Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Wie Ketamin Depressionen behebt

Montag, 9. Mai 2016

dpa

Baltimore – Ketamin, das aufgrund seiner „dissoziativen" Eigenschaften in der Anästhesie geschätzt und als Partydroge missbraucht wird, kann Depressionen innerhalb kurzer Zeit lindern. Eine Untersuchung in Nature (2016; doi: 10.1038/nature17998) zeigt, dass die antidepressive Wirkung durch einen Metaboliten erzeugt wird und möglicherweise von den rauschartigen Wirkungen getrennt werden kann.

Die Wirkung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder anderen monoaminergen Antidepressiva setzt erst nach Wochen oder Monaten ein und dies auch nur bei einem Teil der Patienten. Ketamin kann eine depressive Episode dagegen innerhalb einer Stunde beenden. Die Wirkung hält über eine Woche an, doch die psychotropen Nebenwirkungen – die Fachinformation nennt Flashbacks, Hallu­zinationen, Dysphorien, Angst, Schlaflosigkeit oder Desorientierung – schränken den Nutzen als Antidepressivum ein. Hinzu kommt, dass das Mittel in den Schwarzmarkt gelangen könnte. In Großbritannien wird Ketamin als Droge eingestuft. Der Besitz ist strafbar.

Anzeige

Der Mechanismus der antidepressiven Wirkung von Ketamin war bisher nicht bekannt. Ketamin blockiert im Gehirn den NMDA-Rezeptor, der an der Gedächtnisbildung beteiligt ist. Wie dies depressive Symptome lindert, war vielen Neuropharmakologen bislang ein Rätsel, zumal das R-Enantiomer eine deutlich stärkere antidepressive Wirkung erzielt als das S-Enantiomer – das spiegelbildliche Molekül. Denn das R-Enantiomer bindet deutlich schwächer am NMDA-Rezeptor. Hinzu kommt, dass eine Reihe anderer NMDA-Rezeptorblocker keine antidepressive Wirkung erzielen.

Die Erklärung liefert eine Reihe von Experimenten, die Carlos Zanos von der University of Maryland School of Medicine in Baltimore und Mitarbeiter an Mäusen durchgeführt haben. Die Forscher können zeigen, dass nicht Ketamin, sondern sein Metabolit (2R,6R)-Hydroxynorketamin für die antidepressive Wirkung verantwortlich ist. (2R,6R)-Hydroxynorketamin hat keine blockierende Wirkung am NMDA-Rezeptor, es aktiviert vielmehr den AMPA-Rezeptor. Mit Molekülen, die die AMPA-Rezeptoren blockieren, konnte Zanos bei Mäusen die antidepressive Wirkung von (2R,6R)-Hydroxynorketamin aufheben.

Die Entdeckung könnte klinische Auswirkungen haben, denn die Experimente an Mäusen ergaben, dass (2R,6R)-Hydroxynorketamin vermutlich frei von den disso­ziativen Nebenwirkungen von Ketamin ist. Die Mäuse zeigten keine Veränderung der körperlichen Aktivität, die Sinneswahrnehmung war nicht gestört und die Koordinations­fähigkeiten blieben erhalten.

Die Mäuse machten auch keine Anstalten, die Dosis zu steigern, wenn sie (2R,6R)-Hydroxynorketamin nach Belieben zu sich nehmen konnten, was gegen eine Suchtentwicklung spricht. Die Ergebnisse machen (2R,6R)-Hydroxynorketamin oder vergleichbare Substanzen zu Kandidaten für neue antidepressive Medikamente. In Zukunft dürften die Arzneimittelforscher vermehrt nach AMPA-Aktivatoren statt nach NMDA-Blockern suchen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

26.04.17
Berlin – Trotz eines neuen Gesetzes geht der Handel mit etwa als Badesalz deklarierten Drogengemischen nach Aussagen von Experten fast ungehindert weiter. Die vor allem über das Internet als Legal......
07.04.17
Berlin – Die WHO geht aktuell davon aus, dass weltweit rund 322 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind. In Deutschland allein sind es rund vier Millionen. „Die Sorge vor Stigmatisierung......
06.04.17
Depression: Weltgesundheitstag will Vorurteile und Ängste abbauen
Berlin – Der diesjährige Weltgesundheitstag zum Thema Depression will besser über die Krankheit aufklären. Allein in Deutschland erkranken jährlich mehr als 5,3 Millionen Menschen an einer......
06.04.17
Potsdam – Brandenburgs Gesundheitsministerium verstärkt die Suchtberatung im Süden des Landes. Details dazu sollen bei einem Fachgespräch mit Experten aus den Landkreisen Spree-Neiße,......
06.04.17
Brüssel – Eine als gefährlich eingestufte neuartige Droge soll nach dem Willen der EU-Kommission verboten werden. Die starke psychoaktive Substanz mit dem Namen Acryloylfentanyl oder Acrylfentanyl......
05.04.17
Depression trotz Häufigkeit weiterhin stigmatisierte Erkrankung
Berlin – Ärzte und psychologische Psychotherapeuten können Depressionen meist erfolgreich behandeln. Allerdings erhalten noch immer zu wenige Betroffene professionelle Hilfe. Darauf hat die......
29.03.17
Braunschweig – Die bislang dezentral arbeitenden Wissenschaftler des Zentrums für Pharmaverfahrenstechnik (PVZ) an der Technischen Universität Braunschweig können fortan enger zusammenarbeiten. Der......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige