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Medizin

Forscher: Endokrine Disruptoren sind Karzinogenen gleichzusetzen

Dienstag, 26. April 2016

Zu den endokrinen Disruptoren gehört auch Triclosan, das in Zahnpasta vorkommt /dpa

Grenoble – Endokrine Disruptoren sind Substanzen, die das Hormonsystem im Organismus stören und dadurch gesundheitliche Störungen hervorrufen. Ein internationales Forscherteam schlägt in Environmental Health Perspectives (2016; doi: 10.1289/EHP217) eine einfache Klassifikation vor, die die Anwendung von bereits bestehenden europäischen Richtlinien ermöglichen könnte.

Die Liste der endokrinen Disruptoren, die oft in sehr geringer Konzentration in das Hormonsystem von Menschen und Tieren eingreifen, ist lang. Neben Metallen wie Quecksilber zählen auch Pestizide wie DDT dazu, oder Triclosan, das in Zahnpasta und Seifen verwendet wird. Bisphenol A, das über Kunststoffe an die Nahrung abgegeben wird, steht im Verdacht, ebenso Parabene, die als Konservierungsmittel in Kosmetika verwendet werden. Betroffen sind Parfums, Kosmetika, medizinische Geräte, PVC-Kunststoff und Regenkleidung. Endokrine Disruptoren haben in Tiermodellen Fehlbildungen, Brustkrebs und Entwicklungsstörungen des Nervensystems ausgelöst. Die gesundheitlichen Folgekosten werden in Europa auf den Bereich von 100 bis 200 Milliarden Euro geschätzt.

Die Europäische Union (EU) hat als weltweit erste große Wirtschaftszone bereits 1999 eine Regulierung von endokrinen Disruptoren beschlossen. Seither wurden wenigstens vier Richtlinien erlassen, die unter anderem den Vertrieb von Pestiziden und Bioziden regeln. Die Umsetzung scheiterte bisher an fehlenden wissenschaftlichen Kriterien für die Identifizierung von endokrinen Disruptoren.

Für Rémy Slama vom Forschungsinstitut INSERM in Grenoble und Mitarbeitern aus sechs weiteren Instituten in Europa und den USA (keine deutsche Beteiligung) ist dies ein vorgeschobenes Argument, da die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2002 Vorschläge zur Identifizierung von endokrinen Disruptoren gemacht habe. Die Expertengruppe schlägt eine Einteilung ähnlich wie bei Karzinogenen und Teratogenen vor. Es sollte zwischen „endokrinen Disruptoren“, Substanzen mit „Verdacht auf endokrine Disruption“ und „endokrin aktive Substanzen“ unterschieden werden, schreiben Slama und Mitarbeiter.

Die Aufnahme einer Dosis-Wirkungsbewertung in die Definition lehnen die Experten ab, ebenso die Durchführung von Studien zu einer Folgenabschätzung (Impact assess­ment). Dies wäre ein gefährlicher Präzedenzfall, da Studien zum Impact assessment nicht durchgeführt würden, um gefährliche Stoffe zu identifizieren, sondern ihre gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen zu quantifizieren, heißt es in dem Positionspapier.

Die Autoren erkennen allerdings an, dass es weiterhin noch offene wissenschaftliche Fragen zu den Mechanismen der endokrinen Disruptoren und das genaue Ausmaß der gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen gebe. Diese Wissenslücken müssten aber nicht unbedingt gefüllt werden, um wissenschaftliche Kriterien zur Identifizierung der gefährlichen Substanzen aufzustellen. © rme/aerzteblatt.de

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