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Medizin

Mobiltelefone: Studie findet erhöhte Krebsrate bei männlichen Ratten

Montag, 30. Mai 2016

/dpa

Chicago – Männliche Ratten, die in einem 15 Millionen US-Dollar teuren US-Forschungsprojekt von der Zeugung bis zum Alter von zwei Jahren täglich mit elektromagnetischen Feldern (EMF) in der Stärke von Mobiltelefonen (oder stärker) ausgesetzt waren, erkrankten laut einem Bericht in BioRXiv (2016; doi: 10.1101/055699) häufiger als eine Kontrollgruppe, die keiner Strahlung ausgesetzt war, an malignen Gliomen im Gehirn und Schwannomen im Herzen. Bei weiblichen Ratten oder Mäusen beiderlei Geschlechts wurden keine Auswirkungen gesehen. Die Ergebnisse wurden vorzeitig der Presse vorgestellt, überzeugten allerdings nicht alle Experten. 

Die Experimente wurden vom National Toxicology Program durchgeführt, einem von verschiedenen Behörden getragenen Forschungsprogramm, das dem National Institute of Environmental Health Sciences untersteht. In einem Forschungslabor in Chicago waren Ratten und Mäuse in speziellen Räumen in Gruppen zu 90 Tieren nach Geschlecht getrennt über 9 Stunden am Tag den Sendern von GSM und CDMA (dazu gehört UMTS) ausgesetzt.

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Die Exposition erfolgte im gesamten Raum und nicht an spezifischen Körperteilen. Die Stärke der hochfrequenten elektromagnetischen Felder (EMF) betrug 1,5, 3 oder 6 Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Die Grenzwerte für die Mobiltelefone in den USA betragen 1,6 W/kg. Es gab eine Kontrollgruppe von Tieren, die keinen EMF ausgesetzt waren.

Die Experimente sind inzwischen abgeschlossen, die Ergebnisse jedoch erst teilweise ausgewertet. Dennoch entschloss sich das Team um John Bucher am Freitag, in einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit zu informieren und die Teilergebnisse zu publizieren. Der Grund war eine auffällige Häufung von zwei Tumorarten. In einzelnen Gruppen erkrankten 2 bis 3 Prozent der Tiere an einem Gliom. Die Pathologen fanden außerdem bei ein bis 3 Prozent der Tiere eine Hyperplasie von Gliazellen, die noch keinen Tumor anzeigt, aber auf eine Stimulation des Zellwachstums der Gliazellen hinweist. In der Kontrollgruppe ohne EMF-Exposition wurde weder eine Hyperplasie noch ein Krebswachstum beobachtet.

In den Herzen von ein bis 6 Prozent der männlichen Ratten, die mit EMF exponiert wurden, entdeckten die Pathologen Schwannome. Bei 1 bis 3 Prozent der Tiere lag eine Hyperplasie von Schwann-Zellen vor. Schwann-Zellen sind spezialisierte Glia-Zellen, deren Aufgabe die Bildung von Myelin-Scheiden ist. Sie gehören deshalb zum Nervengewebe. Anders als beim Gliom gab es bei den Schwannomen eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, die ein zusätzliches Argument für eine Kausalität ist. Wie bei den Gliomen gab es bei den Schwannomen keine Häufung bei weiblichen Ratten oder bei Mäusen.

Es gab eine Reihe von Unstimmigkeiten, die in die Bewertung einfließen dürften, die die US-Arzneibehörde FDA angekündigt hat. Dazu gehört zum einen, dass Gliome bei Ratten offenbar keine Seltenheit sind. Die Häufigkeit in anderen Studien wird mit etwa 2 Prozent angegeben. Warum in der aktuellen Studie keine Gliome gefunden wurden, ist unklar.

Schwannome sind dagegen auch bei Ratten ungewöhnlich. Vielleicht wurde aber auch nur nicht intensiv genug danach gesucht. Dieser Einwand erscheint gerechtfertigt, da Schwannome im Gegensatz zu Gliomen in der Regel nicht zum Tode führen. Merk­würdig war auch, dass die Schwannome nur im Herzen gefunden wurden, obwohl die Tumore in vielen Organen auftreten können, im Prinzip überall wo es myelinisierte Nerven gibt.

Nicht ganz ins Bild passt auch die Tatsache, dass die Überlebensrate bei den EMF-exponierten Ratten höher war als in der Kontrollgruppe. Nicht alle Experten teilen deshalb die Schlussfolgerungen von Bucher. Der Gutachter Michael Lauer vom National Institute of Health’s Office of Extramural Research kritisierte die statistische Auswertung und vermutet, dass es wohl einige falsch-positive Befunde gegeben habe. 

Es gab aber auch zustimmende Äußerungen. Die American Cancer Society lobt in einer Stellungnahme die qualitativ hochwertige Studie, deren Ergebnisse einen „Paradigmenwechsel in Verständnis von Strahlung und Krebsrisiko“ einleiten würde. Von vielen Forschern wird allerdings bestritten, dass EMF überhaupt eine schädliche Form von Strahlung sein können. Die Energie sei zu gering für ionisierende Effekte, die Grundlage für eine biologische Wirkung sind.

Tumorbiologen gehen davon aus, dass Veränderungen an der DNA nur möglich sind, wenn Elektronen aus ihren natürlichen Bahnen geschossen werden, sprich wenn chemische Reaktionen auftreten (etwa die Bildung von DNA-Addukten). Das ist nur bei ionisierenden Strahlen, nicht aber bei EMF im Bereich der Handy-Strahlung möglich. Die Gruppe um Bucher will allerdings Effekte auf der Ebene der DNA gesehen haben. Ergebnisse sollen zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden.

Die Einschätzungen über eine krebsauslösende Wirkung von „Handy-Strahlung“ gehen weit auseinander. Die International Agency for Research on Cancer (IARC) hatte 2011 elektromagnetische Felder als „potenziell krebserregend” eingestuft und sich dabei auf Ergebnisse epidemiologischer Studien gestützt, die „begrenzte Beweise“ für ein erhöhtes Risiko auf Gliome und Akustikusneurinome ergeben hätten. Tatsächlich könnte aufgrund der häufigen Nutzung von Mobiltelefonen bereits ein geringer Anstieg des relativen Risikos zu einer deutlichen absoluten Zunahme von Krebserkrankungen führen. Hierfür wurden allerdings in bevölkerungsbasierten Studien beispielsweise aus Dänemark bisher keine Hinweise gefunden, obwohl Mobiltelefone bereits seit den 1990er Jahren verbreitet sind.

Derzeit laufen zwei größere epidemiologische Projekte. Die COSMOS-Studie erforscht in fünf europäischen Ländern über einen Zeitraum von fünf Jahren die Handy-Gewohnheiten von fast 300.000 Menschen. Zu den Endpunkten gehören Krebs, neurologische und Herzerkrankungen sowie Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Das Forschungsinstitut in Barcelona geht unter anderem der Frage nach, ob die EMF einer der häufigsten Nutzergruppe – Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 24 Jahren – schaden könnte. © rme/aerzteblatt.de

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