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Kinderschutz: Hilfe für Jugendliche und Erwachsene mit pädophilen Neigungen

Donnerstag, 21. April 2016

Berlin – Die vielfältigen therapeutischen und pädagogischen Angebote für „sexuell grenzverletzende Menschen“ vorzustellen und miteinander zu vernetzen ist das Ziel der Fachtagung „Wegsperren - und zwar für immer?“, die am Donnerstag und Freitag in Berlin stattfindet. „Diese Angebote für potenzielle und reale Täter sexueller Gewalt sind wichtig, um sexuelle Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen zu verhindern“, sagte Sigrid Richter-Unger von der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und – vernachlässigung auf einer Pressekonferenz.

Das größte und bekannteste therapeutische Angebot ist das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“, das 2005 unter Leitung von Klaus M. Beier zunächst als Projekt an der Berliner Charité ins Leben gerufen wurde. Seit 2011 wird an elf Standorten bundesweit Männern mit einer pädophilen Neigung geholfen.

„Wir konzentrieren uns auf diejenigen, die noch keine Tat begangen haben. Viele waren zu Beginn skeptisch, doch es ist eine Möglichkeit diese Menschen zu erreichen“, sagte der Professor am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité. Seit 2011 gingen 6.000 Anfragen von Betroffenen ein; 250 Therapien wurden abgeschlossen und 250 weitere Therapien laufen zurzeit. Diese dauern im Durchschnitt ein bis eineinhalb Jahre.

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Möglichst früh Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle der sexuellen Impulse
„Rund 25 Prozent der Täter, die sexuelle Übergriffe an Kindern begehen sind unter 18 Jahre“, betonte Beier. Deshalb wurde Ende 2014 das Versorgungsangebot „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche“ von der Charité Campus Mitte und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes Klinikums Berlin- Friedrichshain initiiert, das sich speziell an zwölf bis 18-Jährige mit sexuell auffälligen Verhaltensweisen und Phantasien im Zusammenhang mit Kindern richtet. Ziel ist es, den Jugendlichen möglichst früh in ihrer Entwicklung Unterstützung bei der Bewältigung und Kontrolle ihrer sexuellen Impulse anzubieten. Im Internet wirbt die Seite "Du träumst von ihnen" für das Projekt.

„Wichtig ist, die Jugendlichen nicht zu stigmatisieren, sondern sie dabei zu unterstützen, mit dieser sexuellen Ausrichtung umzugehen“, betonte Sexualmediziner Beier. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundesfamilienministerium. Beier forderte die Verstetigung der Finanzierung: „Dieser Bereich gehört ins Gesundheitssystem.“

Dass Jugendliche erreichbar sind, bestätigte auch Bernd Priebe von der Bundesar­beitsgemeinschaft „Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sexualisiert grenzverletzendem Verhalten“ (BAG-KISGV). Die bundesweit rund hundert Einrichtungen der Jugendhilfe und Beratungsstellen, die sich der BAG angeschlossen haben, arbeiten mit Jugendlichen, die zunächst keine eigene Therapiemotivation mitbringen. „Es ist gut möglich, mit den Jugendlichen an der Auseinandersetzung mit ihren Grenzverletzungen zu arbeiten und mit ihnen Perspektiven für Sexualität und Partnerschaft zu entwickeln, in der Grenzen respektiert werden“, betonte Priebe.

Der Sozialarbeiter machte darauf aufmerksam, dass man von einer flächendeckenden Versorgung für die betroffenen Jugendlichen „weit entfernt“ sei, weil es nur wenige entsprechend spezialisierte Einrichtungen gebe. „Viele Eltern nehmen zwei bis drei Stunden Anfahrtsweg in Kauf, um die betroffenen Jugendlichen zur Therapie zu bringen“, sagte er. Wichtig sei auch mehr Vernetzung mit Kinder- und Jugend­psychiatrischen Kliniken, Kinder- und Jugendpsychiatern und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. © PB/aerzteblatt.de

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Avatar #111441
borgmann4
am Sonntag, 24. April 2016, 16:27

Wenn man ganz genau hinguckt und -hört dann....



...lässt sich die Täterschaft oft auf in frühester Kindheit erlerntes Verhalten bzw. destruktiv verarbeitete eigene Traumatisierungen zurückführen. Eine nachhaltige Behandlung muss deshalb darauf abzielen. Und da ergeben sich erhebliche Probleme. Wir stoßen nämlich schnell auf Mütter oder andere weibliche Bezugspersonen als Täterinnen und damit auf ein massives gesellschaftliches Tabu. Und es gibt nicht nur ohnehin schon zu wenige PsychotraumatologInnen in Deutschland, sondern es gibt für sie auch gute Gründe, PatientInnen abzulehnen, die von übergriffigen Impulsen phantasieren oder sie bereits in die Tat umgesetzt haben. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, ging in dem Grußwort, das er am Anfang der Tagung sprach darauf kurz ein. Hier gibt es noch jede Menge zu tun. Dämonisierungen helfen gar nichts, Verharmlosung schadet dem Kinderschutz. Erste Schritte sind aber getan, indem zunehmend akzeptiert wird, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern ein Teil unseres Alltags ist und wir uns dieser Realität stellen müssen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden
LNS

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