NewsAusland20 Jahre nach Vernichtungs­beschluss: Pockenviren lagern weiter
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

20 Jahre nach Vernichtungs­beschluss: Pockenviren lagern weiter

Dienstag, 24. Mai 2016

/dpa

New York – Die Aufregung im Sommer 2014 war groß: Bei einem Umzug finden Wissen­schaftler in einem Abstellraum der US-Gesundheitsbehörde NIH nahe der Hauptstadt Washington mehrere Reagenzgläser mit Pockenviren. Sie stammten wohl aus den 1950er Jahren und waren einfach vergessen worden – dabei gehören Pocken zu den gefährlich­s­ten Infektionskrankheiten der Welt. Die Reagenzgläser seien sofort in Sicherheit gebracht worden und Menschen zu keiner Zeit in Gefahr gewesen, versicherte die US-Kontroll­behörde für Infektionskrankheiten CDC rasch.

Aber Vorfälle wie dieser lassen bei vielen Menschen die Angst vor den Pocken wieder aufflammen. Zu den Frühsymptomen der Krankheit zählen hohes Fieber und Abgeschlagenheit. Danach entwickeln sich besonders an Gesicht, Armen und Beinen charakteristische Bläschen.

Anzeige

Dabei war die Krankheit, die im 18. Jahrhundert alleine in Europa 60 Millionen Menschen das Leben kostete, regulär zum letzten Mal 1977 in Somalia aufgetreten. Kurz darauf wurden die Pocken von der Welt­gesund­heits­organi­sation WHO nach einem weltweiten Impfprogramm offiziell als ausgerottet erklärt. Ein Riesen-Erfolg.

Auch alle noch verbliebenen Restbestände von Pockenviren in Labors sollten vernichtet werden, wie die WHO bei ihrer 49. Jahresversammlung vor 20 Jahren am 25. Mai 1996 beschloss. Als Frist wurde der Sommer 1999 angesetzt – doch auch mehr als 15 Jahre später lagern die letzten offiziellen Bestände weiter in einem US-amerikanischen und einem russischen Labor.

Die WHO hat Frist und endgültige Entscheidung zu dem Thema immer wieder vertagt. Bei einem derzeit stattfindenden Treffen stehe es erneut auf der Tagesordnung, sagte ein WHO-Sprecher. Ob diesmal eine Entscheidung fallen wird, ist noch nicht abzusehen.

„Die Hauptursache dafür ist politisch“, sagt David Evans, Mediziner an der Universität im kanadischen Alberta, der sich seit Jahren mit Pocken beschäftigt. Die zuständigen Politiker schwankten zwischen der Sorge vor Bio-Terrorismus und der Notwendigkeit der Forschung an den Viren. „In den USA liegt eine endgültige Entscheidung gerade ein bisschen auf Eis. Und in Russland ziehen sie einfach mit, sie werden ihre Bestände nicht zerstören, bevor die USA sie nicht zerstören, das ist eine Sache des Nationalstolzes.“

Die Bestände seien sicher, sagt Evans, der beide Labore mehrfach inspiziert hat. Die Viren lagern in der Nähe von Nowosibirsk in Russland und in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. „Die Viren werden unter anderem von Männern mit Waffen bewacht.“ Die Gefahr, dass die Erreger in die Hände von Terroristen kämen, sei extrem gering, sagt der Mediziner. „Heutzutage könnten Terroristen sie synthetisch nachbauen, das wäre viel einfacher als die Viren zu klauen.“

Die Forschung an den Pocken könnte aber deutlich heruntergefahren, wenn nicht sogar ganz beendet werden, sagt Evans. „Wir haben gegen Pocken ein gutes Medikament, einige gute Impfstoffe und gute Diagnose-Möglichkeiten. Ich bin nicht überzeugt, dass die andauernde Forschung noch von Wert ist.“

Und eine völlige Vernichtung der Viren? Das ginge zu weit, findet Evans. „Wir sollten sie da lassen, wo sie sind, wegsperren und überwachen. Wenn wir sie dann – aus was für einem Grund auch immer – doch noch einmal brauchen sollten, dann haben wir sie und müssen sie nicht extra synthetisch nachbauen.“ © dpa/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

29. August 2019
Berlin – Die Diakonie Katastrophenhilfe hat vor der Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera und Ebola in Kriegsgebieten gewarnt. „Ausbruch und Verbreitung von Infektionskrankheiten fallen dort nicht
Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor Seuchen in Kriegsgebieten
22. August 2019
Genf – Die Vorkommen von Mikroplastik im Trinkwasser und seine etwaigen gesundheitlichen Auswirkungen sind weitestgehend unerforscht und müssen noch viel genauer untersucht werden. Zu diesem Schluss
Gesundheitliche Schäden durch Mikroplastik im Trinkwasser noch unklar
21. August 2019
Köln – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nach einem intensiven Prüfprozess erneut zum WHO-Kollaborationszentrum für sexuelle und
BZgA erneut zum WHO-Kollaborationszentrum ernannt
14. August 2019
New York – US-Forscher haben bei Kindern mit akuter schlaffer Myelitis, einem Polio-ähnlichen Krankheitsbild, Antikörper gegen Enteroviren im Liquor entdeckt. Mit dem Bericht in mBio (2019; doi:
Akute schlaffe Myelitis: Antikörper gegen Enteroviren im Liquor nachgewiesen
9. August 2019
Berlin/Toronto – Eine Erkrankung des Knochenstoffwechsels, die der Paget-Krankheit des heutigen Menschen ähnelt, haben Wissenschaftler vom Museum für Naturkunde Berlin, der Charité Universitätsmedizin
Forscher diagnostizieren Morbus Paget ähnliche Erkrankung bei 289 Millionen Jahre alter Echse
5. August 2019
Bethesda/Maryland – Ein Impfstoff gegen das Respiratorische Syncytial-Virus (RS-Virus) hat erstmals in einer klinischen Studie die Bildung von Antikörpern induziert, die vor einer Infektion mit dem
RS-Virus: Impfstoff erzeugt protektive Antikörper in klinischer Studie
26. Juli 2019
Silver Spring/Maryland – Ein in Südkorea entwickelter DNA-Impfstoff gegen das MERS-Coronavirus hat sich in einer ersten klinischen Studie als sicher erwiesen. Laut dem Bericht in Lancet Infectious
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER