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Medizin

Künstliche Süßstoffe in der Schwangerschaft machen Kinder dicker

Montag, 9. Mai 2016

dpa

Winnipeg – Die Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft täglich künstliche Süßstoffe konsumiert hatten, waren im Alter von einem Jahr doppelt so häufig überge­wichtig wie die Kinder von Frauen, die keine künstlichen Süßstoffe verwendeten. Dies zeigen die Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie in JAMA Pediatrics (2016; doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.0301).

Viele Erwachsene sehen in künstlichen Süßstoffen eine plausible Strategie zur Gewichtsabnahme. Ob diese Strategie aufgeht, ist unklar. Epidemiologische Studien fanden sogar Hinweise, dass der vermehrte Verzehr von künstlichen Süßstoffen das Risiko auf Adipositas und Typ 2-Diabetes eher erhöht. Bewiesen ist das jedoch nicht.

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Meghan Azad von der Universität von Manitoba in Winnipeg hat jetzt erstmals untersucht, wie sich der Verzehr von künstlichen Süßstoffen in der Schwangerschaft auf das Gewicht der Säuglinge auswirkt. Diese Frage ist bedeutsam, da in den reicheren Ländern jedes fünfte Kind bereits im Vorschulalter übergewichtig ist. Sollte diese Neigung bereits in der Schwangerschaft angelegt sein?

Azad hat hierzu die Daten der „Canadian Healthy Infant Longitudinal Development“ oder CHILD-Studie ausgewertet. Die Studie begleitet derzeit Familien in vier Regionen Kanadas seit der Schwangerschaft der Mutter. Die Mütter wurden in Fragebögen unter anderem auch nach dem Konsum von künstlichen Süßstoffen gefragt. Awad setzte dies einmal mit dem Geburtsgewicht und dann mit dem Gewicht im Alter von einem Jahr in Beziehung. Zum Geburtsgewicht fand sie keine Assoziation. Doch im Alter von einem Jahr waren Kinder von Müttern, die täglich künstliche Süßstoffe eingesetzt hatten (dies waren immerhin 5,1 Prozent aller Schwangeren) mehr als doppelt so häufig überge­wichtig. Azad  ermittelte eine Odds Ratio vom 2,43 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,30-4,55).

Azad musste in ihren Berechnungen allerdings eine Reihe von Risikofaktoren berück­sichtigen, die sich ebenfalls auf das Körpergewicht der Kinder auswirken könnten. Dazu gehört, dass Schwangere, die Süßstoffe konsumieren, häufiger selbst übergewichtig sind (was ja häufig die Motivation für den Verzehr von Süßstoffen ist). Sie waren auch häufiger an einem Schwangerschaftsdiabetes erkrankt – eine direkte Folge des Übergewichts. Schwangere, die täglich Süßstoffe verzehrten, stillten ihre Kinder nicht so lange (was sich ebenfalls auf das Gewicht der Kinder auswirken könnte) und sie gaben ihren Säuglingen häufiger bereits in den ersten vier Monaten feste Nahrungsmittel (wovon ebenfalls abgeraten wird).

Nach der Einbeziehung dieser möglicherweise konkurrierenden Risikofaktoren (und einiger anderer, etwa das Rauchen) sank die Odds Ratio auf 2,19, war aber mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,23 bis 3,88 weiterhin signifikant. Dies bedeutet, dass der Verzehr von Süßstoffen einen Einfluss haben könnte. Sicher ist dies jedoch nicht, da Rauchen und Übergewicht Kennzeichen eines ungesunden Lebensstils sind, zu dem noch andere Faktoren gehören, die die Studie nicht berücksichtigen konnte. Eine Kausalität lässt sich durch die Studie nicht belegen.

Interessanterweise war jedoch der häufige Konsum von zuckerhaltigen Süßgetränken nicht mit einem Übergewicht der Säuglinge im Alter von einem Jahr assoziiert. Awad kann zudem die Ergebnisse von tierexperimentellen Studien an Nagern anführen, in denen der Nachwuchs ein vermehrtes Interesse an gesüßtem Futter zeigte, schneller an Gewicht zulegte und als ausgewachsene Tiere häufiger Fettstoffwechselstörungen und eine Insulinresistenz entwickelte, wenn das Muttertier mit Süßstoffen gefüttert worden war.

Klären könnten die Frage nur die randomisierte klinische Studie, zu der Mark Pereira von der Universität von Minnesota in Minneapolis und Matthew Gillman von der Harvard Medical School in Boston im Editorial raten. Ob eine solche Untersuchung jedoch zustande kommt, bleibt abzuwarten. Vorsichtshalber raten die Editorialisten den Frauen, in der Schwangerschaft reichlich zu trinken – weil das Blutvolumen steigt und auch die Fruchtblase letztlich durch die Flüssigkeitszufuhr der Schwangeren gefüllt werden muss.

Dies kann allerdings auch mit nicht gesüßten Getränken erreicht werden, zumal eine allzu rasche Gewichtszunahme in der Schwangerschaft das Risiko von Gestationsdiabetes erhöht und sich möglicherweise auch auf die Gewichtsentwicklung des Säuglings auswirkt. © rme/aerzteblatt.de

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