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Medizin

Andrologen wollen Pädophile mit chemischer Kastration behandeln

Freitag, 8. April 2016

Stockholm – Schwedische Forscher wollen Männer mit pädophilen Neigungen in einer klinischen Studie mit dem GnRH-Antagonisten Degarelix behandeln. Das Mittel, das zur chemischen Kastration von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom zuge­lassen ist, soll in einer placebokontrollierten klinischen Studie untersucht werden, für die das Team jetzt auf einer Crowdfunding-Pattform um Spendengelder wirbt.

Sowohl die ICD10 der Weltgesundheitsorganisation als auch der DSM5 der American Psychiatric Association betrachten pädophile Neigungen als Störung („disorder“), was die Berechtigung einer Behandlung, wenn auch nicht unbedingt gegen den Willen der Betroffenen, impliziert. Tatsächlich fragen die Betoffenen selbst häufig um eine Behandlung nach. In der Regel wird eine kognitive Verhaltenstherapie oder andere Psychotherapien angeboten, deren Effektivität umstritten sind. Dies gilt auch für pharmakologische Ansätze, die auf eine Ausschaltung der Testosteron-Wirkung zielen.

Hierzu ist heute keine chirurgische Kastration mehr erforderlich, die von den meisten Experten abgelehnt wird (aber in einigen Ländern der EU noch angewendet wird). Mit GnRH-Antagonisten kann die Testosteronwirkung auch pharmakologisch blockiert werden. Diese Behandlung wird seit längerem beim Prostatakarzinom im fortge­schrittenen Stadium durchgeführt. Da die Wirkung reversibel ist, könnte sie auch für Patienten mit pädophilen Störungen akzeptabel sein. Ob die Behandlung tatsächlich wirksam wäre, ist umstritten, da die pädophilen Neigungen keine Folge eines Hormonüberschusses sind, sondern psychiatrische Wurzeln haben.

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Ein Team um Stefan Arver vom Karolinska-Institut in Stockholm will dies jetzt in einer klinischen Studie klären. Arver leitet das Zentrum für Andrologie und Sexualmedizin an der Universitätsklinik, das derzeit Anlaufstelle für Pädophile ist. Seit der Einrichtung im Jahr 2012 haben dort laut Arver bereits 1.500 Männer angerufen und um Hilfe nachgesucht. Eine evidenz-basierte Therapie konnten die schwedischen Ärzte den Männern nicht anbieten, da auch die medikamentösen Therapien nicht in klinischen Studien sauber untersucht wurden.

Das Projekt Priotab (Paedophilia at Risk – Investigations of Treatment and Biomarkers) soll jetzt eine wissenschaftliche Basis für eine medikamentöse Therapie schaffen. Vorgesehen ist ein Vergleich zwischen Degarelix und Placebo. Degarelix ist ein 2009 zugelassener GnRH-Blocker. Der Wirkstoff besetzt reversibel die Rezeptoren für das Gonadotropin releasing Hormon (GnRH) in der Hypophyse. Dies führt bei Männern relativ schnell zur Androgendeprivation. Zu den Folgen gehören ein Libidoverlust und eine erektile Dysfunktion.

Die Durchführung der Studie dürfte unter Bioethikern nicht unumstritten sein. Dabei geht es auch um die Frage, wie die Wirkung gemessen wird. Die Anzahl pädophiler Straftaten dürfte von keiner Ethikkommission als Endpunkt akzeptiert werden. Arver bleibt in der Studienbeschreibung vage. Es sollen eine Reihe von „dynamischen Risikofaktoren“ bewertet werden, heißt es in dem Spendenaufruf, ohne auszuführen, welche Fragebögen oder Skalen das sein sollen.

Den für Forscher (noch) ungewöhnlichen Versuch, die Studie über ein Crowdfunding zu finanzieren, begründet Arver mit den hohen Kosten für klinische Studien (38.000 Pfund sollen eingeworben werden) und den knappen öffentlichen Forschungsgeldern. An den Hersteller möchte sich Arver aus Gründen der Unabhängigkeit nicht wenden. © rme/aerzteblatt.de

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