesens gerät die ganzheitliche Wahrnehmung des Patienten als Individuum häufig aus dem Blick“, bestätigte Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes.

Der Ethikrat habe Recht, wenn er fordert, dass ärztliches Handeln auf den individuellen Patienten und seinen spezifischen Bedarf ausgerichtet sein muss. „Wir teilen auch die Kritik an dem derzeitigen DRG-Vergütungssystem in den Krankenhäusern, das den Patienten weniger in seiner individuellen Bedürftigkeit, sondern mehr als pauschalierten Behandlungsfall betrachte“, sagte er.

Der Marburger Bund setze sich seit Jahren dafür ein, die Ausschließlichkeit des für die gesamte Leistungsvergütung eingesetzten DRG-Systems durch ein differenziertes, dem Versorgungsbedarf entsprechendes Abrechnungssystem zu ersetzen. „Die Politik täte auch gut daran, wenn sie die Mahnung des Ethikrats beherzigen würde, die Dokumentationspflichten im Krankenhaus zu vereinfachen, um mehr Zeit für die Patientenversorgung zu gewinnen.“  © ER/aerzteblatt.de

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