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Politik

Von Big Data bis zum Genom Editing: Ethikrat neu konstituiert

Donnerstag, 28. April 2016

Berlin – Experimente an menschlichen Embryonen, Eingriffe in das Erbgut der Menschheit, der Umgang mit Patientendaten: Dem neuen Ethikrat wird es nicht an brisanten Themen fehlen. An diesem Donnerstag hat sich der Rat in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften konstituiert.

Entsprechend dem Ethikratgesetz hat Bundestagspräsident Norbert Lammert die 26 Mitglieder aus den Bereichen Medizin, Naturwissenschaft, Recht, Philosoph und Ethik für die kommenden vier Jahre neu berufen. Dabei bestätigte er zwölf für eine zweite Amtszeit und berief 14 neue Sachverständige.

An der Spitze des Rates steht künftig der Erlanger Theologe Peter Dabrock, der dem Ethikrat seit 2012 angehört. Seine Stellvertreter sind die Neurobiologin Katrin Amunts, der Psychologe Andreas Kruse und die Medizinethikerin Claudia Wiesemann.

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Der scheidende Rat hatte seine Agenda weitgehend erfüllt, zuletzt mit einer Stellungnahme zur Embryospende. Offen blieb das Thema „Big Data“  über den Persönlichkeitsschutz bei der Auswertung großer Datenmengen. Ferner steht im Juni die Jahrestagung zum „Zugriff auf das menschliche Erbgut“ an. Dabei geht es um das sogenannte Genom Editing, also die Möglichkeit, durch neue Techniken Teile des Erbguts zu verändern. Der neue Rat wird aber seine eigene Agenda bestimmen.

Für den katholischen Tübinger Moraltheologen Franz-Josef Bormann gehört die als CRISPR/Cas-Verfahren bekanntgewordene neue Technik für Eingriffe in die menschliche DNA in jedem Falle zu den dringlichen Themen. Der Experte für Naturrecht ist als Vertreter der katholischen Kirche neu berufen worden, ebenso wie der Berliner Ethiker Andreas Lob-Hüdepohl. Dieser sieht einen wesentlichen Auftrag ethischer Verantwortung im Schutz der „Schwächsten in der Gesellschaft“, wozu er auch den menschlichen Embryo zählt.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bleiben der Erlanger Theologen Peter Dabrock sowie der hessische evangelische Bischof Martin Hein im Gremium. In eine weitere Amtszeit gehen auch die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann, der Frankfurter Humanmediziner Leo Latasch, Mitglied des Zentralrats der Juden, sowie der Mediziner Ilhan Ilkilic als Vertreter der Muslime und der Siegener Philosoph Carl Friedrich Gethmann. Neu ins Gremium kommt die Ethikerin an der evangelischen Fachhochschule Bochum, Sigrid Graumann.

Medizin und Naturwissenschaften vertreten weiterhin die Düsseldorfer Neurobiologin Katrin Amunts, die Humanmedizinerin Christiane Fischer sowie die Berliner Geriaterin Elisabeth Steinhagen-Thiessen.

Erstmals dabei sind die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer, der Göttinger Medizinrechtler Volker Lipp, die Heidelberger Systembiologin Ursula Klingmüller, der Homburger Humangenetiker Wolfram Henn und die Berliner Medizin-Soziologin Adelheid Kuhlmey, sowie der Heidelberger Psychologe Andreas Kruse. Eher aus der Praxis kommt die Familientherapeutin Petra Thorn aus Mörfelden-Walldorf. Ferner wird die Kieler Medizinethikerin Alena Buyx neu in den Rat berufen. Sie war bereits knapp drei Jahre Vize-Direktorin des renommierten, eher liberalen britischen Bioethikkomitees.

Für die Rechtswissenschaft wird der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel in eine zweite Amtszeit gehen – obgleich er seinerzeit über die FDP kam – ebenso wie der Kölner Staatsrechtler Wolfram Höfling und Constanze Angerer, die ehemalige Präsidentin des Landgerichts München. Neu benannt sind der Gießener Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg und seine Göttinger Fachkollegin Dagmar Coester-Waltjen. Als Vertreter der Patienten und Behindertenverbände kommt der Münchner Stephan Kruip neu hinzu.

Die neue Zusammensetzung spiegelt – wie vom Gesetzgeber gewünscht – unter­schiedliche ethische Ansätze und ein plurales Meinungsspektrum bei der Bewertung heikler ethischer Fragen in Forschung und Entwicklungen der Lebenswissenschaften wider. Ob sich künftig eine Verschiebung der Mehrheitsvoten ergibt, wird sich erst bei konkreten Stellungnahmen zeigen, etwa zu einer möglichen Zusammenfassung der unterschiedlichen Regelungen zum Embryonenschutz. Politisch haben Mehrheitsvoten durchaus Gewicht. Die Stärke des Beratungsgremiums liegt aber vor allem in der Expertise, mit der es die grundlegenden ethischen Aspekte brisanter Themen herausarbeitet. © kna/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Montag, 2. Mai 2016, 15:15

Wie wird man denn Medizinethiker? Und was ist das überhaupt?

Kann man da sich da nicht melden z.B. mit Verweis auf den Eid, na Sie wissen schon,
älter als das Christentum und nach einer Umfrage immer noch von einer deutlichen Mehrheit der Ärzteschaft für gültig erklärt.
Ethik darf nicht GEGEN Medizin organisiert werden, diesen Eindruck bekommt man gelegentlich.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 1. Mai 2016, 22:20

Ausgewogene Zusammensetzung?

Das Ethikratgesetz spricht zwar von Pluralität, aber bei der aktuellen Zusammensetzung habe ich Bedenken, dass der Ethikrat diesem Ziel gerecht werden kann: http://www.gesetze-im-internet.de/ethrg/

Ich sehe zu viele offizielle Vertreter von Religionsgemeinschaften und zu viele Juristen. Ich sehe zu wenige Menschen aus Bereichen, die wirklich ethische Entscheidungen treffen müssen. Menschen, die bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr dabei waren, Mitarbeiter aus dem Strafvollzug, Sozialarbeiter die mit Drogenabhängigen und Obdachlosen arbeiten, Rechtsmediziner, all die Berufsgruppen, die ethische Fragen nicht nur aus dem Elfenbeinturm der "reinen Lehre" wahrnehmen sondern die sich tagtäglich mit den Abgründen der menschlichen Existenz auseinandersetzen müssen, all diese Menschen sind aus meiner Sicht deutlich unterrepräsentiert. Insbesondere, wenn man den Ethikrat nicht nur als Beratungsgremium für die Tagespolitik sieht, sondern als moralische Instanz, die Gutachten mit langfristigen Auswirkungen liefert. Und bei einem Mehrheitsvotum ist es dann eben nicht egal, ob die Vertreter der Kirche jeweils nur einen Vertreter oder einen ganzen Block stellen.
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