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Politik

„Der Wettbewerb macht die Krankenkassen depressiv“

Freitag, 13. Mai 2016

Bünde – In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis der Krankenkassen gewandelt – sie wollen die Gesundheitsversorgung nicht mehr nur bezahlen, sondern mitgestalten. Nicht selten kommt es dabei zu Konflikten mit der Ärzteschaft. Hans-Jürgen Beckmann, Netzarzt in Westfalen-Lippe, gestaltet die ambulante Versorgung seiner Region seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen mit. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt spricht er von den gemeinsamen Nöten von Kassen und Ärzten und wie das Miteinander vor Ort gelingen kann. 

Fünf Fragen an Hans-Jürgen Beckmann, Vorstand des Ärztenetzes „Medizin und Mehr“ in Bünde

DÄ: Früher waren Krankenkassen Sinnbild des Solidargedankens. Heute haben sie sich zu machtbewussten Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Beckmann: Mir fällt schwer, den Einzelfall gegen eine wirkliche Tendenz abzugrenzen. Aus der Erfahrung heraus, selbst oft Opfer von Verallgemeinerung zu werden, bin ich hier vorsichtig. Außerdem halte ich die Begrifflichkeit machtbewusst und Wirtschafts­unter­nehmen für falsch. Krankenkassen haben die gleichen Nöte mit dem Wirtschaftlichkeitsgebot wie Ärzte auch, nur ihr Verwaltungsapparat ist größer und macht sie schwerfällig. Wir sprechen immer von Versorgungsmanagement. Wo fängt das an, wo hört es auf? Wir stehen immer noch am Anfang mit dringend überfälligen Veränderungen. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann schaffen wir das in jedem Fall nur gemeinsam. Ich sehe aber auch: Der Wettbewerb macht die Krankenkassen depressiv. Das ist kontraproduktiv, hemmt Aktivität, macht sie in weiten Teilen sogar unmöglich.

DÄ: Welche negativen Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit Krankenkassen gemacht?
Beckmann: Ich bin Vorsitzender eines Ärztenetzes und adressiere berufspolitisch in dieser Funktion schon seit langem, dass wir kein nachhaltiges Finanzierungskonzept haben. Dies liegt besonders daran, dass kassenübergreifende Selektivverträge eine Rarität sind. Und das ist in Verhandlungen schon schwer frustrierend festzustellen, dass gute Konzepte dem Kassenwettbewerb geopfert werden. So bleiben Verträge mit kleinen Fallzahlen längst hinter den Erwartungen zurück.

DÄ: Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht?
Beckmann: Bereits seit 2005 sind wir in Bünde selektivvertraglich mit BKKen aus Ostwestfalen verbunden. In nunmehr elf Jahren Verhandlungen an einem Tisch, aber auch in damit einhergehenden Perspektivwechseln hat sich ein Vertrauensverhältnis ausgebildet. Da gehen plötzlich Dinge, die sonst unmöglich wären.

DÄ: Erleben Sie in Ihrem Alltag, dass manche Patienten aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Krankenkasse andere Leistungen aus dem System erhalten als andere Patienten? Wenn ja, wie ausgeprägt ist dieses Phänomen?
Beckmann: Selbstverständlich erleben wir das! Das ist sozusagen Alltagsgeschäft und ja auch vom Gesetzgeber so gewollt. Die Option zu Selektivverträgen beinhaltet sozusagen eine Zwei-Klassen-Medizin. Sehen wir uns das Ganze aber einmal genauer an, muss man feststellen, dass die originäre medizinische Leistung meist dieselbe ist. Und das ist auch gut so, ich kann diese Patienten ja nicht besser oder schlechter operieren als andere! Eher selten werden tatsächlich zusätzliche Leistungen angeboten, wie zum Beispiel kostenlose Kursangebote. Die Unterschiede finden häufig eher im Servicebereich statt, so zum Beispiel bei der bevorzugten Terminvergabe. Aber Sie sehen, dass mein Seitenhieb auf die Zwei-Klassen-Medizin gar nicht so falsch ist, befinden wir uns doch hier in einer Thematik, die in den Köpfen von GKV-Versicherten oft mit Privatversicherung verbunden ist.

Krankenkassen: Solidargedanke in Gefahr?

Revolutionär war die Kran­ken­ver­siche­rung Ende des 19. Jahrhunderts. Was ist heute von ihr geblieben? Krankenkassen haben sich zu großen Unternehmen entwickelt – das macht Ärzten die Zusammenarbeit mit ihnen nicht leichter. Ein Streifzug durch ein ambivalentes Verhältnis 

DÄ: Auf welche Aufgaben sollten sich die Krankenkassen aus Ihrer Sicht beschränken und welche Aufgaben sollten sie ausschließlich den Ärzten überlassen?
Beckmann: Diese Aufgabentrennung kann und will ich gedanklich nicht mitgehen. Denn genau diese führt dazu, was mich alltäglich ärgert. Soll ich Ihnen mal den Stapel von Krankenkassenanfragen auf meinem Schreibtisch zeigen? Es gibt nicht umsonst in Westfalen-Lippe eine aus Ärzten und Krankenkassen besetzte Arbeitsgruppe in Sachen Bürokratieabbau. Diese rührt aus einem Misstrauensvotum und mangelnder Kooperation. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #672734
isnydoc
am Dienstag, 17. Mai 2016, 04:08

Insgesamt eine sehr "verquaste Angelegenheit"

Anscheinend hat weder die Redaktion noch der Super-Ärztenetz-Funktionär eine Vorstellung davon, wie die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung entlang Sozialgesetzbuch V. in Deutschland organisiert wird.
Im Wettbewerb um Schlafmützigkeit - falls den überhaupt jemand propagieren würde - wären die Interviewpartner aussichtsreiche Favoriten.
Avatar #675503
Widerstand
am Samstag, 14. Mai 2016, 17:16

Depressive Krankenkassen

Es ist furchtbar, doch ich hoffe, dass die Vorstände alle depressiv sind, denn so dreiste Abzockerei von angeblich Versicherten, kann nur aus kranken Gehirnen kommen.
Einer Versicherten wird mit dem MDK gedroht, wenn sie nicht sagen kann, wie lange sie noch krank sein wird.
Eine Folge-AU wird abgelehnt, weil der Zetiraum angeblich gesetzlich unzulässig.
Ein Bescheid wird 4 Wochen nach AU erst auf Aufforderung ausgestellt.
Eine dringend erforderliche ReHa wird abgelehnt, weil die Klinik nicht genehm ist.
Geld kassieren, Zusatzbeiträge erheben und Verweigerungshaltung einnehmen. Das ist perverse Abzockerei und Depressionen sind dafür ein viel zu geringe Bestrafung.
LNS

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