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Medizin

Herzkatheter: Gesundheitsrisiken für Kardiologen und Assistenten

Freitag, 15. April 2016

dpa

Pisa – Ärzte und ihre Assistenten sind im Herzkatheterlabor einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Die Folgen könnten laut einer Studie in Circulation: Cardiovascular Interventions (2016; 9: e003273) nicht nur in einem erhöhten Krebsrisiko bestehen.

Eine Röntgen-Durchleuchtung ist Bestandteil der meisten diagnostischen und inter­ventionellen Herzkatheteruntersuchungen. Ärzte und anderes Personal tragen dabei zwar Schutzschürzen. Diese lassen jedoch Arme, Hals und Kopf frei und schirmen deshalb nicht vollständig gegen die Röntgenstrahlen ab. Es wird geschätzt, dass interventionelle Kardiologen während ihrer Berufszeit von 30 Jahren einer Dosis von 50 bis 200 mSv ausgesetzt sind, was in etwa der Strahlenbelastung durch 2.500 bis 10.000 Röntgenthorax-Untersuchungen entspricht.

In der Umfrage, die Maria Grazia Andreassi vom Institut für klinische Physiologie in Pisa unter Teilnehmern der Jahrestagungen der italienischen Gesellschaften für interventionelle Kardiologe und kardiale Elektrophysiologie durchgeführt hat, war die bisherige Belastung etwas niedriger. Kardiologen waren im Durchschnitt 21 mSv ausgesetzt, beim Pflegepersonal waren es 7 mSv.

Diese Zahlen basieren auf Angaben zur Zahl der jährlichen Untersuchungen mit Röntgendurchleuchtung und der Nähe zum Patienten. Andreassi geht davon aus, dass die Exposition in erster Linie durch die Streustrahlung aus dem Körper des Patienten erfolgt. Besonders betroffen ist der erste Untersucher. Bei allen anderen Personen im Herzkatheterlabor ging Andreassi in den Berechnungen von einer halb so starken Exposition aus.

Es wurden nicht nur nach der Zahl der Interventionen mit Röntgendurchleuchtung,  sondern auch nach körperlichen Beschwerden und Erkrankungen gefragt. Die Antworten wurden mit denen einer Kontrollgruppe von Beschäftigten in anderen Klinikbereichen verglichen. Die Mitarbeiter im Herzkatheterlabor gaben (in einer adjustierten Analyse, die Alter, Geschlecht und Rauchen berücksichtigt) 2,8-fach häufiger Hautläsionen an (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,3 bis 6,1). Das Risiko einer Katarakt war um den Faktor 6,3 (1,5-27,6) ebenfalls signifikant erhöht. Diese Ergebnisse sind pathophysiologisch plausibel, da die Augenlinse neben der Haut zu den strahlenempfindlichen Körpergeweben gehört.

Das Krebsrisiko war ebenfalls um den Faktor 3,0 erhöht. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,6 bis 13,7 ist die Assoziation jedoch nicht signifikant, so dass ein Zufallsergebnis hier nicht ausgeschlossen werden kann. Für eine Gefahr spricht jedoch eine Dosis-Wirkungsbeziehung: Bei einer Berufszeit von mehr als 16 Jahren ermittelte Andreassi eine signifikante Odds Ratio von 8,7 (1,4-52). Insgesamt waren 2,6 Prozent der Beschäftigten im Herzkatheterlabor bisher an Krebs erkrankt gegenüber 0,7 Prozent in der Vergleichsgruppe.

Die Arbeit im Herzkatheterlabor scheint auch den Bewegungsapparat zu belasten. Insgesamt 30,2 Prozent der Beschäftigten klagten über orthopädische Probleme wie Schmerzen in Hals, Rücken oder Knie. In der Vergleichsgruppe waren es nur 5,4 Prozent (Odds Ratio 7,1; 4,0-12,4). Eine Ursache könnte eine ungünstige Körperhaltung bei der Untersuchung sein, wobei das Gewicht der Schutzschürzen eine Rolle spielen könnte. Andreassi hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Strahlenbelastung auch die Atherosklerose fördert. 

Die Beschäftigten im Herzkatheterlabor gaben auch häufiger einen Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte an. Es könnte deshalb sein, dass sie insgesamt ungesünder leben als andere. Die Arbeit im Katheterlabor ist zudem mit erhöhtem Stress verbunden. Depressionen oder Angstzustände wurden von 12,9 Prozent der Beschäftigen angegeben gegenüber 2,1 Prozent in der Kontrollgruppe.

Zu den Schwächen der Studie gehört eine geringe Rücklaufquote der Fragebögen von 30 Prozent (die einen Selektions-Bias durch bevorzugtes Antworten von erkranktem Personal nicht ausschließt) und die fehlende dosimetrische Bestimmung der Exposition. Weitere Erkenntnisse werden von einer laufenden Studie der amerikanischen Multi-Specialty Occupational Health Group erwartet, die 44.000 interventionell tätige Ärzte mit 12.000 anderen Medizinern vergleicht. © rme/aerzteblatt.de

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