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Medizin

Transkranielle Gleichstrom­stimulation: Krankhafte Müdigkeit mit schwachem Strom behandeln

Freitag, 3. Juni 2016

Über je zwei Elektroden auf der Stirn und am Hinterkopf wird schwacher Gleichstrom durchs Gehirn geleitet Universitaetsklinikum Freiburg

Freiburg – Chronisch müde Patienten könnten ihr erhöhtes Schlafbedürfnis durch eine transkranielle Gleichstromstimulation reduzieren. Das zeigen Freiburger Forscher in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Neuropsychopharmacology publiziert wurde. Ein erster Patient, der seit zehn Jahren an extremer Tagesmüdigkeit litt, konnte mit der nicht invasiven Methode bereits erfolgreich behandelt werden.  

Das Team um Christoph Nissen vom Universitätsklinikum Freiburg untersuchte 19 gesunden Probanden in jeweils fünf Nächten im Schlaflabor. Die Teilnehmer erhielten vor dem Schlafengehen entweder eine Scheinstimulation oder eine zweimal 13 Minuten dauernde Elektrostimulation mit einer Stromstärke von zwei Milliampere. Bei der transkraniellen Gleichstromstimulation (Transcranial Direct Current Stimulation, tDCS) wird ein sehr schwacher, gleichmäßiger Stromfluss durch das Gehirn geleitet. Dafür werden an Stirn und Hinterkopf der Probanden je zwei Elektroden platziert. Die Stimulation selbst spürt der Patient nicht, lediglich das An- und Ausschalten des Stroms wird leicht wahrgenommen.

„Bei den Probanden hat die Gleichstromstimulation das Schlafbedürfnis deutlich verringert, ohne dass negative Effekte auf Konzentration, Wachheit und Gedächtnis­bildung aufgetreten sind“, sagt Studienleiter Nissen, Ärztlicher Leiter des Schlaflabors an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Stimulation führte im Schnitt zu einer Verringerung der Gesamt-Schlafdauer um 25 Minuten (Schlafdauer nach Stimulation: 387 Minuten; ohne Stimulation: 412 Minuten). Weder in psychologischen Tests noch in ihrer Selbsteinschätzung zeigten die Probanden einen Unterschied zu Vergleichs­personen. Auch die Schlafarchitektur, also die Zusammensetzung von Leicht-, Tief- und REM-Schlaf, blieb unverändert.

Grundlage dafür, dass Menschen sich wach und ausgeschlafen fühlen, ist eine hohe Aktivierbarkeit des Gehirns. Diese wird durch sogenannte Arousalprozesse im Gehirn gesteuert. Bei Patienten mit Parkinson, chronischer Depression und Hirnschädigungen, etwa nach einem Schlaganfall, sind diese Arousalprozesse oft verringert, was ein extrem großes Schlafbedürfnis zur Folge haben kann.

Bei vielen Patienten führen die gängigen Therapieverfahren, wie Aktivierungs­programme und Medikamente, nicht zu einer ausreichenden Besserung. „Für diese Patienten könnte die Elektrostimulation in Zukunft eine wirksame und gut verträgliche Behandlungsart sein“, sagt Nissen. Eine entsprechende Therapie ließe sich sogar zuhause durchführen. Vor einer klinischen Anwendung müssten jedoch noch weitere Studien die Wirksamkeit und Sicherheit des Verfahrens untersuchen.

Bei einem chronisch müden Patienten konnten die Ärzte die Wirksamkeit der Methode bereits nachweisen. Der Mann hatte nach einem Bienenstich einen anaphylaktischen Schock erlitten und musste reanimiert werden. In Folge litt er zehn Jahre lang unter extremer Tagesmüdigkeit. Auf bisher verfügbare Therapien sprach er nicht an. Im Abstand von einem Monat wurde er an jeweils drei Tagen mit einer transkraniellen Elektrostimulationen behandelt.

Bereits kurz darauf sank sein Tagschlafbedürfnis von 3,5 Stunden an vier Tagen pro Woche auf 2,5 Stunden an weniger als zwei Tagen. „Natürlich handelt es sich um eine Einzelbeschreibung, die sich nicht einfach verallgemeinern lässt. Aber die Verbesserung, die der Patient dadurch nach vielen weitgehend erfolglosen Therapien erfahren hat, lässt die Weiterentwicklung aussichtsreich erscheinen“, sagt Nissen. © gie/idw/aerzteblatt.de

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