NewsMedizinBetreuung von Intensivpatienten nach der Entlassung belastet Angehörige stark
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Betreuung von Intensivpatienten nach der Entlassung belastet Angehörige stark

Freitag, 13. Mai 2016

/dpa

Toronto – Die Betreuung von Patienten, die nach einer längeren Beatmung auf der Intensivstation nach Hause entlassen werden, ist für Familienmitglieder oder Freunde häufig eine starke Belastung. In einer Studie aus Kanada zeigten zwei Drittel der Angehörigen in der Anfangsphase depressive Symptome. Nach einem Jahr litt laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2016; 374: 1831-1841) noch fast jeder zweite Angehörige unter Depressionen.

Die Fortschritte in der Intensivmedizin haben dazu geführt, dass immer mehr Schwerst­kranke aus dem Krankenhaus entlassen werden können. Die Patienten sind dann jedoch nicht gesund, und frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass jeder zweite Patient, der auf einer Intensivstation beatmet werden musste, noch ein Jahr nach seiner Entlassung auf Hilfe angewiesen ist. In vielen Fällen übernehmen Familienmitglieder oder Freunde diese Aufgabe, häufig unentgeltlich. Die wenigsten sind psychisch und mental auf die Belastungen vorbereitet, wie die Befragung von 280 Betreuern zeigt, die Jill Cameron von der Universität Toronto durchgeführt hat. 

Anzeige

Die Angehörigen hatten Patienten betreut, die durchschnittlich 26 Tage auf der Intensivstation verbracht hatten und dort über wenigstens sieben Tage mechanisch beatmet worden waren. Ein Jahr nach ihrer Entlassung hatten die Patienten im Durchschnitt weniger als 75 Prozent ihrer Gehleistung (gemessen in der 6-Minuten-Gehstrecke) erreicht. Die Angehörigen wurden mehrmals nach der Entlassung des Patienten kontaktiert.

Dabei füllten sie unter anderem den CES-D-Fragebogen aus, der in epidemiologischen Studien zur Abschätzung einer Depression verwendet wird. Mehr als 15 Punkte gelten als Hinweis auf eine Depression. Wie Cameron berichtet, erfüllten beim ersten Termin sieben Tage nach der Entlassung 67 Prozent der Angehörigen das CES-D-Kriterium einer Depression. Nach drei Monaten waren es noch 49 Prozent und nach 6 und 12 Monaten jeweils 43 Prozent. Ähnliche Muster zeigten sich Cameron zufolge im PANAS-Fragebogen zum psychologischen Wohlbefinden und im MCS-Fragebogen zur mentalen Gesundheit. Nur im PCS-Fragebogen zur körperlichen Gesundheit erreichten die Patienten normale Werte.

Die Angehörigen waren den Herausforderungen der Pflege zwar körperlich, nicht aber psychisch gewachsen. Die Belastung sei vermutlich sogar höher als bei der Betreuung von Demenzkranken, meint Cameron und verweist auf eine andere Studie, in der 32 Prozent der Betreuer einen CES-D-Score von über 15 hatten. In der Normal­bevöl­kerung, in der auch nicht alle Menschen psychisch gesund sind, liege der Anteil bei 12 Prozent.

Es gab zwei Gruppen von Angehörigen: In der ersten Gruppe besserten sich die depressiven Symptome mit der Zeit. Dies war bei 84 Prozent der Pflegenden der Fall. Bei den anderen 16 Prozent war auch nach einem Jahr keine Besserung erkennbar. Am ehesten kamen ältere Menschen mit den Belastungen der Pflege zurecht, vor allem, wenn sie sich um einen Ehepartner kümmerten, berichtet Cameron. Auch ein höheres Einkommen, bessere soziale Unterstützung und ein höheres Selbstvertrauen („sense of control“) und eine starke Persönlichkeit („personal growth“) könnten den Angehörigen helfen, den Belastungen der Pflege standzuhalten. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

17. September 2019
Berlin – Pflegende Angehörige mit weniger Geld haben einer Studie zufolge zuletzt etwas mehr Zeit für die Pflege zuhause aufgewendet als reichere. Ablesbar ist das am Einkommen, vor allem aber am
Mit steigendem Vermögen sinkt der Zeiteinsatz für Pflege zuhause
12. September 2019
Berlin – In die Debatte um eine Reform der Intensivpflege hat sich jetzt auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, eingeschaltet – und die Pläne scharf kritisiert. Er
Behindertenbeauftragter gegen Spahns Pläne für Intensivpflege
10. September 2019
Berlin – In der Debatte um ein neues Gesetz zur Intensivpflege hat die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Ausnahmeregelungen für eine Versorgung von erwachsenen Beatmungspatienten in ihrem heimischen Umfeld
Bundesärztekammer mahnt Selbstbestimmung bei Intensivpflege an
6. September 2019
Berlin – Gut ein Drittel aller Kliniken kann seine Betten aufgrund der Personaluntergrenzen nicht voll auslasten. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Deutschen Krankenhausinstitutes (DKI) hervor.
Jede dritte Klinik muss Betten auf Intensivstationen zeitweise schließen
6. September 2019
Berlin – Der Sozialverband SoVD mahnt eine finanzielle Aufwertung der Pflege in der Familie an. „Pflegende Angehörige leisten täglich einen erheblichen seelischen, körperlichen und finanziellen
Sozialverband mahnt finanzielle Unterstützung pflegender Angehöriger an
4. September 2019
Jena – Zahlreiche Prognosemodelle zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs bei verschiedenen neurologischen und neurochirurgischen Krankheitsbildern weisen offenbar erhebliche Lücken auf. Das berichten
Viele Prognosemodelle in der Neurointensivmedizin lückenhaft
3. September 2019
Wiesbaden – Die Zahl der auf Pflege angewiesenen Menschen in Deutschland steigt weiter an. Dabei werden drei Viertel der Pflegebedürftigen allein oder mehrheitlich durch Angehörige zu Hause versorgt,
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER