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Sexueller Kindesmissbrauch: Kommission motiviert Betroffene, das Schweigen zu brechen

Dienstag, 3. Mai 2016

/dpa

Berlin – Ab heute können sich von sexuellem Kindesmissbrauch Betroffene jeden Alters anonym und kostenfrei über das „Infotelefon Aufarbeitung“ (Tel.: 0800 4030040) an eine unabhängige Kommission wenden. „Jede Geschichte zählt“, sagte die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Sabine Andresen, heute bei der Vorstellung des Arbeitsprogrammes für die Jahre 2016 bis 2019. Möglich ist eine Kontaktaufnahme auch über die Website www.aufarbeitungskommission.de.

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Ab Herbst werden die Betroffenen bundesweit und dezentral vertraulich angehört. Die Gespräche werden von Mitgliedern der Kommission und ihrem erweiterten Anhörungsteam durchgeführt. Die Missbrauchsopfer werden dabei psychologisch begleitet. Ein erstes öffentliches Hearing soll Ende 2016 stattfinden. Der Zwischenbericht der Kommission soll 2017 erscheinen, ein weiterer Bericht im März 2019.

„Die Einrichtung einer Kommission ist zentral für die Anerkennung des Unrechts und Leids von Betroffenen auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene. Betroffenen wurde selten zugehört und oft nicht geglaubt. Wir müssen das strukturelle Versagen des Kindesschutzes aufdecken und uns dem Verschweigen und Wegschauen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR schonungslos stellen“, betonte Andresen. Nur so könnten Politik und Gesellschaft künftig einen wacheren Blick für die aktuellen Gefährdungen von Jungen und Mädchen entwickeln.

Die Kommission will Missbrauch in Institutionen, in der Familie und durch rituelle Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR untersuchen. Sie möchte dabei Strukturen aufdecken, die Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht und Aufarbeitung verhindert haben, Forschung initiieren und Eckpunkte einer gelingenden Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch modellhaft für Einrichtungen und Organisationen entwickeln.

Insbesondere wolle die Kommission Missbrauchsopfern aus dem familiären Bereich Gehör schenken, erklärte der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. „Etwa eine Million Menschen sind in Deutschland Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Gesellschaft muss diese große Dimension erst noch begreifen.“ Die neue Kommission trage dazu bei, dass Verantwortliche in Politik und Gesellschaft eine größere Vorstellung davon bekämen, welches enorme Leid und welche schweren Folgen sexueller Kindesmissbrauch im Leben von Menschen – und damit auch in der Gesellschaft – anrichte. „Wir dürfen Kindern nicht länger den Schutz vorenthalten, den wir ihnen schon längst geben könnten“, betonte er.

Der Deutsche Bundestag hatte sich im Sommer 2015 für die Einrichtung der Aufarbeitungskommission ausgesprochen. Die Kommission wurde vom Unabhängigen Beauftragten im Januar 2016 bis zum Ende seiner Amtszeit (Ende März 2019) berufen. Deren sieben Kommissionsmitglieder sind ehrenamtlich tätig. © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Freitag, 6. Mai 2016, 18:24

Man darf aber bitte die Kehrseite dieser öffentlichen "Vorwurfskampagne" nicht ausblenden,

über Sex wird doch viel zu viel "geredet", und geschrieben siehe "Kachelmann", das steckt an.
Ich habe damit zwar beruflich nichts zu tun, habe allerdings als Arzt 2 mal konkret miterlebt wie minderjährige Mädchen ihre Eltern falsch beschuldigt haben, was ihnen unglaubliche Aufmerksamkeit eingebracht hat mit illegaler Entfernung aus der Familie (ohne Rückfrage) und Fremdunterbringung aus Hilfsbereitschaft und etlichen nicht ganz harmlosen Konsequenzen auch am Ende nicht gerade angenehm für die geständigen Beschuldigerinnen selbst.
Der "6. Sinn" hat ja den Arzt in unserer modernen Gesellschaft schon länger veranlasst zum Selbstschutz junge Mädchen und Frauen nicht ohne Schwester- oder Kolleginnenanwesenheit zu untersuchen. Hat mir auch einmal geholfen.

Avatar #111441
borgmann4
am Freitag, 6. Mai 2016, 14:33

Studienlage


Auf der Homepage des UBSKM findet man unter "Presse und Service" den Button "Hintergrundmaterialien". Dort befindet sich eine "Expertise Häufigkeitsangaben". Ergibt: in jeder durchschnittlichen Oberschulklasse sitzen mindestens zwei Missbrauchsopfer.

Darüber hinaus kann jede Person ihre private kleine Umfrage machen. Vermutlich wird sie dabei feststellen, dass erschreckend viele Menschen als Kinder und/oder Jugendliche sexuell ausgebeutet bzw. sexualisiert misshandelt wurden.

Avatar #79783
Practicus
am Donnerstag, 5. Mai 2016, 22:56

Bitte nachrechnen

1 Million Kinder - das sind 1.5 komplette Altersjahrgänge in Deutschland oder jedes zehnte Kind...
Kann es sein, dass den selbsternannten Experten die eigenen Schätzungen unbemerkt aus dem Ruder laufen? So, wie den Armutsexperten?
Avatar #111441
borgmann4
am Mittwoch, 4. Mai 2016, 18:17

Es sind eine Million Kinder, die in Deutschland aktuell sexuell ausgebeutet und sexualisiert...


...misshandelt werden. In einem anderen Beitrag, der hier auf der Homepage unten verlinkt ist, wurde Herr Rörig in der Hinsicht korrekt zitiert. Die Zahl der erwachsenen Betroffenen ist selbstverständlich viel höher als die der Kinder. Es spricht viel dafür, dass unter uns so viele Missbrauchsopfer leben, wie es auch Diabetiker gibt. Kindesmissbrauch ist geradezu eine Pandemie, traditionell tief und fest in der Alltagskultur verwurzelt.
"Denn Opfern nicht glauben können": stellt sich bei näherer Betrachtung deshalb meistens als reine Schutzbehauptung heraus. Für missbrauchte Kinder verantwortliche Erwachsene haben oft selbst gewichtige Gründe, Unglauben vorzutäuschen. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte haben sehr viele Missbrauchsbetroffene ihre persönlichen Geschichten erzählt. Daran mangelt es genauso wenig wie an Forschung zu den Ursachen und Folgen sexueller Ausbeutung und Gewalt. Daraus folgte bisher nur kaum etwas.
Was unsere Gesellschaft zum kollektiven Wegsehen veranlasst, ist dagegen eine Untersuchung wert. So wie die Aufarbeitungskommission es in ihrer Agenda auch vorsieht.
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden
LNS

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