Politik

Versorgung mit Medikamenten in jedem zweiten Pflegeheim nicht korrekt

Freitag, 3. Juni 2016

Berlin – 60 Prozent aller deutschen Pflegeheime fallen einem Bericht zufolge bei den Qualitätsprüfungen der Kassen negativ auf, wenn es um den medizinisch relevanten Teil der Pflege geht. Dabei handelt es sich zum Beispiel um die Versorgung mit Nahrung, die Schmerzbehandlung oder die Vorsorge für Bettlägerige, wie Welt, NDR und das Recherchezentrum correctiv.org am Donnerstag nach umfangreichen Datenanalysen mitteilten. Für die Untersuchung wurden die Daten aller deutschen Pflegeheime sowie Informati­onen zu allen Landkreisen und Städten ausgewertet.

Mehr als die Hälfte der Heime versorgt demnach die Alten und Kranken den Prüfungen zufolge nicht korrekt mit Medikamenten, mehr als 30 Prozent nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit.

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Hohe Preise garantieren keine Qualität
Die Datenanalyse zeigt auch große Unterschiede bei der Personalausstattung der Pflegeheime. In Bremen arbeiten demnach fast vier von fünf Pflegekräften in Teilzeit, im Saarland sind es hingegen weniger als halb so viele. In manchen Landkreisen, wie dem Saale-Orla-Kreis in Thüringen, arbeiten nach Daten der statistischen Landesämter sogar 90 Prozent der Pflegekräfte in Teilzeit.

Der Untersuchung zufolge ist die Qualität von Pflegeheimen längst nicht immer mit den Preisen in Einklang zu bringen. In Rheinland-Pfalz etwa müssen demnach Heimbewohner das meiste Geld bezahlen, obwohl die Einrichtungen dort am häufigsten bemängelt würden. Ein Heimplatz für einen Bewohner mit der Pflegestufe drei kostet in dem Bundes­land im Schnitt 3.450 Euro pro Monat, mehr als 1.800 Euro davon müssen Pflegebe­dürftige privat zahlen.

Berufsstand wird an den Pranger gestellt
Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) wies darauf hin, dass Missstände benannt werden müssten. Darauf sei diese Berichterstattung aber nicht aus. Sie sei weder differenziert noch ausgewogen. „Einziges Ziel dieser ‚Recherche‘ ist es, einen ganzen Berufsstand und dessen Arbeit durch willkürlich ausgewählte Kriterien, die auch noch aus dem Zusammenhang gerissen sind, an den öffentlichen Pranger zu stellen“, sagte bpa-Präsident Bernd Meurer. Pflegerinnen, Pfleger und Heime machten einen guten Job.

Meurer machte zudem deutlich, dass die Pflegenoten für alle Heime und Dienste kosten­los im Internet einsehbar seien und Hinweise darauf gäben, welche Bereiche genauer hinterfragt werden sollten. Bei der Auswahl einer stationären Einrichtung oder eines ambulanten Dienstes seien die Pflegenoten kein Allheilmittel, so Meurer. Der bpa habe stets darauf hingewiesen, dass etwa die Auswahl eines geeigneten Pflegeheims immer damit verbunden sein solle, sich als Betroffener und auch als Angehöriger ein persön­liches Bild vor Ort zu machen.

Die Pflegenoten stehen schon seit Jahren in der Kritik, weil die zum Teil wenig aussage­kräftigen Einzelbewertungen zu einer Gesamtnote zusammengefügt werden. Das führt dazu, dass der bundesweite Durchschnitt trotz teils gravierender Pflegemängel bei 1,3 liegt. Das bisherige Bewertungssystem soll daher in den nächsten Jahren grundlegend über­arbeitet werden. Bis zur Einführung eines neuen „Pflege-TÜV“ dürfen Heime aber weiter mit den umstrittenen Noten werben. Die Pflegenoten für Heime und ambulante Pflege­dienste war im Sommer 2009 eingeführt worden.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte zuletzt den Druck auf Pflege­kassen und Heimbetreiber bei der Reform des Pflege-TÜV erhöht. „Nötig ist ein Neustart, keine Behelfslösung“, sagte der CDU-Politiker heute den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es reiche nicht aus, die alten Bewertungskriterien bloß neu zu gewichten. Heime und Pflegedienste müssten grundsätzlich anders als bisher bewertet werden.

Ergebnisqualität muss größere Rolle spielen
Die vorliegenden Daten aus den Pflegeeinrichtungen reichten als gut verständliche und belastbare Informationen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen zur Bewertung nicht aus, so der Minister. Künftig müsse die Ergebnisqualität eine viel größere Rolle spielen. „Denn es geht darum, dass Qualität nicht nur dokumentiert wird, sondern auch bei den Pflegebedürftigen ankommt.“

Am kommenden Mittwoch nimmt der neue Pflege-Qualitätsausschuss seine Arbeit auf. Bis Ende nächsten Jahres müssen Pflegekassen und Einrichtungsträger in Abstimmung mit Vertretern der Pflegebedürftigen und der Pflegeberufe ein wissenschaftliches Verfahren zur Qualitätsmessung vorlegen. Ab 2018 soll der neue Pflege-TÜV für die stationäre Pflege gelten, ab 2019 auch für die ambulanten Dienste.

Gröhe warnte Kassen und Heimbetreiber davor, die Frist zu verschleppen: „Wir brauchen endlich einen Pflege-TÜV, der seinen Namen auch verdient. Deshalb machen wir Druck, damit die Pflegeselbstverwaltung den Fahrplan strikt einhält.“ © may/afp/kna/aerzteblatt.de

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