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Medizin

US-Studie: Medizinische Irrtümer dritthäufigste Todesursache

Mittwoch, 4. Mai 2016

dpa

Baltimore – In den USA sterben jedes Jahr etwa 250.000 Menschen an den Folgen medizinischer Irrtümer, die damit die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs wären, wenn die im Britischen Ärzteblatt BMJ (2016; 353: i2139) veröffentlichten Schätzungen zutreffen.

Dass medizinische Irrtümer zum Tod vieler Menschen beitragen, ist seit einem Report des US-amerikanischen Institute of Medicine aus dem Jahr 1999 allgemein bekannt. Damals wurde die Zahl der jährlichen Todesfälle für die USA auf 44.000 bis 98.000 geschätzt. Sie beruhte im Wesentlichen auf den Ergebnissen der Harvard Medical Practice Study aus dem Jahr 1984 und der Utah and Colorado Study aus dem Jahr 1992. Die Harvard-Studie hatte die Gesamtzahl der iatrogenen Todesfälle auf 180.000 geschätzt, von denen nach Ansicht der Autoren nur die Hälfte vermeidbar waren. Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen Experten geteilt, schreiben Martin Makary und Michael Daniel von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore jetzt im BMJ

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Die beiden Forscher zitieren vier neuere epidemiologische Untersuchungen, die zu höheren Zahlen kommen. Die Health Care Quality Study und eine Untersuchung des US Department of Health and Human Services (HHS) an Medicare-Begünstigsten kommen einer Hochrechnung zufolge auf 251.454 beziehungsweise 219.579 Todesfälle. Wenn die Daten, die David Classen von der Universität von Utah in Salt Lake City in einer Studie an drei Kliniken ermittelt hat, repräsentativ wären, würden in den USA sogar jährlich 400.201 Menschen an den Folgen medizinischer Irrtümer sterben (Health Affairs 2011; 30: 581-589).

In einer Stichprobe aus zehn Kliniken in North Carolina, die Christopher Landrigan vom Brigham and Women’s Hospital in Boston im New England Journal of Medicine (2010; 363: 2124-34) veröffentlicht hat, war die Rate dagegen deutlich niedriger. Makary und Daniel kommen in ihrer Hochrechnung der Ergebnisse auf 134.581 Todesfälle durch medizinische Irrtümer. Der Durchschnitt aller vier Studien ergibt dann rund 250.000 Todesfälle. Das währen mehr Menschen als in den USA an chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen sterben (149.000), aber weniger Todesfälle als durch Krebs (585.000) oder Herzerkrankungen (611.000).

Viele medizinische Irrtümer seien nicht zu vermeiden, schreiben Makary und Daniel und geben dafür ein Beispiel: Eine Frau war nach einer erfolgreichen Organtransplantation wegen unklarer Beschwerden in der Klink aufgenommen worden. Wohl auch in Sorge um das Transplantatüberleben waren zahlreiche Tests durchgeführt worden, von denen einige sich im Nachhinein als unnötig herausgestellten. Darunter war auch eine Perikardiozentese, also die Punktion des Herzbeutels. Sie hatte eine intraabdominale Blutung zur Folge, die erst einige Tage später erkannt wurde. Zu spät. Die Frau starb am Herz-Kreislauf-Versagen, das dann auch als Todesursache angegeben wurde. 

Dieser Fall ist für Makary und Daniel auch deshalb exemplarisch, weil auf der Todesbescheinigung die eigentliche Ursache nicht erwähnt wurde. Aus Fehlern, so die Autoren, könne aber nur gelernt werden, wenn sie auch benannt würden. Makary und Daniel schlagen deshalb vor, auf den Totenscheinen ein Extrafeld anzulegen, auf dem angekreuzt werden könne, ob eine vermeidbare Behandlungskomplikation am Tod des Patienten beteiligt war.

Eine andere Strategie könnte darin bestehen, dass Kliniken bei Todesfällen grundsätzlich Untersuchungen veranlassen, um eine Beteiligung von medizinischen Irrtümern zu klären. Das Ziel wäre eine Steigerung der Behandlungsqualität. Makary und Daniel ist allerdings klar, dass eine solche Strategie nur funktionieren könnte, wenn die Anonymität von Ärzten und Personal gewahrt bliebe und einen Schutz vor rechtlichen Konsequenzen beinhalten würde.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Sonntag, 8. Mai 2016, 10:03

Wie schon gesagt, selbstverständlich ein wichtiges Thema,

das jeden Arzt extrem interessiert, siehe meinen vorherigen Beitrag über "obligate" Obduktion.
Nur kein öffentliches Bildzeitungsniveau mit Sensationscharakter, liebe Amerikaner!
Tod schockiert immer.
Ich habe mir die auch bei uns übernommene (letzte verfügbare) ICD-Statistik der Todesursachen darauf noch einmal angesehen.
Da gibt es eigentlich KEINEN Mangel an kodierungsfähigen Todesursachen im Rahmen medizinischer Behandlungen:
z.B. von T421-T509 mit 1.293 Fällen die Arzneimittel an erster Stelle (noch nicht vollständig) oder
von T800 -T 888 ein Sammelbecken für sonstige medizinische Maßnahme mit 1.588 Fällen,
Schwerpunkt operative Eingriffe, aber auch wieder Infusionen, Injektionen, Folgen im Rahmen von Knochenmarkstransplantationen oder auch Abstoßungsreaktionen von Organtransplantationen und z.B. auch Anästhesie mit (nur) 81 Todesfällen. Diese Zahlen stehen bereits im Widerspruch zur öffentlichen Wahrnehmung, die sich zu sehr auf "Operationen" fokussiert, das war einmal genau umgekehrt, obwohl Operationen früher riskanter waren als heute.

Der alte und wahre Spruch bleibt gültig, dass man mehr von Fehlern lernen kann als von erfolgreichen Maßnahmen, wobei ich bis auf den schon bedauerten Rückgang der Obduktion allerdings nicht ansatzweise erkennen kann, dass nicht alle Bemühungen auch mit oft scheinheiligem Druck von nicht-medizinischen externen Organisationen, genannt QM oder TQM und Zertifizierungsunwesen sowieso in diese Richtung gehen. Am sinnvollsten sind dabei immer noch die meist sehr sorgfältig zusammengestellten Leitlinien der Fachgesellschaften, die jedoch zunehmend von Laienkomkissionen missachtet werden, mit der durchsichtigen Priorität der "Kostensenkung".
Dafür gibt es zahlreiche Beispiele.
Wenn es um Tote geht, darf man bitte ganz besonders Seriosität verlangen und auch nicht ganz vergessen, dass Leben immer tödlich endet, auch ganz ohne Zutun des Arztes. Ich wundere mich fast, dass die Lebenserwartung trotz wohl unbestritten zunehmender ("zivilisatorischer") Morbidität tendenziell immer noch ansteigt.
Dr.Bayerl Düsseldorf
Avatar #697854
Dr.Bayerl
am Donnerstag, 5. Mai 2016, 16:22

solche maßlose Übertreibungen kann es nur in USA geben.

Ökonomisierung und Verrechtlichung, was ja leider irgendwie miteinander verknüpft ist, nehmen ja auch bei uns zu, wobei das Interesse des Arztes auch die Ursache post mortem noch zu klären, längst auf der Strecke geblieben ist.
In meiner Uniausbildung, schon etliche Jahre zurück, wurde JEDER Patient, der auf der recht großen Intensivstation gestorben ist obduziert, genau deshalb, um zu lernen, was man bei diesem massiven Einsatz vielleicht hätte besser machen können. Heute undenkbar, sowohl aus Kostengründen, wie auch wegen der Abneigung der Angehörigen gegen eine Obduktion,
es sei denn, ein Anwalt steckt dahinter und will Geld damit machen.
Ich erinnere mich, dass sich diese Obduktion meisten gelohnt hat, auch ganz überwiegend zugunsten der Therapeuten. Einen Spruch hab ich noch im Ohr: "hier war nichts ehr zu retten, der Patient hat nicht nur eine, sondern 5 klassische Todesursachen.
Ein ganz anderes Kapitel sind Gerichtsediziner, da geht es sehr einseitig nur um Schuldsuche, das möchte ich keinem Kollegen wünschen.
LNS

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