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Medizin

Halluzinogen Psilocybin lindert Depressionen in offener Studie

Dienstag, 17. Mai 2016

Braungrauer Dachpilz (Pluteus salicinus), ein Rauschpilz mit psychoaktiven Giftstoffen /dpa

London – Das Halluzinogen Psilocybin, Bestandteil von Pilzen, die als „Magic Mushrooms“ Bekanntheit erlangten und als Folge in den meisten Ländern verboten sind, hat in einer kleinen offenen Studie die Depressionen von Patienten gelindert, die zuvor erfolglos mit anderen konventionellen Medikamenten behandelt worden waren. Dies zeigen die in Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/ S2215-0366(16)30065-7) publizierten Ergebnisse der Studie.

Die „psychedelische“ Wirkung von Pilzen aus der Gattung der Psilocybe, die Schamanen und Medizinmänner in verschiedenen Kulturen seit Langem nutzen, wurden der breiteren Öffentlichkeit im Jahr 1957 durch einen Beitrag des Ethnomykologen R. Gordon Wasson in der Zeitschrift Life vorgestellt. Kurze Zeit später gelang es dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann, dem „Erfinder“ von LSD, die für den Rausch verantwortliche Substanz Psilocybin zu isolieren.

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Nach heutiger Kenntnis handelt es sich bei der Droge, deren Wirkung durch den Metaboliten Psilocin entsteht, um einen Agonisten am Serotonin 2A-Rezeptor. Die Wirkung ist damit vergleichbar mit den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), die heute als Antidepressiva eingesetzt werden. Der Unterschied besteht in der Selektivität für den Subtyp 2A des Rezeptors und in der direkten serotonergen Wirkung, während SSRI über den Umweg einer verminderten Wiederaufnahme des Neurotrans­mitters zum einen schwächer wirksam sind und die Wirkung zum anderen auch erst nach einigen Wochen einsetzt – wenn überhaupt: Etwa 20 Prozent aller Patienten mit Depressionen sprechen nicht auf SSRI an.

Die Wirkung von Psilocybin bei Depressionen zu untersuchen, ist deshalb eigentlich keine ungewöhnliche Idee. Der Konsum der Halluzinogene ist jedoch in den meisten Ländern tabuisiert, die Herstellung illegal und ihr Besitz strafbar. Die Brisanz von Psilocybin ist auch David Nutt bewusst. Der international renommierte Neuropharma­kologe wurde vor einiger Zeit als Vorsitzender des Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD), die die britischen Regierung in Drogenfragen berät, abgesetzt, nachdem er sich für eine Neueinstufung von psychedelischen Drogen einsetzte und dabei Cannabis, LSD und Ecstasy als weniger schädigend für den Körper einstufte als Alkohol und Tabak.

Nutt, der jetzt am Imperial College London tätig ist, benötigte längere Zeit, um die Genehmigung für die aktuelle Pilotstudie zu erhalten. Und die Droge musste er aus dem Ausland – von der Firma THC-pharm aus Frankfurt – beschaffen. Zu erheblichen Kosten. Laut Recherchen der BBC musste das Team 1.500 Pfund pro Dosis bezahlen. In einer normalen Welt ohne Verbote hätte der Preis wohl bei 30 Pfund gelegen, meint Nutt.

Doch schließlich konnten die Forscher im Mai letzten Jahres mit ihrer Pilotstudie beginnen. Nach der Ankündigung der Studie und den Medienberichten hatten sich sogleich 72 Interessenten gemeldet, von denen schließlich zwölf ausgewählt wurden. Zu den Einschlusskriterien gehörte eine mittelschwere bis schwere Major-Depression (mit mindestens 17 von 21 Punkten auf der Hamilton Depression Rating Scale, HAM-D). Die Patienten (jeweils sechs Frauen und Männer) litten im Durchschnitt seit 17,8 Jahren an Depressionen. Sie waren zuvor erfolglos mit mindestens zwei Antidepressiva (über mindestens sechs Wochen) behandelt worden. Elf Patienten hatten zuvor auch eine Psychotherapie erhalten. Zu den Ausschlusskriterien gehörten aktuelle oder frühere psychotische Störungen (oder eine positive Familienanamnese), Selbstmordgedanken oder Manien in der Vorgeschichte sowie eine aktuelle Drogen- oder Alkohol­abhängigkeit.

Wie sich schnell herausstellte, waren die Teilnehmer keineswegs repräsentativ für Patienten mit Depressionen, der Ausbildungsstand war höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Sechs Teilnehmer waren arbeitslos und fünf gaben an, dass sie schon einmal mit der Droge experimentiert hätten (auch wenn dies in der Regel viele Jahre zurückgelegen habe). Diese Tatsache und die intensiven Vorgespräche, in denen die Wirkung von Psilocybin erläutert wurden, könnte zu einer gewissen Erwartungshaltung geführt haben, die gerade bei Depressionen die Wirksamkeit eines Medikaments beeinflusst.

Auch die Durchführung der Behandlung war für klinische Verhältnisse ungewöhnlich. Die Teilnehmer wurden – nach ausführlichen Drogentests – in einen leicht abgedunkelten Raum geführt, wo sie es sich auf einem Bett bequem machen sollten. Aus Laut­sprechern wurden sie mit Musik berieselt. Am ersten Untersuchungstag erhielten sie 10 mg der Droge. Am zweiten Untersuchungstag eine Woche später wurde die Dosis auf 25 mg erhöht. An beiden Seiten des Bettes standen Psychiater bereit, um die Patienten bei ihrem „Trip“ zu begleiten. Sie kontrollierten regelmäßig Puls und Blutdruck. Für den Notfall lagen Lorazepam oder Risperidon bereit.

Wie die Forscher berichten, setzen die akuten psychedelischen Wirkungen nach 30 bis 60 Minuten ein, sie erreichten nach 2 bis 3 Stunden ihren Höhepunkt und klangen danach über 6 Stunden langsam wieder ab. Die psychedelischen Wirkungen wurden von den Patienten nach der niedrigen Dosis mit 0,51 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 1) und nach der höheren Dosis mit 0,75 Punkten eingestuft.

Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren eine vorübergehende Angst (meist mild), die von allen zwölf Probanden berichtet wurden. Eine vorübergehende Verwirrung oder Denkstörungen wurde bei neun Teilnehmern beobachtet. Vier Teilnehmer klagten über vorübergehende Übelkeit und ebenso viele über vorübergehende Kopfschmerzen.

Die Kopfschmerzen traten in der Regel einen Tag nach der Psilocybin-Sitzung auf und klangen nach ein bis zwei Tagen wieder ab. Ein Patient entwickelte leichte Wahnvorstellungen, von denen er sich laut den Forschern aber bald wieder erholte. Verlängerte psychotische Symptome seien bei keinem der Patienten aufgetreten, versichert Nutt. Eine Patientin kontaktierte die Psychiater drei Monate nach der Studie, weil sich ihre Depression verschlechtert hatte. Sie wurde an ihren Hausarzt verwiesen.

Ingesamt entsprachen die Nebenwirkungen den Erwartungen und für Nutt steht einer Fortführung der Studie an einer größeren Teilnehmerzahl nichts im Wege. Dort soll dann die antidepressive Wirkung genauer untersucht werden. In der Pilotstudie berichten alle Patienten bei der ersten Nachuntersuchung nach einer Woche von einer Verbesserung: Acht der zwölf Patienten erreichten eine vorübergehende Remission der Depression. Bei der letzten Nachuntersuchung nach drei Monaten zeigen noch sieben Patienten eine Besserung der Depression (davon waren fünf in klinischer Remission).

Bei den fünf übrigen Patienten war es wieder zu einer Verschlechterung der Depression gekommen. Die depressiven Symptome wurden allerdings nicht mit dem HAM-D-Fragebogen, sondern mit einem etwas ungenaueren Quick Inventory of Depressive Symptoms erhoben. Dennoch sprechen die Ergebnisse für eine Wirkung von Psilocybin, meint Nutt. Angesichts der langjährigen Depression der Patienten wäre eine spontane Erholung sehr ungewöhnlich gewesen. © rme/aerzteblatt.de

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