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Chronische Schmerzen: „Zu oft werden Patienten mit Spritzen behandelt“

Dienstag, 5. April 2016

Saarbrücken – Viele Menschen, die in Deutschland unter chronischen Schmerzen leiden, fühlen sich im Alltag von diesen Schmerzen nicht immer beeinträchtigt. „Chronische Schmerzen zu haben, bedeutet nicht automatisch, darunter zu leiden und eine Behandlung zu wünschen“, erklärte Winfried Häuser, Ärztlicher Leiter des Schwer­punktes Psychosomatik der Klinik Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Knapp 27 Prozent der deutschen Bevölkerung berichten über chronische Schmerzen. Aber nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung fühlen sich durch ihre Schmerzen beeinträchtigt. Und knapp drei Prozent leiden zugleich unter einer „vermehrten psychischen Symptombelastung“. Für diese Menschen seien damit die Kriterien einer sogenannten Schmerzkrankheit erfüllt.

Diese Zahlen hat Häuser zusammen mit Kollegen in einer repräsentativen Bevölkerungs­stichprobe erhoben, für die 2.500 Erwachsene und Jugendliche über 13 Jahren befragt wurden. Die Ergebnisse der Studie wird er auch auf dem Gesundheitskongress „Salut!“ am 13. und 14. April in Saarbrücken vorstellen.

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20 Millionen Deutsche haben chronische Schmerzen
Umgerechnet auf die gesamte deutsche Bevölkerung bedeuten die Ergebnisse der Stichprobe: „20 Millionen Erwachsene und Jugendliche haben chronische Schmerzen, aber nur 1,9 Millionen empfinden diesen Schmerz als beeinträchtigend“, sagte Häuser. Die häufigsten Schmerzarten seien dabei Rückenschmerzen und Kopfschmerzen. Die Ergebnisse deckten sich auch mit den Ergebnissen internationaler Studien, denen zufolge 25 und 30 Prozent der Bevölkerung chronische Schmerzen empfänden.

Auch die Barmer GEK hat vor kurzem in ihrem Arztreport Zahlen zur Verbreitung chronischer Schmerzen in Deutschland veröffentlicht. Demnach wurde 2014 bei etwa vier Prozent der Barmer GEK-Versicherten eine Schmerzkrankheit, also ein chronischer Schmerz mit assoziierten körperlichen, seelischen und sozialen Beeinträchtigungen, diagnostiziert.

„Chronische Schmerzen gehen oft auch mit psychischen Erkrankungen einher“, erklärte Häuser. Dabei könne der chronische Schmerz einer psychischen Erkrankung sowohl vorausgehen als auch eine Folgeerscheinung sein.

„Heute können wir viele Patienten mit chronischen Schmerzen gut behandeln“
Häuser selbst sieht das Krankheitsbild Schmerzkrankheit dabei skeptisch. „Eine Krankheit wird durch typische Symptome definiert, eine nachweisbare Veränderung der Strukturen im Körper und eine spezifische Ursache“, sagte er. „Bei chronischen Schmerzen gibt es Symptome, es gibt eine Veränderung der Strukturen im Körper, aber eine spezifische Ursache gibt es nicht.“ Deshalb findet er es wissenschaftstheoretisch fragwürdig, von einer Schmerzkrankheit zu sprechen.

„Heute können wir viele Patienten mit chronischen Schmerzen gut behandeln“, betonte Häuser, „und zwar mit einer kombinierten Therapie aus körperlicher Aktivität und schmerzbezogener Psychotherapie. Dabei arbeiten Schmerztherapeuten mit Physiotherapeuten und Psychotherapeuten zusammen, zum Beispiel in einer spezialisierten Tagesklinik. Diese Interdisziplinarität ist sehr wichtig für das Behandlungsergebnis.“ Dennoch gebe es in Deutschland eine Unterversorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen.

Arztreport: Nur ein Fünftel der Patienten wird im Krankenhaus adäquat behandelt
Zu diesem Ergebnis ist auch die Barmer GEK gekommen. Dem Arztreport zufolge hat sich die Zahl der Patienten, die im Krankenhaus mit einer multimodalen Schmerz­therapie behandelt wurden, seit 2006 zwar auf 61.000 im Jahr 2014 mehr als verdoppelt. Dies entspreche jedoch nur einem Fünftel der Patienten, die potenziell für eine solche Therapie behandelt werden, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, bei der Präsentation des Reports.

Straub forderte „eine durchgängige Versorgungskette für die Patienten, um durch interdisziplinäre Zusammenarbeit möglichst oft die Chronifizierung von Schmerzen zu verhindern“. Dabei solle der Hausarzt eine Lotsenfunktion übernehmen. „Zur Interdisziplinarität gehört aber, dass schnell überwiesen wird, dass Schmerz nicht nur als organisches Symptom verstanden wird und somit ein strukturiertes berufsgruppen-übergreifendes Behandlungskonzept verfolgt wird“, so Straub.

„Manche Ärzte wissen gar nicht, dass es eine multimodale Schmerztherapie gibt“
Dieser Ansicht ist auch Häuser: „Wir müssen allerdings unsere Ressourcen besser bündeln und sie den Patienten zugänglich machen. Viele Patienten, und auch manche Ärzte, wissen heute nämlich gar nicht, dass es die Möglichkeit einer multimodalen Schmerztherapie gibt. Zu oft werden Patienten von manchen Hausärzten oder Orthopäden monatelang mit Spritzen und Infusionen behandelt.“

Ein Problem ist die lange Wartezeit. „Die Wartezeit auf eine multimodale Schmerz­therapie beträgt im Durchschnitt drei Monate“, sagte Häuser. „Doppelt so lange dauert es, wenn die Patienten zugleich eine psychotherapeutische Behandlung brauchen. Dennoch sollten wir in Deutschland nicht klagen. Im Ausland sind die Wartezeiten noch länger beziehungsweise stehen diese Behandlungsmöglichkeiten für die meisten Versicherten gar nicht zur Verfügung.“

Ein weiteres Problem seien die Vergütungsstrukturen. „Wenn sich die verschiedenen Akteure, die es zu einer multimodalen Schmerztherapie braucht, im ambulanten Bereich miteinander abstimmen wollen, ist das zeitaufwändig, und die Honorarfrage ist nicht geklärt“, so Häuser. „In einem Schmerzzentrum, zum Beispiel innerhalb eines interdisziplinären Medizinischen Versorgungszentrums, ist das einfacher, weil die Entfernungen viel kürzer sind.“ © fos/aerzteblatt.de

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