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Politik

Pharmadialog: Soziale Sicherungssysteme nicht überfordern

Dienstag, 12. April 2016

Hermann Gröhe /dpa

Berlin – Die Teilnehmer des sogenannten Pharmadialogs zeigten sich mit dessen Ergebnissen zufrieden. „Es ist einzigartig, dass drei Bundesministerien ressort­übergreifend einen Dialog mit den Vertretern der Pharmaindustrie und anderen Experten zum Thema Arzneimittel durchgeführt haben. Das ist ein wichtiges Zeichen“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Hagen Pfundner, heute bei der Vorstellung des Abschlussberichts in Berlin.

„Für uns war wichtig zu hören, was die Regierung von der Industrie erwartet“, so Pfundner weiter. „Es ging dabei auch um die Frage: Wie können wir sicherstellen, dass die sozialen Systeme in Deutschland nicht überfordert werden. Denn daran haben wir überhaupt kein Interesse. Schließlich finanzieren wir uns zu 90 Prozent über diese Systeme. Der Abschlussbericht beinhaltet auch Verabredungen. Es war eine Diskussion, die endlich einmal über das Thema Kosten hinausgegangen ist. Es ist gelungen, ein besseres Verständnis für die Bedürfe des anderen zu bekommen.“

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Viermal haben sich in den vergangenen 15 Monaten Vertreter der Bundesministerien für Gesundheit, für Bildung und Forschung sowie für Wirtschaft und Energie mit geladenen Experten getroffen, um über den Pharmastandort Deutschland zu sprechen. In dem Abschlussbericht sind neben den gemeinsamen Positionen auch Vorhaben enthalten, die in der Zukunft umgesetzt werden sollen.

Schwellenwert für besonders teure Arzneimittel
Zum Beispiel will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) einen Schwellenwert für besonders teure neue Arzneimittel einführen, der im ersten Jahr nach der Zulassung nicht überschritten werden darf. Heute dürfen die Hersteller im ersten Jahr nach der Zulassung den Preis für ihr neues Arzneimittel selbst festlegen. In der Vergangenheit gab es Kritik an dieser Regelung, weil einige Hersteller extrem hohe Preise festgelegt hatten. Künftig soll ein Schwellenwert definiert werden, bei dessen Überschreitung der zwischen GKV-Spitzenverband und Hersteller ausgehandelte Erstattungsbetrag für das Arzneimittel bereits während des ersten Jahres gelten soll. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) sprach von einem Schwellenwert in Höhe von 110 Prozent des später ausgehandelten Erstattungsbetrages.

Drei Vorhaben aus dem Abschlussbericht betreffen auch Ärztinnen und Ärzte. Zum einen will das BMG ein Konzept für ein Arztinformationssystem entwickeln, mit dem die Ärzte schneller und besser über die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel informiert werden. Zum anderen wollen die Teilnehmer des Pharmadialogs „Maßnahmen auf den Weg bringen, die sicherstellen, dass Ärztinnen und Ärzte qualifizierte Informationen über Biosimilars erhalten und sie im Versorgungsalltag umfassend beraten werden“.

Schließlich will das BMG zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Bundes­ärzte­kammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung „gezielt Informationen für Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten bereitstellen, um den Einsatz von Antibiotika besser zu steuern und so die Entstehung von Resistenzen zu verringern“.

Höhere Preise für Antibiotika
Gröhe kündigte in diesem Zusammenhang an, dass die Hersteller finanzielle Anreize erhalten sollen, um Reserveantibiotika zu entwickeln. „Wenn wir neue Antibiotika wollen, werden wir auch höhere Preise dafür bezahlen müssen“, sagte er. „Wenn diese Arzneimittel aber Infektionen zu vermeiden helfen, wird es weniger Kosten für eine Nachbehandlung der Patienten geben. Ob es am Ende also tatsächlich teurer wird, kann ich heute noch nicht sagen.“

Änderungen soll es auch bei den Rabattverträgen geben. Wenn Krankenkassen heute Rabattverträge ausschreiben, müssen sie keine Frist zwischen dem Zuschlag für ein Generikaunternehmen und dem Beginn der Warenauslieferung einhalten. Das will das BMG ändern. „Wir wollen den Mittelstand stärken und deshalb eine verpflichtende Frist zwischen dem Zuschlag zu einem Rabattvertrag und der Warenauslieferung einführen, damit sich auch kleinere Hersteller, die sich auf die Produktion erst vorbereiten müssen, auf Rabattverträge bewerben können“, sagte Gröhe.  

Der Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Georg Schütte, wies zudem darauf hin, dass die Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft und der Wissenschaft immer besser werde. Als Beispiel nannte er die Kooperation zwischen Sanofi und dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie. Für eine gute klinische Forschung bedürfe es auch internationaler Allianzen.

Referentenentwurf bis zum Sommer
Gröhe erklärte, dass sein Ministerium bis zum Sommer einen Referentenentwurf vorbereiten wolle, in dem die im Rahmen des Pharmadialogs konsentierten Vorhaben enthalten sein sollen. Zudem wies er darauf hin, dass die Teilnehmer des Pharma­dialogs auch künftig im Gespräch bleiben wollen.

Am Pharmadialog teilgenommen haben neben den drei Ministerien der vfa, der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, der Bundesverband der Arzneimittelhersteller, der Branchenverband der Biotechnologie-Industrie Bio Deutschland, Pro Generika, das Helmholtz Zentrum München, der  Medizinische Fakultätentag, das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, das Hamburg Center for Health Economics und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie. Gaststatus hatten das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, der GKV-Spitzenverband und der Gemeinsame Bundes­aus­schuss. © fos/aerzteblatt.de

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