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Medizin

Colistin-Resistenz: Gen mcr-1 jetzt auch in den USA

Samstag, 28. Mai 2016

Philadelphia – Das im letzten Jahr in China entdeckte Resistenz-Gen mcr-1, das Darmbakterien unempfindlich gegen das Reserve-Antibiotikum Colistin macht, ist weiter verbreitet als bislang angenommen. Nach Meldungen aus mehreren europäischen Ländern sorgt jetzt auch in den USA ein erster Fallbericht in Antimicrobial Agents and Chemotherapy (2016; doi: 10.1128/AAC.01103-16) für Aufsehen.

Colistin, ein älteres nephrotoxisches Antibiotikum, wurde in der Humanmedizin vor einigen Jahren wiederentdeckt, da es bei multi-resistenten Enterobakterien oft das letzte wirksame Antibiotikum ist. In der Veterinärmedizin, in der die Verträglichkeit von untergeordneter Bedeutung ist, wird Colistin seit längerem eingesetzt. Colistin gehört zu den bei Tieren am häufigsten verwendeten Antibiotika. Eine Resistenzbildung schien bisher unproblematisch, da eine Weitergabe der Bakterien an den Menschen ausgeschlossen schien.

Diese Ansicht wurde kürzlich durch einen Bericht in Lancet Infectious Diseases (2016; 16: 161-168) widerlegt. Forscher aus China entdeckten nicht nur bei Hühnern und Schweinen, sondern auch in einem Prozent der untersuchten menschlichen Stuhlproben Coli-Bakterien, die gegen Colistin resistent waren. Beunruhigend war, dass das Resistenz-Gen mcr-1 sich nicht auf dem Chromosom der Bakterien befand, sondern als Plasmid im Zytoplasma. Es ist bekannt, dass Bakterien Plasmide auch über die Spezies-Grenzen hinweg austauschen können. Im Darm von infizierten Tieren und Menschen bieten sich dafür zahllose Gelegenheiten.

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Es wurde schnell klar, dass das Problem nicht auf China begrenzt ist. Forscher aus den Niederlanden fanden die mcr-1-Resistenz in Stuhlproben von sechs Reisenden, die teilweise wegen Infektionen mit ESBL-resistenten Keimen behandelt wurden. Nur zwei der sechs Touristen hatten China besucht. ESBL steht für beta-Lactamasen mit breitem Wirkungsspektrum und kennzeichnet eine Gruppe von Erregern, gegen die Colistin als Reserveantibiotikum eingesetzt wird (Lancet Infectious Diseases 2016; 16: 147–149).

Keiner der Touristen war mit Antibiotika behandelt worden, so dass sie die Erreger von außen aufgenommen haben mussten, entweder mit der Nahrung oder durch Kontakt mit anderen Infizierten. Französische Forscher wiesen die mcr-1 ebenfalls beim Menschen nach. Neben drei Franzosen waren auch sechs Personen aus Laos, drei aus Thailand und einer aus Nigeria infiziert. Auch in Afrika wird Colistin inzwischen in der Landwirtschaft auf breiter Basis eingesetzt (Lancet Infectious Diseases 2016; 16: 147). 

Es ist deshalb eigentlich keine Überraschung, dass ein Team um Patrick McGann vom Walter Reed Army Institute of Research (WRAIR) in Silver Spring, Maryland mcr-1 jetzt auch bei einer US-Amerikanerin nachwiesen (zumal es auch einen Bericht aus dem Nachbarland Kanada gab). Das WRAIR hatte jüngst begonnen, alle ESBL-positiven E.coli auch auf mcr-1 zu untersuchen. Gleich bei den ersten sechs Untersuchungen gab es einen Treffer.

Die Patientin, eine 49 Jahre alte Frau, die wegen einer Harnwegsinfektion in Behandlung war, hatte in den letzten fünf Monaten keine Reisen unternommen. Sie musste die Erreger in den USA aufgegriffen haben. Die Sequenzierung der Bakterien­gene ergab, dass der Erreger zu einer seltenen E. coli-Variante gehörte, die zuvor in Großbritannien und in Italien beobachtet wurde.

Der jetzt in den USA isolierte Erreger besaß gleich 15 Resistenzgene, die auf zwei Plasmide verteilt waren. Eines der Plasmide war teilweise mit dem Plasmid identisch, auf dem die chinesischen Forscher das mcr-1 zuerst entdeckt hatten. In Deutschland ist das Resistenz-Gen mcr-1 nach einer Mitteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom Januar in Darmbakterien von Nutztieren weit verbreitet. Am häufigsten werde die Colistin-Resistenz bei E. coli von Mastgeflügel nachgewiesen. Mikrobiologen der Universität Gießen wiesen E. coli-Bakterien mit mcr-1 kürzlich erstmals bei einem Patienten nach, der an einer Wundinfektion erkrankt war (Lancet Infectious Diseases 2016; 16: 283).

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) will den Einsatz von Colistin in der Landwirtschaft beschränken. Nach einem Vorschlag der Antimicrobial Advice Ad Hoc Expert Group (AMEG) soll die Gesamtmenge auf 5 mg Colistin/PCU begrenzt werden. PCU („population correction unit“) beschreibt das Gewicht der in einem Land gehaltenen Tiere in Kilogramm. Es soll also weiterhin der Einsatz von 5mg Colistin pro kg Lebendgewicht erlaubt sein. Den Mitgliedstaaten soll es jedoch freigestellt werden, strengere Grenzwerte einzuführen.

Ein zweiter Vorschlag sieht vor, den Einsatz von Colistin auf Infektionen von Tieren zu beschränken, für die keine anderen wirksamen Behandlungen existieren. In diese Kategorie entfallen Medikamente, welche die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) als von entscheidender Bedeutung für die menschliche Gesundheit einstuft. © rme/aerzteblatt.de

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