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Ärzteschaft

„Wir brauchen unter den Ärzten dringend mehr Migranten, da ist auch die Politik gefragt“

Sonntag, 10. April 2016

Köln – Im vergangenen Jahr sind mehr als eine Million Menschen aus politischen und wirtschaftlichen Krisenregionen nach Deutschland gekommen. Der Bedarf an qualifizierten Ärzten, die die Migranten ohne größere Sprachbarrieren untersuchen können, ist nicht gedeckt. Darauf weisen Ergebnisse einer Umfrage hin, die die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) unter ihren Mitgliedern gemacht hat.

Um Ärzte aus Flüchtlingsgebieten in die medizinische Versorgung integrieren zu können, müssten Arbeitsmöglichkeiten für sie an Lehrkrankenhäusern und Universitätskliniken geschaffen werden. Über dieses Thema wird bei der 122. Jahrestagung der DGIM diskutiert, die gstern in Mannheim begann. Joachim Mössner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie des Universitätsklinkums Leipzig, sieht eine Lösung der aktuellen  Probleme nur mit Hilfe der Politik. 

Fünf Fragen an Prof. Dr. med. Joachim Mössner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie des Universitätsklinikums Leipzig

DÄ: Herr Professor Mössner, beim 122. Internisten­kongress in Mannheim werden Sie eine Diskussion darüber anregen, wie Migranten, die ausgebildete Ärzte sind, in die medizinische Versorgung integriert werden können. Warum das Thema?
Mössner: Eine Umfrage unter den Mitglie­dern der DGIM hat ergeben, dass Internisten sehr häufig die ersten ärztlichen Ansprechpartner für Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten sind, aber eine gute klinische Anmanese und Beratung des Patienten schwierig ist: wegen Sprachbarrieren und zum Teil auch wegen kultureller Unterschiede. Das wichtigste Instrument des Arztes aber ist die Kommu­nikation. Sie macht eine erfolgreiche und sichere Therapie erst möglich. Wenn wir Migranten künftig in einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung versorgen möchten, müssen wir Ärzte, die zum Beispiel fließend Arabisch sprechen, in die medizinische Versorgung in Deutschland integrieren.

DÄ: Woran fehlt es, haben Sie nicht genügend Kandidaten?
Mössner: Es liegt nicht an mangelnden Angeboten. Ich erhalte viel zu viele Bewer­bungen von Migranten, im Durchschnitt eine Anfrage pro Tag. Ebenso wie viele andere Kollegen bin ich grundsätzlich gern bereit, eine Ärztin oder einen Arzt aus Krisen­gebieten vorübergehend oder längerfristig zu beschäftigen. Aber die Gespräche mit den Kandidaten sind zeitaufwendig, und bevor ich eine Beschäftigung überhaupt in Aussicht stellen darf, müssen die Bewerbungsunterlagen geprüft sein. Dafür sind die Landes­behörden zuständig.

Weil die Prüfung wiederum die Behörden viel Zeit kostet, möchten sie gern vorher wissen, ob eine Beschäftigung erfolgen wird. Eine Zusage aber kann ich nicht machen, ohne orientiert zu sein, ob die formalen Voraussetzungen überhaupt erfüllt sind. Eine Hospitation ohne Honorar wird am Klinikum als inadäquat gesehen. So entsteht eine paradoxe Situation, aus der herauszukommen fast nicht möglich ist.

DÄ: Haben Sie Lösungsvorschläge?
Mössner: Im Moment ist es so, dass eine Klinik einen wirtschaftlichen Nachteil hätte, wenn sie angesichts des hohen Arbeits- und Zeitdrucks Kolleginnen oder Kollegen einstellen würde, die schlecht Deutsch sprechen oder weniger qualifiziert sind als andere Bewerber. Es müsste einen Extratopf geben an Hochschulen und Lehr­krankenhäusern für Ärzte, die Migranten sind. Ein mögliches Modell wäre zum Beispiel, zwei Ärzte teilen sich eine Stelle. Eine Hälfte des Gehaltes finanziert der Staat, die andere die Klinik. Für eine Lösung des Problems ist daher auch die Politik gefragt. 

DÄ: Warum ist Integration von Medizinern, die Migranten sind, für die Ärzteschaft wichtig?
Mössner: Das Interesse der Ärzteschaft daran ist vom Interesse der Gesellschaft nicht zu trennen. Mein Interesse als Hochschulmediziner zum Beispiel ist, dass wir das Potenzial der Migranten für den Nachwuchs nutzen. Ziel muss sein, den Migranten das gleiche Spektrum an Aus- und Weiterbildung anzubieten wie Menschen, die aus Deutschland stammen oder schon länger hier leben.

Wir benötigen Migranten als Hausärzte, als Fachärzte, als Hochschullehrer, die forschen und lehren. Es geht um Nachwuchs für die medizinische Wissenschaft, aber auch für die Gesundheitsversorgung in der Fläche und für Behörden wie Gesundheitsämter oder Institutionen wie den Ärztekammern, die auf regionaler Ebene daran mitwirken, dass spezifisch qualifizierte Ärzte für die Versorgung zur Verfügung stehen. Es ist außerdem im Interesse des Patienten, aber auch der Öffentlichkeit, dass zum Beispiel bestimmte, bei uns vergleichsweise seltene infektiöse Erkrankungen erkannt werden. Das erfordert Ausbildung, Erfahrung, Kommunikation.  

DÄ: Sehen Sie denn Defizite bei der Gesundheitsversorgung von Migranten?
Mössner: Es gibt derzeit keine validen Zahlen zur Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen, die bräuchten wir dringend. Aber es gibt Strukturprobleme, die die Bevölkerung allgemein betreffen und besonders Migranten. Sie könnten sich künftig noch verschärfen.

Nehmen Sie den Fachärztemangel oder den Mangel an hausärztlich tätigen Kollegen, die vor allem in ländlichen Regionen schon jetzt Probleme haben, die zunehmend älter werdenden, multimorbiden Patienten gut zu versorgen. Wenn sie Migranten behandeln, müssen sie unter Umständen vorher klären, wofür im Einzelfall überhaupt die Kosten übernommen werden.

Zusätzlich gibt es Sprachschwierigkeiten. Dass das für einen normalen Kassenarzt mit vollem Wartezimmer und langer Anmeldungsliste schwierig ist, liegt auf der Hand. Umgekehrt haben wir hier in Leipzig gute Erfahrungen gemacht mit Ärzten, die die Sprache der Migranten sprechen und die wissen, was sie bei unterschiedlichem Aufenthaltsstatus den Patienten anbieten können. © nsi/aerzteblatt.de

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Widerstand
am Dienstag, 12. April 2016, 00:27

Wir brauchen mehr...

Politiker mit Rückgrat.
Warum verlassen zig-tausende Ärzte p.A. dieses ach so tolle Land? Das bequemste dieses politische Versagen zu kaschieren ist Migranten-Mediziner einzustellen, sie sind billiger, man braucht keine Dolmetscher und der dusselige Deutsche, der den Menschen aus Polen, Nigeria, der Ukraine usw. nicht versteht, soll gefälligst Sprachen lernen oder stumm "sterben".
popert
am Montag, 11. April 2016, 22:33

Falsche Argumente, falsche Zielrichtung

Es geht darum, dass in Deutschland gerade in Kliniken und gerade im Osten zu wenig Ärzte für zu viel Arbeit da sind.
Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir aber gut versorgt - es ist inhuman, Ländern mit schlechterer medizinischer Versorgung auch noch die wenigen Ärzte wegzukaufen.
Ärzte mit Migrationshintergrund haben wir bereits zu viele, es gibt in Ost und West längst ganze Krankenhaus-Abteilungen, in denen kaum noch Deutsch gesprochen wird!

Sinnvoller wäre:
1. mehr Dolmetscher für Krankenhäuser
2. Arbeit sparen durch Verringerung der Bürokratie
3. mehr Hausärzte (in Deutschland inzwischen weniger als 15% der Ärzteschaft, aber ein Allgemeinarzt spart wahrscheinlich 2-3 Spezialisten ein. Je weniger Hausärzte, um so mehr Spezialisten braucht man!)
Mut zur Wahrheit
am Montag, 11. April 2016, 09:00

Wir sollten mehr deutsche Ärzte ausbilden !!!

Noch leben wir in Deutschland mit einer deutschen Kultur !

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