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Medizin

Schwangerschafts­abbrüche: Inzidenz sinkt nur in reicheren Ländern deutlich

Donnerstag, 12. Mai 2016

New York City - Weltweit wird jede vierte Schwangerschaft mit Absicht vorzeitig beendet. In den reicheren Ländern ist die Inzidenz von Schwangerschaftsabbrüchen im letzten Jahrzehnt gesunken, in ärmeren Ländern ist sie in etwa gleich geblieben, wie eine Untersuchung im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)30380-4) zeigt. Gesetzliche Verbote scheinen keinen Einfluss auf die Häufigkeit zu haben.

Wie viele Schwangerschaften vorzeitig beendet werden, ist nicht bekannt. Nicht alle Länder führen eine Statistik und in Ländern, in denen Abtreibungen unter Strafe stehen, hüten sich die Frauen, sich öffentlich zu bekennen. Gilda Sedgh vom Guttmacher Institute, einer Nicht-Regierungsorganisation mit Sitz in New York, die sich für die Familienplanung einsetzt (also Schwangerschaftsabbrüchen positiv gegenübersteht), musste für ihre Analyse teilweise auf repräsentative (und anonyme) Umfragen und andere Instrumente zurückgreifen.

Ihre Zahlenangaben sind deshalb nur eine Annäherung. Wenn sie zutreffen, dann wurden im Zeitraum 2010 bis 2014 weltweit pro Jahr 56,3 Millionen Schwangerschafts­abbrüche durchgeführt. Das sind 5,9 Millionen mehr als ein Jahrzehnt zuvor. Im Zeitraum von 1990 bis 1994 waren es 50,4 Millionen Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr gewesen.

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Sedgh schätzt, dass im Zeitraum von 2010 bis 2014 ein Viertel aller Schwangerschaften in einem induzierten Abort endeten. Der Anteil sank in den entwickelten Ländern von 39 Prozent in 1990 bis 1994 auf 28 Prozent in 2010 bis 2014. In den weniger entwickelten Ländern stieg der Anteil leicht von 21 auf 24 Prozent an. Eine deutliche Zunahme gab es in Lateinamerika und der Karibik (von 23 auf 32 Prozent), in Süd- und Zentralasien (von 17 auf 25 Prozent) und im südlichen Afrika (von 17 auf 24 Prozent). 

Auch bei der Angabe der Inzidenz, die die Zahl der Abbrüche auf die Gesamtzahl der Frauen im gebärfähigen Alter bezieht, gibt es deutliche Unterschiede zwischen entwickelten, sprich reicheren Ländern und den ärmeren Entwicklungsländern. In den entwickelten Ländern ist die Inzidenz von 46 auf 27 pro 1.000 Frauen und Jahr gefallen. In den weniger entwickelten Ländern nahm die Zahl nur leicht von 39 auf 37 pro 1.000 Frauen und Jahr ab. Dass die Inzidenz im Gegensatz zur absoluten Zahl sinkt, hängt mit dem Wachstum der Weltbevölkerung zusammen.

Sedgh führt die unterschiedlichen Trends darauf zurück, dass es Frauen und Paaren in den entwickelten Ländern heute häufiger gelingt, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden, die die häufigsten Ursachen für einen induzierten Abort sind (medizinische Indikationen spielen eine untergeordnete Rolle). Frauen in den Entwicklungsländern hätten seltener Zugriff zu Verhütungsmitteln oder Beratungen, die sie in die Lage versetzen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme werden Schwangerschaftsabbrüche nicht überwiegend von jüngeren unverheirateten Frauen in Ländern durchgeführt, in denen die Gesetze liberal sind. Laut Sedgh sind drei von vier Frauen verheiratet. Und in Ländern mit gesetzlichen Verboten ist die Inzidenz mit 37 auf 1.000 Frauen und Jahr höher als in Ländern, in denen ein Schwangerschaftsabbruch auf Antrag (auch ohne medizinische Indikation) möglich ist.

Hier betrug die Inzidenz 34 auf 1.000 Frauen und Jahr. Sedgh schließt daraus, dass restriktive Gesetze „Abtreibungen“ nicht verhindern. Sie würden aber das Komplikations­risiko erhöhen. Sedgh beziffert es auf 6,9/1.000 Frauen. Danach kommt es bei etwa 30 Prozent aller illegalen  Abtreibungen zu einer Komplikation. Nach einem legal induzierten Abort liegt die Komplikationsrate bei 0,05 Prozent.   

Auch in Deutschland sinkt die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche. Im letzten Jahr wurden nach Zahlen des statistischen Bundesamtes 99.200 induzierte Aborte gemeldet. Im Jahr 2001 waren es noch 135.000 gewesen. © afp/aerzteblatt.de

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