NewsMedizinAndrologen wollen Pädophile mit chemischer Kastration behandeln
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Andrologen wollen Pädophile mit chemischer Kastration behandeln

Freitag, 8. April 2016

Stockholm – Schwedische Forscher wollen Männer mit pädophilen Neigungen in einer klinischen Studie mit dem GnRH-Antagonisten Degarelix behandeln. Das Mittel, das zur chemischen Kastration von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom zuge­lassen ist, soll in einer placebokontrollierten klinischen Studie untersucht werden, für die das Team jetzt auf einer Crowdfunding-Pattform um Spendengelder wirbt.

Sowohl die ICD10 der Welt­gesund­heits­organi­sation als auch der DSM5 der American Psychiatric Association betrachten pädophile Neigungen als Störung („disorder“), was die Berechtigung einer Behandlung, wenn auch nicht unbedingt gegen den Willen der Betroffenen, impliziert. Tatsächlich fragen die Betoffenen selbst häufig um eine Behandlung nach. In der Regel wird eine kognitive Verhaltenstherapie oder andere Psychotherapien angeboten, deren Effektivität umstritten sind. Dies gilt auch für pharmakologische Ansätze, die auf eine Ausschaltung der Testosteron-Wirkung zielen.

Hierzu ist heute keine chirurgische Kastration mehr erforderlich, die von den meisten Experten abgelehnt wird (aber in einigen Ländern der EU noch angewendet wird). Mit GnRH-Antagonisten kann die Testosteronwirkung auch pharmakologisch blockiert werden. Diese Behandlung wird seit längerem beim Prostatakarzinom im fortge­schrittenen Stadium durchgeführt. Da die Wirkung reversibel ist, könnte sie auch für Patienten mit pädophilen Störungen akzeptabel sein. Ob die Behandlung tatsächlich wirksam wäre, ist umstritten, da die pädophilen Neigungen keine Folge eines Hormonüberschusses sind, sondern psychiatrische Wurzeln haben.

Anzeige

Ein Team um Stefan Arver vom Karolinska-Institut in Stockholm will dies jetzt in einer klinischen Studie klären. Arver leitet das Zentrum für Andrologie und Sexualmedizin an der Universitätsklinik, das derzeit Anlaufstelle für Pädophile ist. Seit der Einrichtung im Jahr 2012 haben dort laut Arver bereits 1.500 Männer angerufen und um Hilfe nachgesucht. Eine evidenz-basierte Therapie konnten die schwedischen Ärzte den Männern nicht anbieten, da auch die medikamentösen Therapien nicht in klinischen Studien sauber untersucht wurden.

Das Projekt Priotab (Paedophilia at Risk – Investigations of Treatment and Biomarkers) soll jetzt eine wissenschaftliche Basis für eine medikamentöse Therapie schaffen. Vorgesehen ist ein Vergleich zwischen Degarelix und Placebo. Degarelix ist ein 2009 zugelassener GnRH-Blocker. Der Wirkstoff besetzt reversibel die Rezeptoren für das Gonadotropin releasing Hormon (GnRH) in der Hypophyse. Dies führt bei Männern relativ schnell zur Androgendeprivation. Zu den Folgen gehören ein Libidoverlust und eine erektile Dysfunktion.

Die Durchführung der Studie dürfte unter Bioethikern nicht unumstritten sein. Dabei geht es auch um die Frage, wie die Wirkung gemessen wird. Die Anzahl pädophiler Straftaten dürfte von keiner Ethikkommission als Endpunkt akzeptiert werden. Arver bleibt in der Studienbeschreibung vage. Es sollen eine Reihe von „dynamischen Risikofaktoren“ bewertet werden, heißt es in dem Spendenaufruf, ohne auszuführen, welche Fragebögen oder Skalen das sein sollen.

Den für Forscher (noch) ungewöhnlichen Versuch, die Studie über ein Crowdfunding zu finanzieren, begründet Arver mit den hohen Kosten für klinische Studien (38.000 Pfund sollen eingeworben werden) und den knappen öffentlichen Forschungsgeldern. An den Hersteller möchte sich Arver aus Gründen der Unabhängigkeit nicht wenden. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

27. August 2019
Jakarta – Ärzte in Indonesien weigern sich, einen wegen Vergewaltigung mehrerer Kinder verurteilten Mann zwangsweise zu kastrieren. „Unsere Haltung ist klar. Dies wäre ein Verstoß gegen die Grundsätze
Ärzte in Indonesien verweigern Zwangskastration von Verurteiltem
21. August 2019
Köln – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nach einem intensiven Prüfprozess erneut zum WHO-Kollaborationszentrum für sexuelle und
BZgA erneut zum WHO-Kollaborationszentrum ernannt
9. August 2019
Berlin – Ein hoch-resistenter Stamm von Neisseria gonorrhoeae, bei dem auch das letzte einsetzbare Antibiotikum nicht sicher wirkt, hat möglicherweise Deutschland erreicht. Mitarbeiter des Robert
Gonorrhö: Gefährliche Azithromycin-Resistenz jetzt auch in Deutschland
4. Juli 2019
Würzburg – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat sein Vorhaben verteidigt, sogenannte Konversionstherapien für Homosexuelle gesetzlich verbieten zu lassen. Homosexualität sei keine Krankheit
Spahn verteidigt Vorstoß zum Verbot von Konversionstherapien für Homosexuelle
24. Juni 2019
Silver Spring – Die subkutane Injektion eines Agonisten am Melanocortin-Rezeptor soll Frauen mit der Libidostörung HSDD („hypoactive sexual desire disorder“) zu einem befriedigenden Sexualleben
USA: Zweiter Wirkstoff für Libidostörungen von Frauen zugelassen
14. Juni 2019
Berlin – Die Geschlechtsangabe auf Formularen wird zum 1. Oktober angepasst. Darauf hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hingewiesen. Hintergrund ist die Vorgabe im Personenstandsgesetz
Geschlechtsangabe auf Formularen geändert
14. Juni 2019
Madrid – Spanien reagiert mit einer Kondom-Kampagne auf den Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten. Das spanische Ge­sund­heits­mi­nis­terium erklärte gestern, es werde von Montag an Anzeigen und Videos
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER