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Medizin

Epigenetik: Wie Armut auf Dauer psychisch krank macht

Donnerstag, 26. Mai 2016

/dpa

Durham/North Carolina – Ein Gen, das Serotonin aus dem synaptischen Spalt entfernt und Angriffspunkt von Antidepressiva ist, ist bei Jugendlichen, die in ärmeren Familien aufwachsen, häufiger durch Anhängen von Methylgruppen abgeschaltet, was in einer Studie in Molecular Psychiatry (2016; doi: 10.1038/mp.2016.82) zu einer vermehrten Reaktion der Corpora amygdala in der funktionellen Kernspintomographie führte. Die Studie könnte erklären, warum Depressionen in ärmeren, konfliktbeladenen Familien häufiger auftreten und warum diese Depressionen möglicherweise „vererbt“ werden.

Kinder, die in armem Familien aufwachsen, sind in gesundheitlicher Hinsicht in vielen Bereichen benachteiligt. Die Erziehung ist häufig autoritär, die Ernährung ist weniger ausgewogen, die Eltern rauchen häufiger (die Mutter vielleicht auch in der Schwangerschaft) und der Stress der Eltern, in prekären Lebensverhältnissen über die Runden zu kommen, überträgt sich vielleicht auch auf die Kinder. Angst und Depressionen treten in Familien mit geringem sozioökonomischen Status häufiger auf.

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Ein Team um den Psychologen und Neurowissenschaftler Ahmad Hariri von der Duke University in Durham/North Carolina versucht die zugrunde liegenden Mechanismen zu klären. Ein möglicher Ansatzpunkt ist die Aktivität des Gens SLC6A4. Es enthält die Information für den Serotonin-Transporter, der den Neurotransmitter aus dem synaptischen Spalt zurück in das Neuron pumpt. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSIR), die am häufigsten eingesetzten Antidepressiva, haben hier ihren Wirkungsmechanismus. Es ist bekannt, dass Varianten im SLC6A4-Gen das Risiko einer Depression beeinflussen. Neben Genmutationen sind jedoch auch epigenetische Einflüsse wirksam. Durch Methylierung kann die Ablesung des Gens vermindert und damit die Effektivität des Serotonin-Rücktransports beeinflusst werden.

Die US-Forscher haben dies an einer Gruppe von 132 Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren untersucht, von denen etwa die Hälfte eine positive Familienanamnese hatte: Die Erkrankung naher Verwandter ist ein bekannter Risikofaktor für Depressionen. Die Jugendlichen waren (noch) nicht erkrankt. Einige zeigten bei einer sogenannten funktionellen Kernspintomographie jedoch eine vermehrte Aktivität in den Corpora amygdala. Den Jugendlichen waren Fotos von ängstlichen Gesichtern gezeigt worden, während sie sich in der Röhre des Kernspintomographen befanden. Dabei zeigten jene Jugendliche, die aus sozioökonomisch schwächeren Familien kamen und besonders viele Methylierungen im SLC6A4-Gen aufwiesen, die stärkste Reaktion in den Corpora amygdala.

Diese Kinder zeigten in einer späteren Nachuntersuchung im Alter von 14 und 19 Jahren am häufigsten depressive Symptome. Der Zusammenhang war besonders deutlich bei den Kindern mit einer positiven Familienanamnese. 

Die Ergebnisse liefern einen plausiblen Wirkungsmechanismus, über den sozialer Stress in Familien die Entstehung von Depressionen fördern könnte. Da epigenetische Veränderungen teilweise auf die nächste Generation weitergegeben werden, ließe sich auch die familiäre Häufung erklären. Da epigenetische Tests in Blutproben durchgeführt werden, wäre ein Screeningtest vorstellbar, mit dem gefährdete Jugendliche frühzeitig erkannt werden können. So weit ist die Forschung jedoch noch lange nicht. Im nächsten Schritt wollen die Forscher ihre Experimente an einer Kohorte von etwa 1.000 Personen überprüfen, die in Dunedin/Neuseeland seit ihrer Geburt im den Jahren 1972 bis 1973 beobachtet werden. © rme/aerzteblatt.de

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