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Politik

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Screening auf psychische Belastungen und Traumafolgen notwendig

Dienstag, 31. Mai 2016

Berlin – Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind auf der Flucht häufiger als begleitete Kinder und Jugendliche Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Oftmals haben sie zudem bereits in ihren Herkunftsländern beides erlebt: unter anderem als Zwangspros­tituierte, Arbeitssklaven oder Kindersoldaten.

Das Risiko, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden, ist hoch, wenn sie in Europa ankommen. 2015 wurden 137.000 Erstanträge auf Asyl in Deutschland von unbegleiteten Minderjährigen gestellt. 91 Prozent davon waren männlich. Die aller­meisten erhalten Bleiberecht: Je nach Herkunftsland liegt die sogenannte Schutzquote zwischen 95 und 100 Prozent. Grund genug darüber nachzudenken, wie eine angemessene Versorgung der psychisch kranken Flüchtlingskinder aussehen und wie sie sichergestellt werden kann.

Fünf Fragen an Jörg M. Fegert, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm und Vorstandsmitglied der Aktion psychische Kranke (APK).

DÄ: Sie haben an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm eine Traumaambulanz. Auf welchem Wege kommen psychisch kranke Flüchtlingskinder zu Ihnen?
Jörg M. Fegert: Es gibt unterschiedliche Wege. Hoch akut als Notfall weisen die Einrichtungen ein, in denen die Kinder und Jugendlichen untergebracht sind, wenn es dort Schwierigkeiten gibt: Also beispielsweise wenn jemand droht sich umzubringen, bei aggressive Auseinandersetzungen oder alkoholisierten Zuständen. Also akute psychiatrische Notfälle, bei denen nicht unsere Traumaambulanz primär reagiert, sondern wir als pflichtversorgende Institution.

Die anderen Wege sind im Prinzip über Ehrenamtliche und Professionelle in Einrichtungen, die erleben, dass jemand erhebliche Schwierigkeiten hat, aber zugleich häufig auch Angst vor der Inanspruchnahme von psychotherapeutischen Leistungen. In vielen Herkunftsländern sind psychische Erkrankungen ja ein Stigma. Insofern müssen wir diesen besonderen Patienten unbedingt erklären, was beispielsweise eine Anamnese ist, dass das vertraulich ist, dass das kein Verhör ist, und dass es keinen Einfluss auf das Asylverfahren hat.

DÄ: Wie helfen Sie den betroffenen Kindern und Jugendlichen?
Fegert: Oftmals geht es darum, ganz basale Dinge zu verbessern, wie beispielsweise den Schlaf und die körperliche Gesundheit. Sehr viele Jugendliche leiden an Befindlich­keits­störungen und Schlafstörungen oder unter Alpträumen und Flashback- Erinne­rungen, und werden deshalb vorgestellt. Es geht dann um Psychotherapie in einem sehr weiten Rahmen: Schlafhygiene, Entspannungstechniken vermitteln, eine sehr schnelle Intervention, die den sicheren Ort, den die Jugendlichen hier haben sollen auch intrap­sychisch sicher macht.

Daneben führen wir bei Jugendlichen, die massive posttrau­matische Belastungs­störungen haben, auch reguläre Traumatherapien durch. Das sind noch nicht viele, weil es dazu auch sprachliche Voraussetzungen und Übersetzungs­möglichkeiten braucht. Aber ich sehe hier noch eine  Welle auf uns zukommen.

DÄ: Haben Sie denn ausreichend Behandlungsplätze zur Verfügung?
Fegert: Wir haben in der Akutversorgung zu wenige Plätze, weil diese zusätzlichen Not­fälle um die begrenzten Notfallkapazitäten mitkonkurrieren und dadurch der Belegdruck steigt. Das heißt, die Ressourcen werden knapper, die Liegezeiten werden noch kürzer. Zugleich haben wir auch in der psychotherapeutischen Versorgung zu wenig Kapazi­täten.

Dazu kommen die Finanzierungschwierigkeiten, so dass wir, in Bezug auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Psychiatrie in der Versorgungsplanung der Länder umdenken müssen. Wir sollten herausfinden, wie viele Menschen mit einem Behandlungsbedarf im jugendlichen Alter, aber auch im jungen Erwachsenenalter, zu uns gekommen sind, die wir unterstützen müssen in den nächsten Jahren. Und dazu brauchen wir ein reliables einheitliches Screening.

DÄ: Welche sind für Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten, die jetzt mit minderjährigen Flüchtlingen zu tun haben, die größten Herausforderungen?
Fegert: Die sprachlichen Barrieren sind auf jeden Fall eine Herausforderung. Sprache würde ich sogar noch ergänzen mit Kultursensibilität. Wenn ich beispielsweise jezidische Mädchen behandele, muss ich etwas über deren kulturellen Hintergrund wissen und auch über die schlimmen Ereignisse in den Krisenregionen. Die kann ich nicht im Einzel­fall erfragen, weil das immer wieder belastend ist.

Die Ärzte brauchen ein gewisses Hintergrundwissen, das heißt, wir brauchen noch viel Fortbildung auch mit modernen Methoden wie E-Learning. Das zweite ist, wir müssen mit unserem Wissen auch rausgehen aus dem Gesundheitssystem. Wir müssen Standards der Traumapädagogik in den pädagogischen Einrichtungen vermitteln, die sich jetzt den Jugendlichen widmen. Damit könnte auch die Zahl der Notaufnahmen in den Krankenhäusern gesenkt werden.

DÄ: Was wünschen Sie sich von der Politik in Bezug auf die Versorgung der minder­jährigen Flüchtlinge?
Fegert: Ich wünsche mir für alle Kinder und Jugendliche Zugang zur Krankenbehand­lung – so wie das die weltweiten Vorgaben auch besagen. Zurzeit ist eine Traumabe­handlung zwar möglich bei den Jugendlichen, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in den Inobhutnahmeeinrichtungen sind. Bei den begleiteten Minderjährigen können wir in den ersten 15 Monaten häufig leider keine Traumabehandlung machen, weil für diesen Zeitraum nur eine rudimentäre Krankenbehandlung in vitalen Notfällen im Asylbewerberleistungsgesetz vorgesehen ist.

Wichtig wäre zudem ein frühzeitiges Screening im Hinblick auf eine Traumabelastung, so dass man eine fachlich begründete Triage machen kann: Alle haben Schlimmes erlebt, aber Gott sei Dank ist die Psyche auch recht stabil. Manche kommen ganz gut zurecht und brauchen einfach eine Schul- oder eine Arbeitsperspektive, oder kulturelle Angebote. Nicht alle brauchen eine Therapie. Das festzustellen sollte aber nicht davon abhängen, wer beispielsweise den besten Betreuer hat. Nach fachlicher Indikationsstellung sollten diejenigen, die am dringendsten Therapie brauchen, auch Therapie bekommen. Doch davon sind wir leider noch weit entfernt. © pb/aerzteblatt.de

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