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Medizin

Schilddrüsen­karzinom: Neue Kriterien zeigen fehlende Malignität an

Montag, 18. April 2016

Schilddrüsenkarzinom /dpa

Pittsburgh – Eine Variante des follikulären Schilddrüsenkarzinoms, die infolge des Ultraschall-Screenings immer häufiger entdeckt wird, soll künftig nicht mehr als Krebserkrankung eingestuft werden. Dies schlägt ein internationales Forschergremium in JAMA Oncology (2016; doi: 10.1001/jamaoncol.2016.0386) vor. Ziel ist die Vermeidung von unnötigen Therapien.

Differenzierte Karzinome der Schilddrüse wachsen entweder papillär oder follikulär. Die pathologische Diagnose des papillären Schilddrüsenkarzinoms (PTC) orientiert sich heute weniger am papillären („warzenförmigen") Wachstum als an den mikroskopischen Veränderungen der Zellkerne. Einige Tumore, die nach den Veränderungen der Zellkerne als PTC eingestuft werden, zeigen ein follikuläres Wachstum. Sie werden als follikuläre Variante des papillären Schilddrüsenkarzinoms (FVPTC) oder auch Lindsay-Tumor bezeichnet. In dieser Gruppe gibt es wiederum einige Tumore, die von einer Bindegewebshülle umgeben sind. Dies ist die eingekapselte follikuläre Variante des papillären Schilddrüsenkarzinoms (EFVPTC).

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Diese EFVPTC wird zunehmend häufiger diagnostiziert. Die Inzidenz hat sich in den letzten Jahrzehnten verdoppelt bis verdreifacht. Ihr Anteil beträgt in einigen Ländern 10 bis 20 Prozent aller Schilddrüsenkarzinome. Obwohl seit langem bekannt ist, dass viele dieser Tumore harmlos sind, werden sie bisher als Karzinome klassifiziert. Dies kann zu einer radikaleren Therapie führen als notwendig. Radikal bedeutet bei Schilddrüsen­tumoren in der Regel eine Thyreoidektomie, also die Entfernung der gesamten Drüse, was mit einem gewissen Komplikationsrisiko verbunden ist und eine lebenslange Substitution mit Schilddrüsenhormonen notwendig macht. In den USA kommt noch eine finanzielle Belastung hinzu: Da die Behandlung teuer ist, sind Schilddrüsenkarzinome dort von allen Krebserkrankungen der häufigste Auslöser einer Privatinsolvenz.

Im März letzten Jahres hat sich eine Gruppe von 24 Pathologen aus sieben Ländern (keine deutsche Beteiligung) getroffen, um Kriterien für jene EFVPTC zu beschreiben, die keine Operation erfordern. Dies ist nach Ansicht eines Teams um Yuri Nikiforov von der Universität Pittsburgh immer dann der Fall, wenn die Kapsel intakt ist und keine Zeichen einer Infiltration von innen durch Tumorzellen oder von außen durch Blutgefäße zeigt. Die Forscher bezeichnen diese Untergruppe der EFVPTC als NIFTP (noninvasive follicular thyroid neoplasm with papillary-like nuclear features), Dabei wurde bewusst auf die Bezeichnung Karzinom oder Carcinoma in situ verzichtet.

Die retrospektive Untersuchung von 109 Patienten, deren histologische Präparate nach Mehrheitsmeinung der Pathologen ein NIFTP waren, ergab, dass keiner von ihnen während einer Nachbeobachtungszeit von 10 bis 26 Jahren an einem Schilddrüsen­karzinom gestorben war (bei 67 Patienten war eine Lobektomie, also die Entfernung eines Schilddrüsenlappens, bei einem eine Radiojodbehandlung durchgeführt worden). In einer zweiten Gruppe war es bei 12 von 101 Patienten mit invasivem EFVPTC zu einem komplizierten Krankheitsverlauf gekommen. Darunter waren fünf Patienten mit Fernmetastasen eines Schilddrüsenkarzinoms. Bei diesen Patienten dürfte deshalb nach der Diagnose eines EFVPTC weiter ein radikales Vorgehen angezeigt sein.

Non-invasive EFVPTC, sprich NIFTP, und invasive EFVPTC unterscheiden sich vermut­lich auch genetisch. Die Forscher ließen die Tumorproben von 37 Patienten mit NIFTP genetisch analysieren. Es wurde eine hohe Rate von RAS-Mutationen gefunden, wie sie für Adenome, also regelmäßig gutartige Tumore, kennzeichnend sind. BRAF-Muta­tionen, die bei malignen Tumoren auftreten, wurden niemals gefunden. Dies deutet darauf hin, dass in nicht allzu ferner Zukunft genetische Analysen des Tumors die Klassifikation weiter verfeinern könnten.

Die Pathologen entwarfen sechs Kriterien, die es auch Pathologen außerhalb des Expertenkreises ermöglichen soll, die Diagnose NIFTP zu erkennen und damit vielen Patienten möglicherweise eine unnötige Krebsbehandlung zu ersparen. Eine erste Validierung unter 23 Pathologen ergab eine Sensitivität von 98,6 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 96,3-99,4 Prozent), eine Spezifität von 90,1 Prozent (86,0-93,1) und eine Genauigkeit von 94,3 Prozent (92,1-96,0). © rme/aerzteblatt.de

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